Hildegard Von Binge Drinking - Echo der Delfine

Sabotage / Broken Silence
VÖ: 17.06.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Zum Ausflippern

"Künstler muss schön sein", wussten Mitte der Nullerjahre bereits Schrottgrenze. Aber was ist schon schön? Zum Beispiel, wenn zwei Würzburger eine Band gründen, im Namen eine heiliggesprochene Ordensschwester mit vorgeblich exzessivem Alkoholkonsum zusammenbringen und zu allem Überfluss noch in Nonnengewändern auftreten. Könnte unerträglich witzig sein, entpuppte sich aber schnell als lohnendes Elektro- und Krautrock-Unterfangen mit Esprit und Selbstironie. Ihren Status als, hust, Künstler nehmen Daniel Gehret und Matthias Labus dabei alles andere als ernst, sondern machen sich einen Spaß daraus, die Artworks anerkannter Genre-Klassiker in ihren eigenen zu verballhornen. Etwa hier, hier oder hier. Für das tierisch-bunte Cover ihres nach strenger Zählung dritten Longplayers "Echo der Delfine" also bitte bei Orange Juices "You can't hide your love forever" nachfragen. "Künstliche Relevanz"? Oder doch "Relevante Kunst"? Hildegard Von Binge Drinking legen sich da ungern fest und liefern lediglich die Stichworte.

Dafür braucht das Duo wenig mehr als Synthie, Drums und Vocoder, um "Künstliche Relevanz" prächtig funkeln zu lassen, nachdem sich das Percussion-Gefuddel zu Beginn kurz in den ungemütlicheren Gefilden von Seefeels "Succour" herumtrieb. "Relevante Kunst" pumpt eine rigide Bass-Sequenz auf, während Gehret und Gastvokalistin Charlotte Simon all denen Slogans vor den Latz knallen, die im SWR keine Folge von "Kunscht!" verpassen. Ein fantastischer, kosmischer Boogie mit scharfen Kanten – und auch für die Les-Trucs-Frau sicher mal etwas anderes als "Der sich langsam wirklich etwas seltsam entwickelnde Kongress der Thantologen". Hier nämlich entwickelt sich alles zur höchsten Zufriedenheit. Vor allem, wenn "Amon Tool II" wütend gegen Weltpolitik und Leistungsgesellschaft elektro-punkt. "Kraftlose Schwätzer / Wehrkraftzersetzer / Hören die Münchner Freiheit auf ihrer Sicherheitskonferenz?" Beziehungsweise: "Halte durch Peloton / Ich bin schäferhundemüde / Und der Peter Scholl-Latour / Der Tanz- und Clubkultur." Bäm.

Und gönnen sich Hildegard Von Binge Drinking nach diesem furiosen Auftakt hin und wieder eine Pause bei der formschön benannten Schlagzeug-Kurierfahrt "V wie Viennetta" oder im Interludium "Wendehammer", ist trotzdem Vorsicht geboten: Nicht, dass die vordergründig leckere Eiscreme mit radioaktiven Schokosplittern kontaminiert ist und auf einmal EBM-nahes Geknatter aus der brodelnden Ursuppe springt, was "Auge des Betrachters" zu einem flirrenden Backbeat-Rocksong mit Gehret als über die Endzeit referierendem Androiden macht. Zum Ausflippern. Immerhin: "Tod 3" ist keine Vorahnung atomar bedingten Overkills, sondern setzt in cineastischem Ambiente und mit Theresa Stroetgen von Golden Diskó Ship an der Geige "Death II" aus "Infinity" von 2018 fort, und die schlaufenartige Skizze "Wiederverkörperung (in Dub)" schleicht sich verstohlen durchs Wurmloch nach draußen und sublimiert dort sanft verhallend. Recht so, denn was nützt das Geschwätz über Kunst? Reden wir stattdessen über dieses tolle Album.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Relevante Kunst
  • Amon Tool II
  • Auge des Betrachters

Tracklist

  1. Künstliche Relevanz
  2. Relevante Kunst
  3. Amon Tool II
  4. Wendehammer
  5. V wie Viennetta
  6. Auge des Betrachters
  7. Tod 3
  8. Wiederverkörperung (in Dub)
Gesamtspielzeit: 31:06 min

Im Forum kommentieren

XTRMNTR

2022-06-17 20:33:19

Gestern Live gesehen. Durchaus witzig aber der Gesang leider nicht überragend.
Dafür großartiger Drummer und natürlich der Bandname über jeden Zweifel erhaben.

Mann 50 Wampe

2022-06-17 20:26:08

Keine Ahnung was ich dazu sagen soll, aber erstmal schon mal gut das sowas hier überhaupt Beachtung findet.

Armin

2022-06-16 20:13:11- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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