Daniel Johns - FutureNever

BMG / Warner
VÖ: 22.04.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Stimmen im Kopf

Es ist der Jump-Scare des Jahres: Völlig aus dem Nichts und ohne Vorab-Singles springt der ehemalige Silverchair-Frontmann Daniel Johns wie ein Schachtelteufel aus der Versenkung hervor und veröffentlicht mit "FutureNever" sein zweites Soloalbum. Ganze sieben Jahre sind seit "Talk" vergangen, in denen der Künstler Beatles-Songs für Netflix arrangiert, an unzähligen Stücken anderer Künstler mitgeschrieben, einen beliebten Spotify-Podcast über sich selbst gestartet und offenkundig auch ordentlich Ideen für sein eigenes musikalisches Comeback angesammelt hat. Die er nun auf einen Schlag entlädt: "FutureNever" platzt aus allen Nähten, klingt mal nach schrägen Verrenkungen auf dem Tanzflur, mal nach schmachtenden Prinzen aus Disney-Musicals und mal nach künstlerisch veranlagtem Alternative Rock, den ja auch Silverchair spätestens ab ihrem vierten Album ordentlich durch den Fleischwolf gedreht hatten. Aller Weiterentwicklung zum Trotz scheint die Vergangenheit den heute 43-jährigen Australier aber immer wieder einzuholen – wozu er nunmehr voller Stolz steht, wie er sagt.

Vielseitig will Johns sein, ein Album als Gesamtkunstwerk abliefern, das genauso "manisch und kryptisch" sei wie seine Gedanken. Dass jene wohl auch öfter mal unkontrolliert hin- und herspringen können, hört man den zwölf Stücken an: "Stand 'em up" schraubt sich, wo zuvor schon der soulige Ohrwurm "Where do we go?" das Feld abgesteckt hat, zu einem berauschenden Synth-Rock-Stakkato empor. In "I feel electric" mit Newcomerin Moxie Raia scheint kurz Prince zur sexy Funk-Sause vorbeizuschauen. Der Opener "Reclaim your heart" geht hingegen atmosphärischer zu Werke und channelt Johns' ureigene und wohl immer noch akute "Emotion sickness", die sich durch Pomp und ein kreischendes Gitarrensolo frisst. Elektronisch zeigen sich hingegen R&B-lastige Pop-Songs wie "Mansions", das abgedrehte und ein wenig peinlich betitelte "D4NGRSB0Y" und das durch eine unwiderstehliche Hook glänzende "Cocaine killa". Grundsätzlich driften viele der Stücke zum jeweils letzten Akt in ausschweifende und auch dezent wahnsinnige Fieberträume ab, Johns kriegt aber immer wieder die Kurve und führt seine ausufernden Kompositionen sicher ins Ziel.

"FreakNever" gräbt dann tatsächlich den ollen Silverchair-Schinken "Freak" irgendwo aus der australischen Steppe wieder aus: Zusammen mit Purplegirl covert Johns sich selbst, lässt die Gastsängerin aber mit zarten Pianotupfern und allerlei Elektronik in der dritten Person über sein Neunziger-Ich urteilen und kleistert noch dazu aus der ersten Strophe zusammengepuzzelte, "Nightmare on Elm Street"-artige Kinderreime darüber. Muss man selbst hören, um es zu glauben. Meta wird es auch im Closer, der an die diebischen Elstern aus "Young modern" anknüpft und nach all dem knallbunten Durcheinander epischer und balladesker ausfällt. Stimmlich Weltklasse, wie auch nicht anders zu erwarten war, wechselt Johns von Schlafzimmerblick zu groß angelegtem Drama, von seiner charakteristischen Kopfstimme zu erdigeren Rock-Passagen. Stillstand existiert nicht. Das ist mitunter anstrengend und nicht immer sofort nachvollziehbar, aber ungemein faszinierend. Und vor allem von enormer Treffsicherheit in puncto Melodien: "FutureNever" wird so an seinen besten Stellen zu einem einnehmenden Art-Pop-Rock-Album zwischen Club, Orchester und Stadion und stiftet bloß zwischenzeitlich auch mal leichte Verwirrung. Was ja durchaus im Sinne seines Urhebers zu sein scheint.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Where do we go?
  • Cocaine killa (feat. Peking Duk)
  • Emergency calls only (feat. Van Dyke Parks)
  • FreakNever (feat. Purplegirl)

Tracklist

  1. Reclaim your heart
  2. Mansions
  3. Where do we go?
  4. Cocaine killa (feat. Peking Duk)
  5. Stand 'em up (feat. What So Not)
  6. I feel electric (feat. Moxie Raia)
  7. Emergency calls only (feat. Van Dyke Parks)
  8. FreakNever (feat. Purplegirl)
  9. D4NGRSB0Y (feat. This Week In The Universe)
  10. When we take over
  11. Someone call an ambulance
  12. Those thieving birds, Pt. 3
Gesamtspielzeit: 44:38 min

Im Forum kommentieren

BrockLanders

2022-05-09 10:06:41

Vorweg: Großer Fan der Diorama und der Young Modern. Fand Talk nicht gut. The Dissociatives ganz cool.

