Soccer Mommy - Sometimes, forever

Concord / Universal
VÖ: 24.06.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Schnittstellenpässe

Obwohl sie beim Anblick von Blut ohnmächtig wird, wollte Sophie Allison mal Chirurgin werden. Den verlorenen Karriereweg holt die junge Musikerin gerne mit einer morbiden Bildsprache nach: Auch auf "Sometimes, forever" schneidet sie wieder Fleisch aus ihrem Oberschenkel und lässt Geliebte ausbluten, um sie danach wieder zusammenzuflicken. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger entwirft ihr drittes Studioalbum als Soccer Mommy keine blau-gelb-graue "Color theory", zirkelt aber erneut um die farblich repräsentierten Themen von Trauer, Schmerz und Leere. Feel-Good-Pop klingt anders, doch Allison verkriecht sich keineswegs unter die Bettdecke, um ihre Wunden zu lecken. Stattdessen hat sie gemeinsam mit Daniel Lopatin alias Oneothrix Point Never an den Reglern ihre bisher am üppigsten, aufwändigsten produzierte Platte aufgenommen. Da haben sich all die Ängste, Zweifel und Depressionen schon fein säuberlich für ihr 45-minütiges Rampenlicht rausgeputzt, nur um sich verdutzt umzusehen und festzustellen, dass ihnen ein überdimensionales Heer wie aus einem Fantasy-Film an den Kragen will. Schwerter klirren, Drachen speien Feuer, und über allem thront die Göttin des Gemetzels, die trotz aller Kampflust keinen Hehl aus ihrer eigenen Verletzlichkeit macht.

In diesem Sinne entwickelt das Album eine homogene Dynamik von Laut und Leise, die gleich der Opener auf den Punkt bringt. In "Bones" wirken Allisons Vocals wie aus einem fragilen Dream-Pop-Song gerissen, während sich das Indie-Rock-Instrumental anschickt, einen kleinen Sturm zusammenzubrauen – der im Schlussdrittel in Form eines Dächer abtragenden Rauschs krachender Saiten dann auch tatsächlich kommt. "With U" spinnt den Neunziger-Faden nahtlos weiter. Es hat ein bisschen was von Radiohead zu "The bends"-Zeiten: Die Melodie schwebt gen Himmel und entwächst dabei einem Midtempo-Groove, der sich zunächst durch diverse Dreckschichten wühlt, ehe in der Bridge sogar der Hauch einer Oasis-Ballade vorbeiweht. Wer "Color theory" in erster Linie für dessen Reduktion schätzte, mag "Sometimes, forever" vielleicht dafür kritisieren, dass die Stücke etwas weniger Luft zum Atmen erhalten. Doch Vorwürfe, sie wolle etwas verstecken, verbieten sich bei Allisons textlicher Offenheit eh von selbst, und solange die Emotionen ankommen, spielt es ja keine Rolle, ob dies nur per Akustikklampfe oder "Be here now"schen Gitarrenspuren-Wahnsinn geschieht. Spätestens das an My Bloody Valentine erinnernde "Don't ask me" sollte alle Zweifel an der befreienden Wirkung von Lärm mit Wucht aus dem Fenster schmeißen.

Zumal die Frau aus Nashville keineswegs nur eindimensional zwischen Alt-Rock und Shoegaze pendelt. Das von wirbelnden Blechtrommeln angetriebene "Unholy affliction" sowie "Darkness forever" fallen in die Schluchten des Portishead-Massivs, wobei in letzterem Chelsea Wolfe noch ein paar verzerrte Tieffrequenz-Felsbrocken hinterherzuwerfen scheint. Die famose Single "Shotgun" fußt auf einem New-Wave-Bass-Riff, bevor sie im Refrain die Pop-Sonne in jede Zimmerecke strahlen lässt – mit dem gleichen wärmenden Licht, das auch den späteren Roadtrip "Feel it all the time" begleitet. Zwischen all den von Lopatin mehr als versiert zusammengebauten Mosaiksteinen findet sich nicht zuletzt immer auch die Zeit für ein intimes Ballädchen wie im ganz nackten Closer "Still". "Carve me up and let the colors run", singt Allison früh auf dem Album und verknüpft damit auf wunderbar simple Weise ihre metaphorische Faszination für das Körperinnere mit einem Bewusstsein für ihre nicht nur stilistische Farbvielfalt. Bei Soccer Mommy liegt eben stets das ganze menschliche Gefühlsspektrum auf dem OP-Tisch.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • With U
  • Shotgun
  • Darkness forever
  • Don't ask me

Tracklist

  1. Bones
  2. With U
  3. Unholy affliction
  4. Shotgun
  5. Newdemo
  6. Darkness forever
  7. Don't ask me
  8. Fire in the driveway
  9. Following eyes
  10. Feel it all the time
  11. Still
Gesamtspielzeit: 42:35 min

Im Forum kommentieren

AliBlaBla

2022-06-26 12:57:39

Habs gestern einmal gehört und bin zumindest nicht abgeschreckt. Näheres folgt...

Hat jemand live Erfahrung, gehe im September hin...

Cayit

2022-06-26 11:59:08

Solides/gutes Album.
7/10 geht in ordnung.

Saschek

2022-06-16 22:29:20

Freu mich, dass es offenbar doch ganz gut geworden ist. Die Vorabveröffentlichungen hatten mich nur teilweise überzeugt.

Armin

2022-06-16 20:14:17- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Mr Oh so

2022-03-25 20:12:50

Junge, was hat der Schreiberling da wieder geraucht?

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