Lucius - Second nature

Mom + Pop / Cargo
VÖ: 08.04.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Synchronglitzern

Auch, wenn Ihr noch nie etwas von Lucius gehört habt, ist es gut möglich, dass Ihr schon mal etwas von Lucius gehört habt. Die Frontfrauen Jess Wolfe und Holly Laessig liehen ihren charakteristischen Harmoniegesang bereits einer Reihe ungleich renommierterer Acts, von The War On Drugs und The Killers über Jesca Hoop bis hin zu Roger Waters und Ozzy Osbourne. Diese Anpassungsfähigkeit, mit der sie sich wie selbstverständlich in diverseste musikalische Kontexte einfügen, beweisen sie auch auf ihren eigenen Alben. Badete "Wildewoman", das Debüt der vierköpfigen Band, noch in einem Planschbecken aus Sixties-verankertem Hippie-Indie-Pop, bewegte sich der Nachfolger "Good grief" auf dem Zeitstrahl ein wenig weiter vorwärts. Wer nun beim Drittling meint, die Präsenz der US-Country-Größen Brandi Carlile und Dave Cobb an den Reglern würde die Americana-Seite von Lucius' Schaffen näher ausleuchten, kriegt als Antwort eine satte Handvoll Glitzer ins Gesicht gepustet: "Second nature" ist in erster Instanz eine Disco-Platte. Zusätzlich zu den Kollektiv-Downern der bisher eher so kackrostfarbenen 2020er mussten Wolfe und Laessig zwischen Mutterschaft und Scheidung ein paar private emotionale Achterbahnfahrten durchmachen – und zünden die angestauten Gefühls-Cocktails nun auf Retro-Tanzflächen oder schmettern sie per Power-Ballade aus dem Cabrio-Dach.

Mit Gitarren-Zacken, Bongo-unterstütztem Rhythmus und speckigem Bass etabliert der eröffnende Titeltrack gleich die wesentliche Club-Ausstattung und injiziert Bewegungsgift in jeden noch so übermüdeten Körper. Die Funk-Regler bedient der Song nur mit dem Samttuch, damit die famose Lead-Single "Next to normal" sie im Anschluss reibungslos auf elf stellen kann. "I feel immortal / I'm high without the paranoia", singen die zwei Stimmen beim befreiten Umeinanderschlingen, ehe die im wahrsten Sinne des Wortes Elektrische ihr Knistern in einem Mini-Solo entlädt. Doch unterdrückt heißt nicht vergessen, und so muss sich der halbdunkel schimmernde Drama-Pop von "24" kurz zum Heulen aufs Klo verziehen. Immer wieder der gleiche Ausgang mit dem ollen Four Letter Word, doch es gar nicht mehr damit zu versuchen, ist ja auch keine Option. "Better give your heart than never give at all", lautet dementsprechend das Motto von "Heartbursts", das im Achtziger-Kleid ganze Plakatwände mit seinem Falsett-Refrain bestreicht. Die Freuden- und Schmerzensschreie des Herzens lassen sich eben am besten in Großbuchstaben übersetzen, und Lucius haben die dicksten Neonstifte dabei. Immerhin sprechen wir bei "Second nature" von einem Album, bei dem der Songtitel "LSD" als Abkürzung für "Love so deep" steht. Für was auch sonst?

Doch solange man sie so unverfroren und leidenschaftlich wie der in New York gegründete Vierer rüberbringt, ist die Cheesiness natürlich mehr Tugend als Kritikpunkt. "The man I'll never find", ein Tränenzieher mit Piano, Streichern und umwerfender Melodie, wäre ohne vokale Vollausschöpfung sicher ein paar Meter am Ziel vorbeigeflogen. Dazu beweist die Platte musikalisch durchaus gewisse Nuancen. "Promises", das als sonnendurchtränkter Country-Synth-Belter von leeren Betten und Versprechungen singt, könnte auch ein verschollener Fleetwood-Mac-Klassiker sein, während "Tears in reverse" in eine unerwartet psychedelische Bridge kippt. Zwei kleine Durchhänger auf hohem Niveau gibt es durchaus: Das von Produzentin Carlile und Sheryl Crow prominent unterstützte "Dance around it" macht Spaß, verliert im quadratischen Stimmen-Wirrwarr aber auch seine Identität aus den Augen, und "White lies" erreicht als langsamer Rausschmeißer nicht ganz die Klasse der anderen Balladen. Doch bei einer so hohen Banger-Konzentration ist es vielleicht auch ganz gut, die Emotions-Maschine mal ein bisschen runterzukühlen – und Sorgen um ihre eigene Strahlkraft müssen sich die hier so grell und funkelnd in den Vordergrund spielenden Lucius sowieso nicht mehr machen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Next to normal
  • The man I'll never find
  • Promises

Tracklist

  1. Second nature
  2. Next to normal
  3. 24
  4. Heartbursts
  5. Dance around it (feat. Brandi Carlile & Sheryl Crow)
  6. The man I'll never find
  7. Promises
  8. LSD
  9. Tears in reverse
  10. White lies
Gesamtspielzeit: 38:09 min

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Armin

2022-04-27 20:48:40- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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