Erster Durchlauf klingt teilweise ziemlich fantastisch. Einige Sachen sind mir vielleicht zu Pop/R&B/Autotune, aber vielleicht wachsen die auch noch.

Grundsätzlich finde ich ihn als Künstler ziemlich einzigartig. Das ist schon n ziemlich abgefahrenes, abwechslungsreiches Album.

Klingt teilweise n bisschen nach Irrepressibles.



Armin

2022-05-05 20:20:51- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Menikmati

2022-04-22 23:55:11

Tut mir als ehemaliger grosser Silverchair-Fan richtig weh, wie sich Daniel Johns mit einem Mist wie diesem musikalisch zu Grunde richtet. Ein Song schrecklicher wie der andere.

Armin

2022-04-22 20:11:20- Newsbeitrag

DANIEL JOHNS (Silverchair): Neues Album seit heute veröffentlicht

"FutureNever is an album unlike anything Daniel Johns' fans have ever heard before, anyone hoping to find Johns at his creative peak, it's manna from heaven" (Rolling Stone AUS)

"Everything about this genre-busting record feels sprawling, Johns packs more ideas into just one side of a D90 cassette than most artists have in their entire career. And though it’s filled with collaborations – it sounds very much like a solo record, the work of an unpredictable Prince-like genius." (Stack Magazine)

Nach dem internationalen Erfolg seines jüngsten Podcast-Hits "Who Is Daniel Johns?" präsentiert Ex-Silverchair-Frontmann Daniel Johns, der zu den wichtigsten Songwritern seiner Generation zählt, am heutigen Freitag sein zweites Soloalbum "FutureNever" via BMG Rights Management.



https://www.youtube.com/playlist?list=PLDcIT2yHN1XcQ2sE5wk-NsOVa9-t6Kxzq

Es gibt viele Meilensteine, an die man sich heute erinnern wird – immerhin war Daniel Johns einst der jüngste Musiker, der bei Saturday Night Live auftreten sollte (mit Silverchair). Er war der blonde Surfertyp, der 1996 plötzlich auf dem Dach der Radio City Music Hall stand, um die MTV Awards zu eröffnen. Und natürlich gab es massive Hits wie „Ana’s Song“ oder „Straight Lines“ – letzterer entpuppte sich erst 2008 als gewaltiger Airplay-Hit von Silverchair. Nun also ist er einstige Frontmann mit seinem zweiten Soloalbum zurück. Am unglaublichsten daran: Obwohl Daniel Johns seit knapp 30 Jahren in der Top-Liga mitspielt, feiert der Australier am heutigen Tag der Albumveröffentlichung erst seinen 43. Geburtstag. Gratulation!

Er fühle sich denn auch als „ein Überlebender einer Kindheit im Rampenlicht“, so Johns’ Kommentar, „aber ein ungeplanter Vorteil des frühen Erfolgs ist doch immerhin die Tatsache, dass meine Wegbegleiter aus den Neunzigern in der Regel mindestens 10, manchmal 20 Jahre älter sind als ich. Ich habe mich darüber auch mit Billy Corgan im Podcast unterhalten.“

Obwohl Courtney Love einst über Daniel sagte, dass dieser australische Junge „wie Eddie Vedder klingt und wie mein toter Ehemann aussieht“, identifiziert er sich mit einer gänzlich anderen Nineties-Ikone: „Ich fühle mich ehrlich gesagt eher wie der Macaulay Culkin des Rock“, so Johns’ schmunzelnd-augenzwinkernder Kommentar. Viel wichtiger ist, dass Daniel Johns inzwischen mit seiner Silverchair-Vergangenheit im Reinen ist – und er absolut kein Interesse hat, sich zu wiederholen. „Kommt mir jetzt nicht damit, dass diese Platte nicht wie Silverchair klingt – denn jede Silverchair-Platte, die ich geschrieben habe, ist dafür kritisiert worden, nicht genug nach Silverchair zu klingen“, sagt er über das neue Album, für das er gänzlich auf Singles verzichtet. „FutureNever soll etwas Manisches und Kryptisches haben. Es soll klingen wie meine Gedankengänge.“

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