Cave In - Heavy pendulum

Relapse / Membran
VÖ: 20.05.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Das Erbe fortsetzen

Den Verlust eines geliebten Menschen verarbeitet jeder anders. Was alle eint: Trauer und mindestens vorübergehende Hilflosigkeit. Wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter? Cave In standen 2018 vor diesen Fragen, als das langjährige Bandmitglied Caleb Scofield bei einem Autounfall ums Leben kam. Auf den Schock folgte zunächst einmal eine Portion Ratlosigkeit, die aber in der Folge von Entschlossenheit abgelöst wurde. Die Verbliebenen veröffentlichten auf "Final transmission" eine tiefe Verneigung vor dem Verstorbenen und griffen so auch den Hinterbliebenen finanziell unter die Arme. Der Titel des damaligen Albums mit Stücken, an denen Scofield noch beteiligt gewesen war, ließ die Fans nachhaltig darüber rätseln, ob Cave In damit Geschichte sind. Inzwischen ist klar: Die Band lebt – und das in einer wohl nie zuvor erreichten Qualität.

Über 70 Minuten lang bringen die US-Amerikaner auf "Heavy pendulum" ihre ganze Kunst auf den Punkt. Gewaltige Gitarrenwände, emotionale Gesangsausbrüche, dezidiert zurückgenommene Momente: Cave In zelebrieren ihr Können mit ungeheurer Leidenschaft. Alleine der Opener! "New reality" walzt ungebremst voran und reißt einen beim Hören gnadenlos mit. Und könnte es einen passenderen Titel für den Auftakt des Albums geben? Diese neuen Realität, der sich nicht nur die Band nach dem Tod ihres Mitstreiters stellen muss, weckt wohl in jedem das dumpfe Gefühl, dass vieles anders ist als zuvor. Die Pandemie mag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf dem Rückzug sein, geprägt hat sie die Welt aber in ungeheurem Maße. New reality eben. Mit zwingender Intensität geht es weiter, Cave In legen mit "Blood spiller" nach, einem nur auf den ersten Blick schlichteren Stück, das bei näherer Betrachtung viel zu bieten hat. Auch "Floating skulls" packt griffig zu, bevor das Titelstück erstmals ein wenig auf die Bremse tritt.

Mit Verve startet "Careless offering" und wird nach hinten heraus zum wilden Gefühlsausbruch. Über sieben Minuten Spielzeit liefert in der Mitte von "Heavy pendulum" das epische "Blinded by a blaze", das auch Alice In Chains ausgezeichnet zu Gesicht stehen würde. Ohnehin sind die grungigen Passagen inmitten der Songs unüberhörbar. Fulminant rockend schlägt "Amaranthine" den nächsten Haken, hält "Searchers of hell" kurz an der Space-Tankstelle und durchbricht "Nightmare eyes" mit ausschweifenden Gitarrenwänden erneut die Sieben-Minuten-Grenze. Logisch, dass Cave In das alles auch zu einem stimmigen Schluss führen und ein abwechslungsreiches Trio an Stücken ausbreiten, das in "Wavering angel" in über zwölf Minuten zum großen Finale noch einmal alle Register zieht.

Scofields Lücke wurde im Lineup übrigens prominent geschlossen. Converge-Bassist Nate Newton hat sich zur Band gesellt und drückt der Angelegenheit am Viersaiter seinen Stempel auf. Famos ist über die komplette Länge das leichtfüßige Ausweichen vor einer konkreten Genre-Zuordnung: Zu sehr flattern die Musiker quer durch Rock, Alternative, Metal, Prog und Grunge, gönnen sich auch doomige Augenblicke und verlieren bei alledem nie den roten Faden aus den Augen. Cave In, die zuletzt schon mit ihrer Beteiligung an "Songs of Townes van Zandt Vol. III" ein deutlich vernehmbares Lebenszeichen gesetzt hatten, sind zurück. Mit dem Verlust ihres geliebten Weggefährten werden sie auch weiterhin umgehen müssen, emotionale Untiefen inklusive. Musikalisch aber haben sie machtvoll unter Beweis gestellt, dass mit ihnen zu rechnen ist. Spielfreude, Ideenreichtum, Vielfältigkeit: Das Quartett imponiert auf "Heavy pendulum" und darf sich gewiss sein: Caleb Scofield, dessen Erbe hier fortgesetzt wird, wäre stolz auf seine Jungs.

(Torben Rosenbohm)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • New reality
  • Floating skulls
  • Amaranthine
  • Wavering angel

Tracklist

  1. New reality
  2. Blood spiller
  3. Floating skulls
  4. Heavy pendulum
  5. Pendulambient
  6. Careless offering
  7. Blinded by a blaze
  8. Amaranthine
  9. Searchers of hell
  10. Nightmare eyes
  11. Days of nothing
  12. Waiting for love
  13. Reckoning
  14. Wavering angel
Gesamtspielzeit: 70:45 min

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Walenta

2022-07-22 19:35:37

:-D

Is aber imo ja auch irgendwie eine der Eigenheiten und Stärken der Band, dass man, wenn man sieben verschiedene Leute nach ihrem Lieblings-Cave-In-Album fragt, jeder ein anderes nennen könnte - und damit irgendwo auch richtig liegen würde. ^^

Affengitarre

2022-07-22 18:55:18

Genau, das ist nämlich die „Jupiter“. :D

boneless

2022-07-22 18:25:39

Haha, klassisches Eigentor. Sorry dafür. :D White Silence ist trotzdem nicht die beste Platte. ;)

Walenta

2022-07-22 08:10:43

Deswegen ja der "mit dem Abstand von 10 jahren offenbar eh relativierte"-Zusatz. ;-)

boneless

2022-07-21 22:10:55

Wenn du meinen Post richtig gelesen hättest, dann wüsstest du, dass das meine Meinung zur Vö des Albums 2011 war. Mittlerweile mag ich das Album auch sehr (wie ich schrieb). ;)

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