Post Malone - Twelve carat toothache

Mercury / Republic / Universal
VÖ: 03.06.2022
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Ausnüchterungsplatte

Suchtprobleme, Lockdown-Koller und Zahnschmerzen von den goldenen Grills. Ohne zu viel vorwegzunehmen, geht das neue Album von Post Malone metaphorisch wie buchstäblich unter die Haut und zeigt ihn von seiner bisher emotionalsten Seite. Man merkt, dass das Leben als Pop-Weltstar ihm körperlich wie psychisch viel abverlangt und wie außergewöhnlich hoch die allgemeine Erwartungshaltung vor seinem erst vierten Studioalbum war. Je länger die Wartezeit, desto größer auch der Erfolgsdruck, denn der 2019er-Vorgänger "Hollywood's bleeding" bleibt auch im Nachhinein das vorerst gelungenste Malone-Album. "Twelve carat toothache" verfehlt dieses Level knapp, es ist außerdem mit nicht einmal einer Dreiviertelstunde Gesamtlänge das bisher kürzeste Werk des Austin Richard Post. Der 26-Jährige verarbeitet die gesellschaftliche Stimmung während der Corona-Jahre, seine Alkoholprobleme, sowie andere Höhen und Tiefen eines Mainstream-Stars.

Schon das Klavier und die zaghaften Töne des Openers "Reputation" verdeutlichen seine innere Zerrissenheit, ob nun als Teil der populären Musiklandschaft oder generell in der Welt. "Cooped up" wiederum dürfte Rap-Fans viel mehr überzeugen, der plötzliche Übergang zum Midtempo und ein unterhaltsamer Feature-Part von Roddy Ricch wirken wie der eigentliche Startschuss auf dieser Platte. Anhand der Single-Veröffentlichung im Vorfeld wussten wir bereits, dass Malones unverwechselbares Timing zwischen Rap und Gesang immer noch problemlos funktioniert. Irgendwo zwischen den Überresten von Post-2015-Cloud-Rap und besserem Radio-Pop säuseln er und Doja Cat bei "I like you (A happier song)" einander entgegen, was beim Hören durchaus gute Laune hinterlässt. Den Gegenentwurf erhalten wir direkt danach mit "I cannot be (A sadder song)", unterstützt durch einen nachdenklich-melancholisch rappenden Gunna. Post Malones altbekannte Stärke, traurigere Themen oder Wehmut ohne ausuferndes Trübsal und Selbstmitleid rüberzubringen, sticht wie immer in diesen gefühlvollen Momenten am meisten hervor.

Bewegend bis umwerfend klingt der Albumhöhepunkt "Love/hate letter to alcohol", der echte Verzweiflungsgefühle und viel Liebe fürs musikalische Detail beweist. Mitbeteiligt ist Robin Pecknold von Fleet Foxes, welche Post Malone in einem Interview als eine seiner Lieblingsbands bezeichnete. Nicht so gut dagegen funktioniert die musikalische Stilfusion mit The Weeknd in "One right now", deren Beat weder zum einen noch zum anderen großen Namen so richtig passt und die inhaltlich wenig bietet. "Wasting angels" spielt mit dem Engelsmotiv, doch das Ergebnis bleibt mehr uninspiriert als himmlisch, außerdem klingen Malone und The Kid Laroi durch die viel zu übersteuerte Produktion kaum unterscheidbar. Ähnliche Probleme haben die ansonsten recht soliden Solo-Songs wie das gitarrenlastige "Lemon tree", das experimentelle, aber leider zu hektische "When I'm alone" oder "Waiting for a miracle", welches ohne die Langsamkeit und mit längerer Dauer ein sehr interessanter Track hätte werden können. Gleiches gilt für den kargen Schlusspunkt "New recording 12, Jan 3, 2020", bei dem der Eindruck entsteht, man habe gerade das erste Zehntel eines Post-Rock-Songs gehört und sich danach fragt, warum plötzlich die Musik aus ist.

Der von Post Malone geschätzte Reverb-Effekt sticht spätestens beim Closer unüberhörbar hervor, nachdem er sich durch das ganze Album einschließlich der Features mal mehr und mal weniger dominant durchzieht. Etwas sinnbildlich für den vielleicht größten Kritikpunkt, denn "Twelve carat toothache" klingt wie eine musikalische Zusammenfassung der letzten Jahre ohne Mut zur Veränderung. Eher wirkt es, als hätte man die bisherige Diskografie von Malone in einen Generator für neue Songs befördert und diese inklusive einiger Skit-Experimente zum Album aneinandergereiht. Die wirklich großartigen Songs sind allesamt Features. Aufgrund seiner unbestreitbarer Qualität ist das Endergebnis immer noch ordentliche Musik, die den eingefleischten Fans gibt, was sie wollen. Dieses neue Album dürfte auch bei den Musiksendern oder Radios kaum weniger hohe Rotationszahlen erzielen als seine Vorgänger. Für ihn ergibt der eingeschlagene Weg erfolgsmäßig viel Sinn, doch nun wird die Frage, ob und wann Post Malone in seiner Karriere mal einen größeren oder nachhaltigen Stilbruch wagt, immer spannender.

(Maximilian Baran)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Cooped up (feat. Roddy Richch)
  • I like you (a happier song) (feat. Doja Cat)
  • Love/hate letter to alcohol (feat. Fleet Foxes)

Tracklist

  1. Reputation
  2. Cooped up (feat. Roddy Ricch)
  3. Lemon tree
  4. Wrapped around your finger
  5. I like you (A happier song) (feat. Doja Cat)
  6. I cannot be (A sadder song) (feat. Gunna)
  7. Insane
  8. Love/hate letter to alcohol (feat. Fleet Foxes)
  9. Wasting angels (feat. The Kid Laroi)
  10. Euthanasia
  11. When I'm alone
  12. One right now (feat. The Weeknd)
  13. New recording 12, Jan 3, 2020
Gesamtspielzeit: 43:18 min

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Armin

2022-06-16 20:13:51- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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