Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys - Mille grazie

Electrola / Universal
VÖ: 08.04.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Alpen, Adria und Aperol

Ein bisschen Fernweh in den heimischen vier Wänden darf ja wohl erlaubt sein – ganz besonders im Jahr 2022, wo vermutlich die eine oder andere schon vor Jahren erledigte und seitdem andauernd verschobene Urlaubsplanung plötzlich aus welchem Grund auch immer erneut zu platzen droht. Life happens, shit happens, whatever. Im Zweifel nicht zu ändern, wohl aber mit der jeweils passenden Musikkapelle ja vielleicht zumindest zu lindern. Ein Ruf des Schicksals, dem natürlich auch die selbsternannten Halbgötter des Italo-Schlagers pünktlich zum Frühling ganz und gar pflichtbewusst nachkommen. Mit "Mille grazie" präsentieren Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys knappe zwei Jahre nach ihrem Debüt "Greatest hits" ihren zweiten Longplayer, der thematisch selbstverständlich nichts anbrennen lässt. Sprich: Es wird sich in allerfeinster Manier durch Land, Leute und Klischees aus Italien gesungen und geschunkelt – immer mit einem kleinen Schwips vom Bitterlikör der Herzen, versteht sich.

Dabei verhält es sich auch auf Streich Nummer Zwei der sonderbar-charmanten Truppe wie auch schon auf "Greatest hits": Wer das entsprechende Augenzwinkern walten lässt und ein Album wie dieses zu nehmen weiß, wird an vielen Stellen herrlichst unterhalten. Zum Beispiel im amüsanten Opener "Brennerautobahn", der in vier Minuten Spielzeit die Blechlawinen-Hölle gen Süden zum Start der Sommerferien süffisant in einer synthgetränkten Soundcollage zum Leben erweckt. "Auf der Brennerautobahn / Seh' ich uns nach Süden fahren / Und im Fahrtwind schon der Duft vom vollen Strand" ist der Motivations-Leitfaden, während es auf überfüllten Straßen mit vollgepackten Autos in das piefige Urlaubsparadies geht. Absurd, ja, aber eben auch mit reichlich Funken Wahrheit versehen. Einmal angekommen, zelebriert das tolle "Quanto costa" mit gewohnt tiefsinnigen und höchst philosophischen Zeilen wie "Was kostet Amore? / Quanta costa die Liebe zu Dir?" das Spiel der Herzen – und ist dabei tatsächlich ein instrumental äußerst schmuck ausgestattetes Stück mit sanften Gitarrenlicks, Bläser-Einsätzen und einem lässig, aber bestimmt nach vorne groovenden Schlagzeug. Schöner kann man den obligatorischen, sommerlichen Antipasti-Abend mit Freunden wohl kaum untermalen. Gleiches gilt für das beschwingte "Bella Napoli", das sich als sommerliche Liebeserklärung an die namensgebende Metropole voll und ganz dem Schlager hingibt und zwar etwas ziellos, aber eben auch voller Freude in die neapolitanische Nacht hineintanzt. "Ein bisschen Glück liegt im Schatten des Vesuvs."

Klingt also zunächst einmal nach einem perfekten Ferientrip ins mediterrane Wunderland – allerdings enthält "Mille grazie" auch eine weitere Parallele zum typischen Urlaubsfeeling: Ist man zu lange am selben Ort, verliert das Ganze irgendwann den Reiz, der Lagerkoller setzt ein. Sinnbildlich dafür ist besonders die zweite Albumhälfte nicht mehr ganz so knackig, nicht mehr ganz so charmant und unterhaltsam wie die Hit-Salve zu Beginn. "Miami Beach" und "Giro" wirken etwas ziellos und von zu viel Chianti geradezu verkatert, während das Abschluss-Duo "Cosenza bei Nacht" und "Sprizz" den Bogen auf der Zielgeraden etwas überspannt und redundant wirkt – es hätte "Mille grazie" gut getan, mit dem hübschen und komplett auf Italienisch gesungenen "Amore sul mare" zu enden. Letztendlich blendet man die mauen Momente dann ja aber rückblickend sowieso meistens aus – was dann bleibt, ist ein erneut schräger, weingetränkter, aber doch auch schöner Trip durch Bella Italia.

(Hendrik Müller)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Brennerautobahn
  • Quanto costa
  • Bella Napoli

Tracklist

  1. Brennerautobahn
  2. Quanto costa
  3. Werbung
  4. Bella Napoli
  5. Tage am Pool
  6. Miami Beach
  7. Radio Ipanema
  8. Colapablo
  9. Giro
  10. Amore sul mare
  11. Cosenza bei Nacht
  12. Sprizz
  13. Sic transit gloria mundi
Gesamtspielzeit: 44:31 min

Im Forum kommentieren

octoberswimmer

2022-04-15 03:12:42

Demnächst dann bei Silbereisen oder eben Zarella. Ich glaub die Band weiß selbst nicht mehr genau, wie ernst oder ironisch sie das eigentlich nehmen.

Michael

2022-04-15 02:52:45

Wow, Platz 1 der deutschen Charts ist irgendwie krass. Ich dachte bisher eigentlich, das wäre so semi-ironische Italo-Schlager-Nischen-Musik.

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2022-04-15 01:08:32

Wat?! https://www.offiziellecharts.de/news/item/1078-italo-schlager-und-deutschrock-an-chartspitze

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2022-04-11 20:03:14

Das Konzept dahinter ist sicherlich nicht neu, ziemlich lustig ist das Album dennoch geworden.

Armin

2022-04-06 20:13:04- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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