Automatic - Excess

Stones Throw / PIAS / Rough Trade
VÖ: 24.06.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Elektrische Stuhlprobe

"Die Welt ist am Arsch und Automatic mittendrin." Nuff said. Zumindest zu "Signal", dem Debüt der drei Damen aus San Francisco. Umgekehrt sieht es im Artwork ihres zweiten Longplayers aus: Da posieren Automatic nämlich am Arsch der Welt. Genauer gesagt am Saltonsee, einem künstlichen Gewässer in Kalifornien, das als Naherholungsgebiet diente, bis die durch einen Unfall hineingeschwemmten Düngemittel und der enorme Salzgehalt des Sees das Ökosystem zerstörten und das Gebiet verwaiste. Wir empfehlen lieber den fast gleichnamigen Drogenthriller "The Salton Sea", in dem es immerhin für Heiterkeit sorgt, dass eine Stuhlprobe von Bob Hope bei eBay versteigert wird. Ha ha. Sängerin und Keyboarderin Izzy Glaudini schaut in ihrer stählernen Korsage trotzdem ähnlich verdrießlich drein wie einst auf dem Cover von Black Marbles "It's immaterial".

Recht hat sie, denn bekanntlich ist die Umwelt nicht nur an dem blamablen Wasserloch, sondern auf dem ganzen Planeten gründlich aus den Fugen geraten. Da ist guter Rat teuer – selbst wenn das Trio im quietschbunten Video der Erde im Raumschiff entflieht, was am Ende natürlich ganz fürchterlich in die Hose geht. Wen interessieren da noch potenziell tödliche Unfälle im Haushalt wie bei "Electrocution" oder ein lapidar hingerotztes "I love you, fine"? Hier geht es um Größeres – folgerichtig, dass "Excess" auch ein ziemlich großes Album geworden ist. Von einer kleinen Band, die in einer ebenso sparsamen halben Stunde jedoch aufs Ganze geht. Gitarren benötigen Automatic nach wie vor nicht, schwitzen aber schon im knatternden Opener "New beginning" einen Post-Punk-Hit reinsten Salzwassers aus der Rüstung. Famos – und erst der Anfang.

Auch danach scheppert und quietscht es in diesen zehn Tracks so auf den Punkt, als hätten Factory Floor ihre herkömmlichen Instrumente wieder ausgemottet, um ein Band-Set in der Prinzhorn Dance School zu spielen. Genau so – oder wahlweise wie die treffsichere Coverversion von Delta 5s "Mind your own business" – klingt es nämlich, wenn "On the edge" oder "Venus hour" auf schlankem Basslauf und aus allen Ecken rappelnder Percussion daherflitzen und Glaudini selbst die Zeile "Tears on my pillow" eisgekühlt in den strengen Songaufbau haucht. Bei so viel stilvollem Retrofuturismus in Wort und Ton hätten auch die latent verrückten Wissenschaftler Devo schon 1978 ihre Trichterhüte gelüftet. Automatic dazu: "Change if you wanna / Or stay the same / There's no difference in the end." Ausnahmsweise ein Glücksfall, dass sich in über 40 Jahren nicht viel getan hat.

Und wenn doch, weiß das Trio auch das für sich zu nutzen. Etwa mit der steifgeschlagenen "Funkytown"-Sequenz, die im Dance-Knüller "Automaton" elektronisches Düfteln und Zischeln begleitet, oder in "NRG", wo der Disco-Synthie so frech sprotzt, dass sich ein "Hi" vor dem Songtitel förmlich aufdrängt. Dank des schmalen Line-Ups bleibt zwar auch "Excess" im Herzen ein Werk des puren Minimalismus, akzentuiert Glaudinis Geräte, Halle Saxons Brummelbass und Lola Dompés kleines Drumkit aber so effektiv, dass jedes Stück maximal kickt. Egal, ob Automatic im kieksigen "Teen beat" wie Riot Grrrls auf Antidepressiva wirken oder auch die gebremsten Schleifer "Realms" und "Turn away" zielsicher nach Hause motorisieren. So wird dieses tolle Album immer toller – erst recht auf farbigem Eco-Mix-Vinyl. Damit die Welt ein bisschen weniger am Arsch ist.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • New beginning
  • On the edge
  • Automaton
  • Teen beat

Tracklist

  1. New beginning
  2. On the edge
  3. Skyscraper
  4. Realms
  5. Venus hour
  6. Automaton
  7. Teen beat
  8. NRG
  9. Lucy
  10. Turn away
Gesamtspielzeit: 36:24 min

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Kojiro

2022-07-24 21:29:43

Wie unglaublich cool "Automaton" einfach ist. Großartig.

Kojiro

2022-07-16 07:08:23

Wirklich ne ziemlich coole & spaßige Angelegenheit, das Album. Hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Gestern zufällig einen Song im Release-Radar gehabt, das Album im Anschluss angehört und Gefallen daran gefunden.

musie

2022-07-08 12:16:03

War eins meiner Lieblingskonzerte am Primavera in diesem Jahr. Wer die Möglichkeit hat, sollte unbedingt an ein Konzert von ihnen.

KeesPopinga

2022-06-29 14:49:13

Tolles, schmissiges AdW. Erstaunlicherweise ohne Thread…Vielen Dank mal wieder Plattentests!

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