Jack White - Fear of the dawn

Third Man / Membran
VÖ: 08.04.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Schusters Rappen

Es gibt im Deutschen kein adäquates Wort für das englische "fucking around". "Herumficken" ist es ja nun nicht, vielleicht "herumalbern" oder "umherdüdeln"? Jedenfalls war "fucking around" die treffendste Beschreibung für das, was Jack White auf "Boarding house reach" veranstaltete. Keine Idee war zu abseitig, um sie nicht in dieses sperrige, eigenwillige Werk zu pressen. Fragen über Fragen blieben übrig, die dümmste war nicht mal: "Why walk a dog?" (Damit er nicht ins Haus kackt? Nur so 'ne Idee.). Das erhielt seine Verehrer, irritierte aber auch viele Fans bis hin zur völligen Abkehr von den Spinnereien, in denen White sich hier verlor. "Fear of the dawn" ist nur eines von gleich zwei Werken, die der Ex-Weißgestreifte und nunmehr Blauhaarige 2022 auf den Markt wirft – "Heaven entering alive" soll drei Monate später folgen. Und wer glaubt, White schreibt diesmal wieder richtige Songs, liegt nur teilweise richtig. Aber immerhin rappt er nicht noch mal.

Der grandiose Opener "Taking me back" setzt die entscheidene Duftmarke: Die quäkige Leadgitarre darf sich zum ersten von vielen Malen richtig über den treibenden Groove ausbreiten, während White den Zweiflern zuruft: "Are you taking me back?" Na sicher, vor allem, da der nahtlos angeschlossene Titeltrack das Energielevel noch ein paar Stufen hochschraubt und in gerade mal zwei Minuten eine Verzerrerwelle abwärts reitet. Dass "Fear of the dawn" nach diesem Einstieg nach Maß dennoch keine simple Fanbedienung sein möchte, wird allerdings bald klar. Spätestens wenn "Hi-de-ho" nach einem übertrieben theatralischen Intro ein völlig anderer, aber nicht minder alberner Song wird und Buddy Q-Tip seine Verse abliefert, sind die Fragezeichen wieder da. Was zur Hölle tut White da? Nun gut: wenigstens nicht rappen. Zumindest nicht selbst.

Sehr häufig finden die Songs einen Groove, tragen diesen dann aber nur über ihre Laufzeit, ohne etwas damit anzustellen. "In this twilight" sorgt nach dem hübsch bekloppten A-cappella-Part zwar für Kopfnicken, die ständig wiederholte Titelzeile brennt sich ein, nur fehlt dem Stück eine Richtung, eine Entwicklung. Ähnlich trifft es "Eosophobia", dessen einprägsames Motiv für sich steht, während der hübsche Dub-Part random eingestreut wirkt – da hätte White auch angesichts der überflüssigen Reprise später im Album mehr draus machen können. "If I die tomorrow / What did I today?", fragt White im auf anregende Weise hektischen "What's the trick?" und die Antwort ist: mal einen Break für eine Kuhglocke mitten in den Song einzustreuen. Es scheint alles schlichtweg einfach so zu passieren: "These words come out too simple." Gottseidank nicht in Form eines Raps.

"Fear of the dawn" kann wie sein Vorgänger wirklich, wirklich anstrengend sein. Unabhängig von der instrumentalen Unterlage, schreddert White in fast jeden Song ein schrilles Solo rein, die vielen Haken und Wendepunkte können derweil Schwindel verursachen. Dennoch ist es in der Summe zumindest etwas näher am White'schen Kernsound und hat meistens seinen Kram auch besser beisammen. Gerade das lustig tutende "Morning, noon and night" ist ansonsten wunderbar gediegen, selbst der ein- und ausgefadete atmosphärische Zwischenpart passt trotz seiner Wahllosigkeit ins Bild. In "Shedding my velvet" setzt sich White schlussendlich ans Klavier und ist ein relativ ungebrochener Song. Ja, ein Song. Sowas gibt es auch 2022 noch von ihm. Trotz Schwächen sorgt "Fear of the dawn" deshalb auch für Vorfreude auf das schon bald erscheinende Folgewerk. Hoffentlich ebenfalls ohne Rap von White.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Taking me back
  • Fear of the dawn
  • Morning, noon and night

Tracklist

  1. Taking me back
  2. Fear of the dawn
  3. The white raven
  4. Hi-de-ho (feat. Q-Tip)
  5. Eosophobia
  6. Into the twilight
  7. Dusk
  8. What's the trick?
  9. That was then (This is now)
  10. Eosophobia (Reprise)
  11. Morning, noon and night
  12. Shedding my velvet
Gesamtspielzeit: 40:00 min

Im Forum kommentieren

fuzzmyass

2022-05-05 17:33:32

Finde das Album sehr cool... leichtfüßiger als der Vorgänger, für Abwechslung ist auch gesorgt und ich finde es gut, dass er soundtechnisch sehr oft aus der klassischen Blues Schiene ausbricht... 7-8/10 würde ich sagen, bin noch nicht ganz sicher

maxyeatworld

2022-05-05 16:01:50

Der Inbegriff eines Spalters. Selten haben wir uns so gezofft wie über diese Platte... Die ausführliche Rezension und jede Menge Streit über die wichtigsten neuen Indie-Alben gibt es monatlich im "Love Is Noise"-Podcast.

Mr. Fritte

2022-04-16 00:30:05

Die Rezension trifft es ziemlich gut (sensationelle Überschrift übrigens :D), ein bisschen anstrengend ist das Album schon und manche Songs wirken auf mich auch etwas ziellos. Mir macht das aber genau wie der Vorgänger viel mehr Spaß als die ersten Soloalben, die sich noch nach einer langweiligeren Version der White Stripes mit oft allzu konventionellem Songwriting angehört haben. Finde ich super, dass er es nicht jetzt doch nicht so in der Bluesrock-Ecke gemütlich macht, sondern wieder (viel) mehr am Rad dreht. Könnte mir aber vorstellen, dass das nächste Album dann vielleicht das krasse Gegenteil wird.

Armin

2022-03-30 21:40:01- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

2022-03-03 18:35:54- Newsbeitrag

Jack White hat soeben eine neue Single veröffentlicht. Auf dem Song „Hi-De-Ho“ ist als Gastmusiker Q-Tip zu hören. Der Track ist auf dem neuen Jack White-Album „Fear Of The Dawn“ zu finden, das am 08. April erscheint.

JACK WHITE w/ Q-TIP - HI-DE-HO (Visualizer)

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