Banks - Serpentina

AWAL / Rough Trade
VÖ: 08.04.2022
Unsere Bewertung: 4/10
4/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Effekthuscherei

Im Jahre 2014 präsentierte sich eine neue "Goddess" am Pophimmel: Jilian Rose Banks. Statt oft gesehenen und gehörten Mehrdeutigkeiten fuhr die damals 26-Jährige die Erwachsenenvariante: Explizite Lyrics, betörender Sound, recht freizügige Selbstdarstellung. Es folgte "The altar" und fünf Jahre später hieß es schon "Godless". Nun, mit "Serpentina": "I’m the devil, did they tell you I’m the devil? / Put your faith in another life past." Eine Verwandlung hat dabei auch im Sound stattgefunden. Gerade die beiden ersten Alben überzeugten mit einem wahnsinnig dichten, melodischen Elektrogewand, zu dem Banks ihre damals wundervoll passende Stimme perfekt in Einklang brachte. Ob "Waiting game", "Gemini feed" oder "Beggin for thread": Diese Stücke hatten den Groove raus und sind auch Jahre später jener Popmusik zuzurechnen, die "gut gealtert" ist. Mit Balladen wie "To the hilt" oder "27 hours" meisterte die Kalifornierin zudem auch die emotionalisierte Seite.

Warum aber diese betonte Reise in die Vergangenheit? Nun, weil schon "III" einen neuen Weg aufzeigte, den "Serpentina" nun leider vervollständigt. Zwar hatte jedes Album einige schwächere Songs, doch auf "III“ überwog schon mehr Schatten als Licht. Mit der Zeit, so scheint es, ist Banks zwar etwas experimenteller geworden, hat auf diesem Wege aber auch ihr Händchen für Hits verloren. Traurigerweise hat "Serpentina" keinen einzigen Song, welcher sofort positiv im Ohr hängt und das Verlangen auf mehrere Durchgänge weckt. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. "Holding back" etwa setzt auf hochgepitchte Gesangsspuren, die schon in den frühen Neunzigern schlimm waren. Natürlich darf auch Autotune nicht fehlen, dessen Einsatz aber im Gegensatz zu Kollegin Rosalía deutlich mehr nervt, als nützt, und darüber hinwegtäuscht, dass Banks eine eigentlich recht gute Sängerin ist.

Dazu scheinen ihre Texte auserzählt, Tracks wie "Fuck love" schocken vielleicht noch amerikanische Prüderiemechanismen (vom generellen visuellen Auftreten ganz zu schweigen), sind aber nach "Fuck with myself" und "Fuck em only we know" auch keine Überraschung mehr. Neben technisch verfremdeten Stimmexperimenten setzt Banks vielfach auf verschiedene, eher reduzierte Variationen, was schon interessant ist: Einerseits nutzt sie diverse Formen der Verfremdung, andererseits ist die Produktion so abgemischt, dass sie grundsätzlich natürlicher, weniger poliert klingt. Leider verfängt sich ein großer Teil davon in belanglosem Singsang, wie in "Burn". "Birds by the sea" und "I still love you" sind darüber hinaus der Ansatz, balladesk nach Lana Del Rey zu klingen. Passend zum vor sich hin plätschernden Gesang ist der musikalische Unterbau komplett austauschbar. Zurückgenommene Midtempobeats aus dem Baukasten, die keinerlei Aufmerksamkeit mehr erhaschen, sondern nur noch Beilage sind. Keine Tiefe, kein Druck, wenige interessante Melodieführungen. Und vor allem: Alles schon einmal in besser in der eigenen Diskografie dagewesen.

Zu den früheren Stärken von Banks zählte vor allem, dass hier eine kraftvoll auftretende, selbstbewusste Frau zu hören war, kein sich an wen auch immer anbiederndes Popsternchen. Genau das macht es so traurig, hier die komplette Rückwärtsbewegung zu einem Album zu erleben, welches im Grunde bereits bei Release keine musikalische Relevanz hat. Klar, Popmusik ist in stetem Wandel und hat gerade in den letzten Jahren massive Sprünge und Entwicklungen in alle Richtungen gemacht. Entwicklungen allerdings, die Banks nicht (mehr) vorantreibt, sondern an ihrer Adaption scheitert.

(Klaus Porst)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Meteorite
  • Skinnydipped

Tracklist

  1. Misunderstood
  2. Meteorite
  3. Fuck love
  4. Deadend
  5. Holding back
  6. The devil
  7. Skinnydipped
  8. Burn
  9. Birds by the sea
  10. Spirit
  11. Anything 4 U
  12. Unleavable
  13. I still love you
Gesamtspielzeit: 41:33 min

Im Forum kommentieren

Klaus

2022-04-13 14:20:45

@Peter73

Wenn du es nicht unterdurchschnittlich findest, okay! Für mich einfach nur schade, wohin sie sich entwickelt hat.

Aber: "wie anderen (unter)durchschnittlichen alben die punkte oft nachgeschmissen werden... (z.b. ätna, get well soon, the hellacopters)"

Das ist m.E. gleich in zweifacher Hinsicht die falsche Heransgehensweise. Einerseits, weil es die jeweilige Meinung der Autoren zu der beschriebenen ist, die von der eigenen abweicht (siehe auch Banks, den ersten beiden Alben würde ich hier eine 8 haben, haben sie nicht bekommen) und zum anderen, weil es hier auch noch unterschiedliche Personen sind, die die jeweiligen Rezis verfasst haben = unterschiedliche Geschmäcker. Hellacopters würden bei mir z.b. nie hoch rauslaufen, weil ich solche Musik per se nicht gut finde.

peter73

2022-04-13 13:56:03

ist jetzt nicht überwältigend, die serpentina. aber ich mag halt ihre stimme...

die 4/10 sind dennoch nicht gerechtfertigt - vor allem wenn man sieht, wie anderen (unter)durchschnittlichen alben die punkte oft nachgeschmissen werden... (z.b. ätna, get well soon, the hellacopters)

Edrol

2022-04-13 13:43:02

Es wird zunehmend schwieriger, in ihre Alben reinzukommen. Bei "The Altar" und vor allem der Single "Gemini Feed" daraus war ich noch ein großer Fan und selbst mit "III" konnte ich mich nach Anfangsschwierigkeiten arrangieren. "Serpentina" erscheint mir aber verfahren und konzeptlos; nur wenige Songs zünden. Dazu zählen etwa "Fuck Love", "Dead End", "The Devil" oder der schöne Closer, aber gerade die Tracks 8 bis 10 rauschen völlig unauffällig vorbei. "Holding Back" könnte gut sein, wäre da nicht der furchtbare Chipmunks-Refrain. Ich probiere es weiter und vielleicht wächst das Album noch ein wenig, aber bislang empfinde ich auch eher Ernüchterung als Begeisterung. Bislang 5,5/10.

peter73

2022-04-07 08:06:28

das klingt ja nicht so toll. hab aber bislang auch keinen einzigen neuen track gehört... puh. hoffe es nicht so schlimm wie die 4/10 vermuten lässt

Armin

2022-04-06 20:09:56- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum