Spiritualized - Everything was beautiful

Bella Union / [PIAS] / Rough Trade
VÖ: 22.04.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Kozmic Gospel

"Ladies and gentlemen, we are floating in space." Na, klingelt da was? Wer jetzt mit leicht verklärtem Blick an das Magnum Opus von Jason Pierce alias J Spaceman aus dem Jahr 1997 zurückdenkt, hat unweigerlich auch Kate Radleys sedierende Stimme im Ohr, wie sie in den ersten Sekunden dessen Namen wispert. 25 Jahre ist das her und manche Selbstzitate sind einfach schöner als andere: "Everything was beautiful" beginnt ebenfalls mit einer ätherischen Frauenstimme, die den Albumtitel annonciert, doch gehört sie nun Pierces Tochter Poppy. Nicht nur ein Kreis schließt sich dabei, denn liest man den Titel gemeinsam mit dem des Vorgängers, ergibt sich das in seiner idyllischen Abgründigkeit ikonisch gewordene Epitaph aus Kurt Vonneguts "Slaughterhouse-Five": "Everything was beautiful and nothing hurt." Ein gelungenes Leitmotiv für eine Phase in der Historie von Spiritualized, die durchaus unverhofft kommt. Gerüchten vom bereits beschlossenen Ende der Band folgt ein Album, das Pierces musikalische und textliche Themen mit gewohnter Klasse erkundet. Schicht um Schicht wachsen seine sieben Songs, entblößen sich an anderer Stelle, während sein vertrauter Gesang schon im Opener die wichtigste Botschaft zum Mantra werden lässt: "Always together with you / If you got a lonely heart, too."

Gewissermaßen haben Spiritualized ja schon immer mit den Mitteln der Rockmusik gebrochene Gospels für das 21. Jahrhundert geschrieben. Gestaltenwandlerisch bietet sich Pierce in "Always together with you" als Radio, Raumschiff und Galaxie den Mitreisenden an, die Weiten des Alls bleiben die Heimstätte seiner Kompositionen. Warme Feedbackwellen bringen die anfängliche Gitarrenmelodie langsam zum Überlaufen, irgendwo im Streichersturm übernimmt der Bass die schunkelnde Melodieführung, bis sich nach einiger Zeit Flugzeuggeräusche, schrilles Pfeifen und die Wucht eines gewaltigen Ensembles zum – tatsächlich – behaglichen Klangteppich verweben: ein fulminanter Auftakt! "Best thing you never had (The D song)" sortiert mit repetitivem Riff und straightem Schlagzeug das Chaos zunächst ein wenig, doch wehen immer wieder aufgebracht dröhnende Bläser vorbei, die zum Ende hin langsam durchdrehen. Pierce skizziert eine Abwärtsspirale mit impliziten Drogenbezügen und pointierten Bildern: "Oh and your wasted time, you best let the water run." Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein, scheinen seine Figuren zu fordern.

16 verschiedene Instrumente hat Pierce für "Everything was beautiful" eingespielt, elf Studios aufgesucht und insgesamt über 30 Beteiligte auf dem Album versammelt. Was diese Zahlen nicht verraten, ist sein unverkennbares Gespür, Bombast als Intimität zu inszenieren sowie der improvisatorische Charakter der Ensemble-Wände, der den lauten Passagen eine bemerkenswerte Live-Atmosphäre verpasst. Bevor sich "Everything was beautiful" noch einmal zu gewaltigen Höhen aufschwingt, legt es aber eine kurze Ruhepause ein. "Crazy" im fragilen Gesangsduett mit Nikki Lane ginge mit seinem Piano und den Slide- und Akustikgitarren als waschechte Country-Folk-Ballade durch, wären da nicht die kraftvoll stützenden Chöre. Und "Let it bleed" klingt als zunächst im Walzertakt gehaltene Ode an Iggy Pop gar ein wenig nach Eels-Mastermind Mark Oliver Everett, wenn Pierce lakonisch bekennt: "I laboured over these words too long / They're nothing to behold / I wanted it to be special for you / But it's just a song." Der majestätische Refrain öffnet schließlich die Schleusen zur Rock'n'Roll-Offenbarung: "Open up and bleed."

"The mainline song" marschiert munter voran und beschwört als Kreuzung aus Krautrock, Shoegaze und Arcade Fires "Wake up" die muntere Rückkehr in die Stadt nach dem Lockdown. "There's a change in the air 'round here / And I wanted to know if you wanted to go take the city tonight." Dann wird es noch einmal ungestüm: Wie der Noise-Wirbelwind im Zentrum von "The A song (Laid in your arms)" seine Ausgangsmelodie nie ganz verschüttet, wie das anfängliche Gitarrenfanal beinahe an einen Dudelsack gemahnt, ist hohe Klangkunst. "I'm coming back home" nickt abschließend dem Blues-Rock der 70er-Jahre zu, während Pierce im Mantel des abgehangenen Fatalisten auftritt: "Kind've had it with philosophy / Cause I'm thinking I am but I'm failing to be." Dann werden die Bläser prominenter, das Schlagzeug synkopiert, ein Fuzzsolo schiebt sich ein. Während der Song wild wuchert, wiederholt der Chor ein ums andere Mal die Heimkehr – ein passendes Bild für die Ästhetik von Spiritualized. Dann schwingen die Bläser wie ein Pendel, die finalen Glockenschläge ertönen. Als wisse das Universum tatsächlich von einem Ende.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Always together with you
  • The A song (Laid in your arms)
  • I'm coming home again

Tracklist

  1. Always together with you
  2. Best thing you never had (The D song)
  3. Let it bleed (For Iggy)
  4. Crazy
  5. The mainline song
  6. The A song (Laid in your arms)
  7. I'm coming home again
Gesamtspielzeit: 44:00 min

Im Forum kommentieren

Monzo

2022-05-14 15:20:25

Aus "Deutschland-Konzerte auf unbestimmte Zeit verschoben" wurde jetzt übrigens abgesagt :(
Hoffentlich kommen sie trotzdem noch mal her.

The MACHINA of God

2022-04-26 20:03:02

Wow, das ist echt ein imposantes Album aufs erste Ohr.

ijb

2022-04-26 19:51:18

Ach, jetzt merk ich grad erst, dass ich vorhin "Sweet Heart" und "Songs in A&E" verwechselt habe.
"Sweet Heart" hab ich schon lange nicht mehr gehört, "Songs in A&E" finde ich besser, glaub ich.

salarias

2022-04-26 19:22:18

also, meine Reihenfolge lautet:

1. ladies and gentleman we `re floating in space
2.lazer guided melodies
3.pure phase
4.sweet heart/everything was beautiful (könnte noch höher rutschen)
5.let it come down
6.nothing hurt
7.songs in a/e
8.amazing grace

fucked up inside vor royal Albert Hall
und die beiden compilations ausser der Wertung und ebenfalls beide sehr gut

ijb

2022-04-26 10:32:58

Ich finde, das neue ist wirklich ihr bestes Album seit "Ladies and Gentlemen". Großes Drama! Ansonsten finde ich bei "Let it come down" vor allem die erste Hälfte super, die zweit eher okay; und "Sweet Heart" ist auch eine sehr gute Platte, nur zwischendurch – wie leider so oft – ein paar zu verschlafene Nummern.

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