Camp Cope - Running with the hurricane

Run For Cover / Cargo
VÖ: 25.03.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Der letzte Höllenkreis

In den Untiefen des Internets gibt es viele finstere Ecken. Orte, an denen man Profikiller engagieren oder Drogen jeder Art ordern kann. Es gibt braune Abgründe in den zahlreichen Kommentarspalten, Blogs von Verschwörungstheoretikern und anderen Spinnern. Aber kaum ein Platz in diesem weltweiten Netzwerk ist so dunkel und unwirtlich wie die Lesercharts hierzuseits. Powervoter befeuern das Ranking ohne Pause, es gibt regelrechte Battles darum, welcher Act als nächstes in die finsteren Kellerregionen unserer Charts gestürzt werden soll. Jahrelang befand sich die Band Camp Cope am untersten Rand dieses erbarmungslosen Universums, im letzten Höllenkreis sozusagen, umgeben von unheimlichen Gestalten wie Unheilig, Lordi, Oomph! oder Nena, und man durfte sich durchaus die Frage stellen: Womit hat das australische Trio das verdient? Ach ja: Vielleicht mit etwas provokanten Aussagen zu Sexismus und Unterdrückung und dem Statement, dass weiße Cis-Männer doch bitte nicht ihre Platte rezensieren sollten, schließlich seien sie nicht die Zielgruppe ihrer Musik. Der Backlash, der darauf folgte, führte die Gruppe dann eben mutmaßlich auch bei uns in die Niederungen der Lesercharts.

Seitdem haben sich die Wogen ein wenig geglättet. Die Themen, die Camp Cope ansprachen, bleiben aber weiterhin brandaktuell. Frauen sind im Musikbusiness immer noch in der Unterzahl, werden weniger gut bezahlt, bekommen seltener Gigs und die Gelegenheit, bei Festivals aufzutreten. Das ist ein strukturelles Problem, das immer wieder kritisiert werden muss. Und das werden Camp Cope weiterhin tun, wenngleich ihre Musik so überhaupt nicht nach Agitation und dem Sound der Riot-Grrrl-Bewegung klingt. "Running with the hurricane" ist die dritte Platte der Band aus Melbourne, und würde man es nicht besser wissen, man würde das Trio für harmoniesüchtig halten. Ihren Indierock spicken sie mit jeder Menge Folk und Americana, es klingt alles nach alter Schule und weiten Feldern. In "Caroline", dem sich langsam steigernden Opener, singt Frontfrau Georgia McDonald davon, ihren eigenen Tod sehen zu können, die Band spielt dazu einen abwartenden, fast stoisch anmutenden Minimal-Rock, dem man jede Sekunde einen Ausbruch zutraut. Es wird jedoch keine Katharsis folgen, kein Geschrei, kein instrumentales Crescendo, das als reinigendes Gewitter am Ende den Song zu höheren Weihen trägt. Und doch überzeugt die Nummer, denn sie klingt nach astreinem Songwriting, ganz so, als würden The Chicks auf einmal gemeinsame Sache mit The Gaslight Anthem machen. Auch der Titelsong, der mit seinem rollenden Bass etwas mehr Dynamik aufs Spielfeld bringt, funktioniert im Rahmen des hier aufgespannten Koordinatensystems einwandfrei.

Zum schwärmerischen "One wink at a time" möchte man am liebsten auf einer Veranda sitzen, ein kühles Ginger Ale trinken und den Sonnenuntergang beobachten. Ist diese Platte nun also wirklich so klischeehaft, wie sich die Metaphern des Rezensenten lesen? In manchen Momenten: ja. Camp Cope sind keine Avantgardistinnen, keine stilistischen Vordenkerinnen und Visionärinnen. Sie beherrschen den knackigen Dreiminutensong – man höre zum Beispiel das hochmelodische "Say the line" – der halb Punk, halb Alternative Country ist, und der nur zu gerne dazu verleitet, bekannte Assoziationsmuster abzurufen. Der dabei aber auch unverschämt catchy ist und kaum aus dem Kopf zu bekommen. Man möchte an Courtney Barnett denken, die ihre lakonische Verschmitztheit ad acta gelegt hat. Camp Cope musizieren geradeaus, die ironischen Breitseiten und Spitzfindigkeiten der australischen Vorzeigekünstlerin finden sich hier nicht. Lyrisch mögen es McDonald und Co. also direkt und ohne doppelten Boden, und diese Unmittelbarkeit kommt umweglos beim Hörer an. Im abschließenden "Sing your heart out" erklingen zunächst tragende Pianoakkorde, Camp Cope schwingen sich hier zu einer dramatischen Ballade auf, die wie gemacht dafür scheint, tragische Szenen in TV-Serien zu untermalen. Sie tragen ihr Herz eben auf der Zunge. Es müsste nun also schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie damit wieder ans untere Ende der Lesercharts gewählt werden ...

(Kevin Holtmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Caroline
  • Say the line
  • Sing your heart out

Tracklist

  1. Caroline
  2. Running with the hurricane
  3. One wink at a time
  4. Blue
  5. The screaming planet
  6. Love like you do
  7. Jealous
  8. The mountain
  9. Say the line
  10. Sing your heart out
Gesamtspielzeit: 37:05 min

Im Forum kommentieren

Armin

2022-04-20 21:00:43- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Kai

2022-03-31 14:29:13

Bleibe bei 7.5/10

Sehr schönes Album

Kai

2022-03-23 20:07:43

JPC hat heute schon geliefert.
Nach dem ersten Durchgang gefällt mir das sehr gut.

Keine großen Überraschungen und vom Sound wieder eher beim ersten Album. Wirklich "poliert" wirkt das ganze nicht unbedingt aber eher wie eine Band und nicht unbedingt wie noch die erste Scheibe die für mich eher wie eine Sologeschichte klang.

Alles in allem ein wirklich schönes Album ohne Ausreiser nach oben oder unten.

Würde nach dem ersten Hören zu einer 7 neigen mit Tendenz nach oben.

Sound (lila irgendwas Version) manchmal beim Gesang nah am Clipping aber scheint so gewollt ansonsten wirklich leise Pressung ohne Störgeräusche. Gefällt.

Kai

2022-02-25 14:39:35

Like a Version des Titelsongs:
Seventeen Going Under

Bei letzterem gehts mir wie Eric mit den Singles. Ein toller Mittelteil aber am Anfang und Ende ists mir mit dem Gesang auch etwas zu viel.

eric

2022-02-09 09:54:11

Irgendwie ist der Gesang etwas "drüber" in den neuen Songs, finde ich. Auch das wunderbar Lo-Fi-artige in der Gitarrenarbeit scheint poliert. Songs an sich sind aber gut, ja.

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