Robocobra Quartet - Living isn't easy

First Taste
VÖ: 17.06.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Schlangen und Scheitern

Früher war alles besser, Teil 437. Damals, zu unbeschwerten Indie-Disco-Zeiten, reichte es für die Aufmerksamkeit großer Musikmagazine schon aus, sich die Gitarre richtig herum umzuschnallen und mal eine Platte von Gang Of Four oder The Velvet Underground aus Papas Mottenkiste stibitzt zu haben. Wer heutzutage nicht mindestens ein Saxofon, vertrackte Rhythmen und sozialkritischen Anti-Gesang im Repertoire hat, darf sich dagegen im Grunde nicht einmal mehr Rockband schimpfen. Der Clou bei Robocobra Quartet: Der nordirische Sechser (!) hat Jazz und Post-Punk schon locker aneinandergeschraubt, als Black Country, New Road und Squid wahrscheinlich noch brennenden Hundekot vor Nachbarstüren platziert haben – also seit Anfang der 2010er-Jahre. "Living isn't easy" heißt ihr bereits drittes Album, das ohne Gitarre, dafür mit singsprechendem Drummer und Drei-Mann-Bläserfraktion in spätkapitalistische Abgründe blickt. Was sich auf dem Papier anstrengend und verkopft liest, prägt tatsächlich eine unerwartet organische Eingängigkeit. Wenn Bass und Drums gleich im Opener "Flew close" einen komplexen, aber unmittelbar treibenden Groove bilden, erinnert das daran, dass Jazz und Post-Punk als traditionsbrechende Genres aus einer ähnlichen Idee heraus entstanden – und dass ihre Vermählung daher kein akademisches Experiment ist, sondern nur zusammenführt, was im Geiste eh nie besonders weit voneinander weg war.

In diesem Sinne sorgen Robocobra Quartet für die Ehrenrettung beider Stilrichtungen und zeigen auf, dass Post-Punk nicht simpel und Jazz nicht abstrakt und realitätsfern sein muss. In "Wellness" scheint Bandleader Chris W. Ryan modernen Gesundheitswahn aufs Korn zu nehmen, indem er etwa seine Schlafqualität in ein Spreadsheet einträgt und den pH-Wert seines Urins misst – liest dabei aber in Wahrheit bloß einen echten Zeitschriftenartikel über die Morgenroutinen eines Influencers vor. Bass-Dröhnen und blechernes Kreischen betonen die Schatten hinter der Selbstoptimierungsfassade, und wenn der Track in einen glattgeölten Funk-Part bricht, meint man endgültig, der Protagonist würde gleich Phil Collins auflegen und die Axt aus dem Schrank holen. "Labyrinth" fährt den Sarkasmus im Anschluss wieder zurück, fasst das einengende Gefühl prekären Lebens in eine niedergeschlagene Hypnose. Aus einer solchen Existenz hat der tragische Held des auf einer famosen Saxofon-Hook gebauten Highlights "Heaven" erst den Ausweg gefunden, ehe ihn der unvermeidliche Rückschlag in eine verzweifelte Spiritualität treibt: "God, help me / Lord, take me / Christ, forgive me / I lost it on stocks." Die Instrumente steigern sich in einen Rausch, doch die Härte und der Beinah-Stoner-Rock-Stoizismus der Rhythmussektion deuten eher auf den finalen Kollaps statt auf Erlösung hin.

Der Neunminüter "Chromo sud" geht den umgekehrten Weg. "Shit house / Shit flat / Got keys / Got out", skandiert Ryan über einem zerfaserten Blues, doch kurz darauf heißt es schon "We're through the worst of it now", während ein Synth-bestrahltes Post-Rock-Crescendo langsam, aber bestimmt den Himmel erfüllt. Lange hält das Licht allerdings nicht. "Was depressed / Got a plant", lauten die Eröffnungszeilen von "Plant (The succulent blues)", in dem sich die sechs Jungs groovig an verzerrten Steinstürzen vorbeischlängeln. Eine ähnlich faszinierende Dynamik weist "Kilmore close" auf, wenn es im dissonanten Finish den Verstand zu verlieren scheint. Auf hohem Niveau könnte man "Living isn't easy" ein bisschen dafür schelten, dass es solche Überraschungsmomente nicht noch häufiger gibt – es bleibt etwas das Gefühl, dass Robocobra Quartet lieber die Handbremse griffbereit halten, anstatt unkontrolliert auf Ausbrüche und Reizpunkte zuzurasen. Doch die Brillanz des Understatements ist auch nur ein weiterer Aspekt, in dem sich Jazz und Post-Punk gerne die Hand reichen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Heaven
  • Chromo sud
  • Plant (The succulent blues)

Tracklist

  1. Flew close
  2. Wellness
  3. Labyrinth
  4. Heaven
  5. Micro person
  6. Chromo sud
  7. Plant (The succulent blues)
  8. Kilmore close
  9. Night
Gesamtspielzeit: 45:30 min

Im Forum kommentieren

n00k

2022-08-13 17:24:39

Mittlerweile würde ich sagen: Das bessere zweite Black Country, New Road Album ;-)

n00k

2022-08-02 23:07:15

Black Country, New Road meets Morphine, mir gefällt es sehr.

Der Untergeher

2022-07-04 22:26:36

Tolles Album einer meiner liebsten Bands der letzten Jahre. Endlich bekommen sie mehr Aufmerksamkeit! Super Rezi auch!

Armin

2022-07-04 19:33:57- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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