Die Arbeit - Wandel

Undressed / Recordjet / Edel
VÖ: 08.04.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Im Flausch

"Sie haben den Mann also mit einem Handtuch geschlagen, Angeklagter? Und woher kommt der Schädelbasisbruch?" – "Na ja, zugegeben, Euer Ehren, ich hatte vorher ein Waffeleisen darin eingewickelt." Aua! Blöder Witz, aber gar nicht so weit hergeholt. Denn Die Arbeit aus Dresden machen es auf "Wandel" ähnlich, umhüllen den Backstein aus dem Artwork von "Material" mit blauem Samt und schlagen so eine visuelle Brücke zu ihrem fantastischen Debüt. Womöglich auch ein Sinnbild dafür, dass sich die Band ab Frühjahr 2020 wie in Cellophan gepackt vorgekommen sein muss, da sie "Material" aus naheliegenden Gründen kaum betouren konnte – aber vor allem ein Signal, dass Die Arbeit noch lange nicht fertig sind. Nicht mit ihrem desolaten Lagebericht zur unwirtlichen Realität und erst recht nicht mit ihrem rauen, hintergründigen Post-Punk.

Und so geht es kantig weiter auf "Wandel", einem Album, das entgegen seines Titels wenig am mal schlank abdampfenden, mal lärmig brodelnden Sound des Vorgängers ändert: Schon der Auftakt macht mit trocken zerrenden Reverb-Hieben jede Hoffnung zunichte, bei Die Arbeit könnte so etwas wie die neue Versöhnlichkeit ausgebrochen sein. Wie auch, wenn das Seelenkostüm in "Kaugummi im Haar" nur noch auf den tönernen Füßen eines rostigen Baugerüstes steht und die Zeile "Hier sind die Tränen trocken wie Staub / In meinen Armen tanz ich betrunken und taub" vom Dahinvegetieren in beengter Einsamkeit erzählt? Da hilft auch der verlotterte Flausch einer kleinen Elektronik-Figur nichts: Maik Wieden klingt bei dieser Selbstdiagnose, als bestünde er nur noch aus Haut und Knochen – und wenn er Gesichter machen könnte, hätte die Welt längst ein anderes.

Verständlich, dass der Sänger bei "Probleme" über ein spitzes "Damaged goods"-Gedächtnisriff "Ich will mehr" fordert und immerhin eine unheilvoll sägende Gitarre bekommt. Ein ebenso todsicherer Hit wie "Visier" auf "Material", zu dem man gerade in Pandemie-Zeiten prima die Wände hochgehen kann, wenn es heißt: "Kein Problem mehr mit dem Hassen und kein Schnaps mehr in der Nacht / Kein Büro mehr, keine Schmerzen, kein Verhungern, kein Okay / Kein Versichern gegen Diebstahl und kein Ferienhaus am See." Drohung oder Versprechen? Das interessiert nur am Rande, wenn gleich der nächste leicht krautige Graustufen-Rocker die befremdliche Umwelt so lange beäugt, bis sie zurückguckt. "Dinge passieren" – und das ist das Problem. Und ein Segen, weil sich Die Arbeit in ihren gestochen scharfen Songs umso begeisternder daran abarbeiten können.

Erneut denkt der Vierer dabei in seiner wortgewandten Abstraktion der Wirklichkeit auch immer die Skepsis der Nuller-Jahre-Tocotronic mit, beleiht aber im agnostischen Schleicher "Wir wissen nichts" den Basslauf aus Blumfelds "Pro Familia", während die Rhythmusmaschine bang humpelt. Neben dem spukig verhallenden Abschluss "Freier Fall" das einzige Stück, das sich die Ruhe antut, ohne jedoch wirklich zu beruhigen, nachdem das Stakkato des groß aufspielenden Titeltracks und das Uptempo von "Im Tunnel" in der zweiten Hälfte dieses Album fast vor die Wand gefahren haben – ein Zusammenprall, bei dem man am liebsten gar nicht hinsehen möchte: "Alle Fenster offen, alle Augen zu." Immerhin: Nach "Wandel" ist man gerüstet für die Scheiße, die da draußen und hier drinnen passiert. Also lieber schon mal das Waffeleisen griffbereit halten.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Kaugummi im Haar
  • Probleme
  • Wandel

Tracklist

  1. Kaugummi im Haar
  2. Probleme
  3. Dinge passieren
  4. Wir wissen nichts
  5. Wandel
  6. Im Tunnel
  7. Scherben
  8. Freier Fall
Gesamtspielzeit: 35:01 min

Im Forum kommentieren

noise

2022-05-22 14:53:09

Nach mehrmaligem Hören ist es doch ein gutes Album geworden. Kommt aber nicht an "Material" heran. Gerade diese "Héroes del Silencio" Gedächnisgitarre bei den ersten beiden Songs stören mich.

captain kidd

2022-05-20 16:20:26

Ach ja, großartiges Album. Die Stimme...

noise

2022-04-15 20:04:14

Im Gegensatz zum Debut kann mich "Wandel" bislang nicht vollends überzeugen. Einige swächere Songs, gerade am Anfang, trüben doch meine Gesamtnote.
Aber ich gebe der Scheibe gerne noch eine Chance.

MM13

2022-04-08 18:56:31

gefällt mir sehr gut, irgendwo zwischen messer und human abfall.

Armin

2022-04-06 20:09:45- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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