Zola Jesus - Arkhon

Sacred Bones / Cargo
VÖ: 24.06.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Geteiltes Leid

Nika Roza Danilova war künstlerisch schon immer der Typ Einzelgängerin. Ihre erste Musik nahm die damals nicht einmal 20-jährige Studentin alleine in den eigenen vier Wänden auf – zur Beschallung ihrer College-Partys wären diese in Lo-Fi-Gothic verfassten Schmerzdokumente sowieso nicht gerade geeignet gewesen. Und als "Taiga" mal ein Album lang massentauglicheren Pop andeutete, zog sich der Nachfolger "Okovi" gleich wie angeekelt in eine Waldhütte zurück, um die emotionalen Wunden zu lecken. Doch weil die stimmgewaltige Frau zuletzt von einer Schreibblockade geplagt wurde, musste sie ihre solitäre Autorinnenschaft überdenken. "Arkhon" ist ihr siebtes Album als Zola Jesus und das erste, das explizit als Kollaborationswerk entstand. Der für seine Arbeiten mit Sunn O))) oder Marissa Nadler bekannte Produzent Randall Dunn sowie Drummer Matt Chamberlain, der etwa auf Fiona Apples "When the pawn…" und der halben Tori-Amos-Diskografie trommelte, unterstützten Danilova bereits im Schreibprozess – und spannen ein Auffangnetz für ihre bisher freieste Platte, welche die Extreme ihres Schaffens in alle Richtungen auslotet.

Das Intro des Vorgängers erklärte noch "Doma", also "zu Hause" zu sein, jetzt ist die US-Amerikanerin mit russischen Wurzeln zunächst einmal "Lost". Tatsächlich wandelt jener Opener auf ungewohnten Pfaden, wenn er nach Sample-Röcheln im Synth-Schatten plötzlich in einen perkussiven Wald aus Bongos, Rasseln und trocken groovender Bassgitarre abbiegt. Doch weil der Albumtitel "Arkhon", das altgriechische Wort für "Machthaber", nicht zufällig gewählt ist, bleibt Danilova stets Herrin über alle alten und neuen Klänge ihres Reichs. Deshalb kann "The fall" auch einen "Oh oh"-Schmetter-Refrain mit raumfüllendem Gedröhne, rhythmischen Vertracktheiten und einem atmosphärischen Dark-Ambient-Break kombinieren, und dabei wie eine böse Multiversums-Variante von Katy Perry klingen. Pop-Appeal und Zerstörungslust existieren im Einklang, Danilova fühlt sich in beiden Welten wohl und stellt diese Ungebundenheit ohne Scham ins Rampenlicht.

Etwas irritierend mag in dieser Hinsicht aufs erste Ohr "Desire" wirken: eine minimalst arrangierte Piano-Ballade, in welcher die 33-Jährige Empathie von einem Partner fordert, ehe sie nur noch den Songtitel und die leicht kitschige Metapher "storm of the heart" aus sich heraus Adele-t. Ist der erste Schock überwunden, packt einen die Stimmung dieser wortlosen, über einsam verhallenden Tasten artikulierten Sehnsüchte aber durchaus – zumal man sich sowieso noch vom brutalen Gegenstück des Tracks erholen muss. "Sewn" scheint den Weltuntergang mit versengendem Industrial-Punk vertonen zu wollen. Chamberlains Drums pflügen kompromisslos durch die Landschaft, Danilova beschwört ein Heer aus Geisterstimmen, ein unheimliches Glockenspiel klimpert und am Ende implodiert alles in einer Wolke aus zischendem Noise. Dass nach diesen erderschütternden fünfeinhalb Minuten überhaupt noch etwas wachsen kann, ist mehr als erstaunlich.

So radikal gestaltet sich der Rest von "Arkhon" nicht, weil es als Mission eher die trostvolle Kittung der inneren Risse im Sinn hat, anstatt diese weiter aufzubohren. Das famose "Into the wild" erinnert an Leidensschwester Björk, wenn es auf der Stelle schwebenden Gesang mit kratzenden Uptempo-Beats kontrastiert, ehe es in "Dead and gone" leitet: ein pures Wohlklang-Panorama aus Streichern und Bläsern, über das Danilova jede graue Wolkendecke aufreißt. Auch der Closer "Do that anymore" findet mit behaglichem Synth-Dream-Pop eine wärmende Schlussnote, die man so nicht gerade mit dem Namen Zola Jesus assoziiert. So mag die Platte vielleicht nicht die Intensität mancher ihrer Vorgänger erreichen, doch fügt sie Danilovas musikalischem Seelen-Tagebuch ein weiteres spannendes Kapitel hinzu – und beweist, dass man auch mit den Einflüssen neuer Mitstreiter eine eigenständige Künstlerin bleiben kann. Wenn die ehemalige Einzelgängerin beim nächsten Mal also eine Arcade-Fire-Ladung Co-Writer*innen ins Studio kutschiert, ist man zumindest ein kleines bisschen weniger überrascht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Into the wild
  • Sewn
  • Do that anymore

Tracklist

  1. Lost
  2. The fall
  3. Undertow
  4. Into the wild
  5. Dead and gone
  6. Sewn
  7. Desire
  8. Fault
  9. Efemra
  10. Do that anymore
Gesamtspielzeit: 42:08 min

Im Forum kommentieren

Klaus

2022-06-24 14:40:22

Eben erster Durchlauf. Hatte ja gehofft, dass sie irgendwann wieder mehr den Pathos-Ballerelektro auffährt. Passiert hier wenig bis gar nicht. Dafür ist es aber auf ganz anderen Ebenen spannend. Fand ihren Gesang immer etwas gleichförmig und leierhaft, hier ist das komplett anders. Richtig interessant, wird sicher noch mehr Durchgänge bekommen.

Armin

2022-06-16 20:14:48- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

peter73

2022-06-09 17:46:27

neuer track "into the wild":
https://www.youtube.com/watch?v=Zo_k0NQnZzI

Armin

2022-05-18 18:56:03- Newsbeitrag

ZOLA JESUS
teilt Video zur neuen Single „The Fall"
Neuer VÖ: „ARKHON" erscheint am 24. Juni bei Sacred Bones

Nach der kraftvollen Lead-Single „Lost" und der minimalistischen Klavierballade „Desire", präsentiert ZOLA JESUS jetzt mit dem Banger „The Fall" einen weiteren Höhepunkt aus ihrem kürzlich verschobenen neuen Studioalbum „ARKHON“, das jetzt am 24. Juni via Sacred Bones erscheinen wird.

ZOLA JESUS über den Track: „I wrote The Fall for myself. It was an exercise in using music as a tool for the sake of my own inner catharsis. I had a lot of turmoil and complicated emotions that I couldn’t process in any other way. I suppose some feelings require you to write a pop song in order to fully understand them. For that reason, this song is very precious to me.“

Begleitet wird der Song von einem beeindruckenden Video von Jenni Hensler, mit der Danilova bereits mehrfach in der Vergangenheit zusammen gearbeitet hat. In dem Track geht es darum, die innere Kraft zu bündeln, um sich nach einem Sturz wieder aufzurichten. In dem Video durchläuft Danilova eine Reise, in der sie sich zunächst mit ihrem Spiegelbild selbst konfrontiert, dann ihre Maske abnimmt und in einem anschließenden choreografierten Tanz symbolisch Erlösung findet.

ZOLA JESUS über das Video: „Working with Jenni Hensler as a director was such a soul-feeding experience. She’s someone I’ve been collaborating with for ten years, and a dear friend to me. I value her own artistic perspective so much that at some point I realized there was no one else I could trust with my vision. We connected on an emotional and spiritual level regarding the intent of the song, and then I handed it over and let her make her magic. I’ve never felt so freed by a collaboration. And working with choreographer Sigrid Lauren was such an empowering experience. She was able to interpret and support my idiosyncratic movements in a way that allowed me to feel free in the moment."


peter73

2022-04-26 12:42:41

irgendwie klingt der song ungewohnt nach adele oder lorde. hm.

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