Horsegirl - Versions of modern performance

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 03.06.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Bibi ohne Tina

Ponyhof oder Einbauküche? Die Frage stellt sich für Horsegirl aus Chicago nicht. Nora Cheng und Gigi Reece sind gerade frisch am College, Penelope Lowenstein geht bei Erscheinen dieses Debüts noch zur Highschool. Da schauten die Lehrer dumm aus der Wäsche, als sich Sängerin und Gitarristin Lowenstein vor einiger Zeit aus Tour-Gründen für zwei Wochen vom Unterricht abmeldete – und fand die "Ballroom dance scene" aus der ersten Single von 2021 vermutlich nicht beim Abschlussball, sondern auf der Bühne statt. Horsegirl schielen also nicht mit einem Auge auf die Wäsche und mit dem anderen auf den Kochtopf, und auch mit Pferdemädchen-Romantik hat das Trio wenig am Hut. Dafür mit Sonic Youth, Belle & Sebastian und anderen Größen des mal lieblichen, mal noisigen Indie-Rock der Neunziger. Warum ein Song "World of pots and pans" heißt? Liegt bloß an einer falsch verstandenen Zeile aus einem Television-Personalities-Stück. Kurz mal nicht aufgepasst halt. Ein Privileg der Jugend.

Ebenso wie der unbekümmerte Schwung, mit dem "Anti-glory" dieses Album eröffnet: Reeces Drums kicken dynamisch, ein windschiefes Riff beharkt sich mit Chengs Brummelbass und piekst allen Riot Grrrls frech in den bereits etwas in die Jahre gekommenen Allerwertesten. Auch "Beautiful song" ist mitnichten das, was draufsteht, auch wenn die Gesangsharmonien wie so oft auf "Versions of modern performance" ihr Möglichstes tun, um die instrumentale Stacheligkeit der selten länger als drei Minuten dauernden Tracks abzumildern. "Dirtbag transformation (Still dirty)" lässt dennoch immer wieder unwirsch ein Bömbchen platzen, bei dem die "Uh-huuuh"s ihre Mühe haben, gegen das zerspant schmurgelnde Gezerre anzukommen, bis endlich doch ein kleiner, rau gezimmerter Rumpel-Hit dabei herauskommt. Anders als in "The end of Horsegirl", das sich mit dröhnenden Reverbs und nuscheliger Vocal-Spur im Ad-lib-Stil genug ist. Wenn sie fällt, dann ... na Sie wissen schon. Keine Sorge: Tut gar nicht weh.

Bei "Option 8" kommt man sich schon eher vor, als hätte einen ein Pferd getreten: Lowenstein sägt spröden, kantigen Alternative-Rock in die Luft, der den frühen Placebo nicht unwürdig gewesen wäre, "World of pots and pans" dengelt sich selbstvergessen in hymnisches Midtempo hinein. Bibi und Tina – oder zumindest eine von beiden – haben inzwischen trotzdem mit Ohrensausen das Weite gesucht und verpassen den Closer "Billy", der nach tight verzahntem Mittelteil zu einem atemberaubenden Stakkato-Finale anwächst. Es ist eine reizvolle Verzögerungstaktik, dass Interludes wie "Bog bog 1" oder das charmant benannte Piano-Zwischenspiel "The guitar is dead 3" die Veranstaltung wiederholt ausbremsen, damit sie danach wieder Fahrt aufnehmen kann – doch da "Versions of modern performance" auch mit diesen eine halbe Stunde nur knapp überschreitet, ergibt sich fast zwangsläufig ein etwas unvollständiges Bild. Nicht auszudenken, sollten Horsegirl bald noch mehr in die Hufe kommen als auf diesem tollen Album.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Anti-glory
  • Dirtbag transformation (Still dirty)
  • Option 8
  • Billy

Tracklist

  1. Anti-glory
  2. Beautiful song
  3. Live and ski
  4. Bog bog 1
  5. Dirtbag transformation (Still dirty)
  6. The fall of Horsegirl
  7. Electrolocation 2
  8. Option 8
  9. World of pots and pans
  10. The guitar is dead 3
  11. Homage to birdnoculars
  12. Billy
Gesamtspielzeit: 33:07 min

Im Forum kommentieren

carpi

2022-07-03 11:44:44

Meine Top 3:
1) Option 8: Verdammt lässig
2) Anti-glory: Siouxsie-Vibes
3)Homage to Birdnoculars dreamy-noisy
Schlusstrack Billy kommt dann an 4, finde aber auch die Skizzen / Instrumentals charmant, gefällt auf jeden Fall.

Kojiro

2022-06-03 13:02:00

Schönes Album! Kurz, aber gefällt mir ausgesprochen gut. "Billy" sowieso TOP 3 Song 2022.

meyhem

2022-06-03 09:46:23

https://www.tagesspiegel.de/kultur/horsegirl-brezel-goering-angel-olsen-jazzrausch-bigband-die-pop-alben-der-woche-im-soundcheck/28396194.html

soniclife

2022-05-26 20:46:41

Was mir bei Plattentests schon sehr häufig (negativ) aufgefallen ist: bei weiblichen Künstlern/Band sind die ersten 20 Referenzen unter Garantie ebenfalls weiblich. Als wäre das Geschlecht immer erstmal die wichtigste Gemeinsamkeit - auch wenn es musikalisch eigentlich nicht wirklich passt. Die in diesem Fall offensichtlichen Sonic Youth kommen zwar auch irgendwann, aber erstmal werden sicherheitshalber alle Bands mit Frauengesang aufgezählt, die einem so einfallen. Das ist schon etwas platt.

Armin

2022-05-26 20:41:41- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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