Fortuna Ehrenfeld - Solo I.

Tonproduktion / Rough Trade
VÖ: 25.03.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Murmelspiel

Pssst! Seid mal alle kurz leise! Der Bechler hat was zu sagen. Das passiert nun zwar auch nicht so superselten, aber wenn das wortgewandte Mastermind hinter Fortuna Ehrenfeld sich meldet, dann gehen zumindest im Kreis der Freund*innen und Freundesfreund*innen alle Blicke in die Ecke der Kneipe, in der es sich Martin Bechler bequem gemacht hat. Schließlich hat er immer wieder eine vermeintliche Weisheit oder Beobachtung in Schieflage mitzuteilen. Und dieses Mal muss man ganz genau hinhören. "Solo I." ist ein sehr zurückhaltendes Album geworden.

Als würde die Platte wochentags am späten Abend auf die Nachbar*innen Rücksicht nehmen, bleiben Drumcomputer und drückende Bässe in der Rumpelkammer. Stattdessen: Balladen auf Gitarre und vor allem Klavier. Und auch die Worte kämpfen fast dagegen, ausgesprochen zu werden, so krächzig klingen einzelne Zeilen in den 13 Stücken. Was geblieben ist, sind die eigenwilligen Metaphern und die anderen Sprachfiguren, die Fortuna Ehrenfeld finden. Das verfehlt mal ein bisschen übermotiviert sein Ziel, wenn Liebeslied, Revolution und Sophie Scholl in "Sophie 2.0" aufeinanderprallen, das stößt mal mit Anlauf eine ganze emotionale Lanze ins Herz, wenn Bechler singt: "Also so fühlt sich das an, wenn man einfach nicht mehr kann." Die Klaviermeditation "And it takes the pain away" klingt tatsächlich so behaglich, dass sie statt eines Wärmepflasters angewandt werden könnte. "Perpetuum Rosemarie" hingegen endet überraschend geschäftlich: "'Check noch mal die Liste', sprach der Prokurist. 'Ham wa, ham wa, ham wa, ham wa, ham wa, ham wa, tschüss!'"

Dazwischen immer mal wieder etwas Hörspiel, mit dem der Kölner Musiker sich auskennt. Der Kirchturm wird am "Brüsseler Platz" eingefangen, und "Pech und Schwefel" schlürft erst mal einen Schluck aus der Tasse, bevor es anfängt und lullt am Ende mit "Schlaf Kindchen schlaf" ein. Einzig "Irgendwas vom jungen Dr. Dre" gibt sich trotz Altherrentitel jugendlich beschwippst und schmeißt das Schunkelpiano an, ohne auch nur irgendwas mit dem stoischen Schaffen von André "Dr. Dre" Young zu tun zu haben. Diese kurze Keimzelle wird aber schon erstickt, bevor sie sich wirklich entfalten kann. Nervig wird's dafür auf "Bohemian Rhapsodie", weil Fortuna Ehrenfeld ausufern und sich nicht entscheiden können, ob sie Spoken Word, Musik oder Theatergruppe sein wollen. Ein Song, den man ab dem zweiten Durchlauf skippt.

Da das aber die Ausnahme auf "Solo I." ist, konstatiert man dem murmelnden Mann in der Ecke lauschend: Das hat schon Hand und Fuß, auch wenn es eigenwillig ist. Im Westen nichts Neues, mag man also im Bezug auf Fortuna Ehrenfeld und Martin Bechler meinen. Doch dann bemerkt man, dass "Die Rückkehr zur Normalität" gescheitert ist. Dass die Kraft mit Mühe vom Boden zusammengekratzt wird, wie die festgetretene Zigarettenasche unter den Kneipenhockern. Und dann wird einem wieder mal klar: Der Bechler ist einer von uns, und gerade deshalb hört man ihm so gerne zu.

(Arne Lehrke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ich schreib meine Gedanken
  • Pech und Schwefel
  • Perpetuum Rosemarie

Tracklist

  1. Ich schreib meine Gedanken
  2. Irgendwas vom jungen Dr.Dre
  3. Sophie 2.0
  4. And it takes the pain away
  5. Brüsseler Platz
  6. Pech und Schwefel
  7. Stimmung gute Laune!
  8. Perpetuum Rosemarie
  9. Stundenlang am Wasser stehn
  10. Bohemian Rhapsodie
  11. Drei Tage Regen danke Scheißkerl
  12. Eine Säge für die Nerven
  13. Zwanzig Meter Klingeldraht
Gesamtspielzeit: 38:38 min

Im Forum kommentieren

Z4

2022-03-25 11:10:05

Reinhard Mey erst so weit hinten in den Referenzen? Bernd Begemann höre ich da gar nicht raus.

Armin

2022-03-23 21:18:36- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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