Soul Glo - Diaspora problems

Epitaph / Indigo
VÖ: 25.03.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Frische Wut aus Philadelphia

2018 wurden Soul Glo auf dem Weg zu einem Gig von State Troopern im Bundesstaat Missouri kontrolliert. Ein Bandmitglied wurde festgenommen und die Kaution auf 15.000 US-Dollar angesetzt – laut Aussage der Band das Dreifache des üblichen Betrags. Daraufhin initiierten Soul Glo eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne und die Tour konnte fortgesetzt werden. Es ist nicht unüblich, dass kleinere Hardcore- und Punkbands sich per Crowdfunding an ihre Fans richten, wenn es Schwierigkeiten auf Tour gibt. Meist geht es um geklautes Equipment oder den defekten Tourbus. Die Mitglieder von Soul Glo aber sind mehrheitlich schwarz und das Ereignis steht somit beispielhaft für die Probleme, mit denen schwarze Bands auch heute noch zu kämpfen haben. "Diaspora problems" ist somit ein treffender Titel für den vierten Longplayer des Quartetts aus Philadelphia.

Soul Glo packen ihre geballte Wut in die Texte, arbeiten sich am Alltags- und Behördenrassismus, an Kapitalismus und sozialen Missständen ab. Sie spielen dabei einen ungestümen, schnellen Hardcore, der an die Anfangstage des Genres in den Achtzigern, an Pioniere wie Black Flag, Minor Threat und Bad Brains aus Washington erinnert. Letztere werden auch aufgrund ihrer Hautfarbe gerne als Referenz genannt, es gibt aber noch eine weitere Parallele. Bad Brains bereicherten ihren wilden Hardcore mit Reggae-Elementen, bei Soul Glo sind es HipHop-Versatzstücke. So wird für "Driponomics" mit Mother Maryrose eine Untergrund-Rapperin aus Philadelphia gefeatured, bei "Spiritual level of gang shit" sind mit McKinley Dixon und Iojii gleich zwei Rapper dabei. Soul Glo bauen die HipHop-Parts organisch in ihre Songs ein. Sowieso lebt ihr Sound von der Abwechslung, den permanenten Tempowechseln, dem Unerwarteten. "Gold chain punk (whogonbeatmyass)" taumelt zwischen schweren Gitarren und dem Stakkatogesang von Frontmann Pierce Jordan, "Fucked up if true" ist eine wuchtige Hardcore-Nummer samt gutturalem Gegrowle. Bei "Thumbsucker" lärmen dann Trompeten und Posaunen mit. "(Five years and) My family" startet mit Synthies und hallenden Gitarren, bricht unvermittelt ab und schickt mit einem stampfenden Schlagzeug das nächste Punk-Biest durch die Manege.

Die großartige erste Single "Jump!! (Or get jumped!!!)(by the future))" thematisiert, dass viele schwarze Künstler*innen erst posthum die Anerkennung erhalten, die ihnen zu Lebzeiten verwehrt blieb: "Living on Juice Wrld Pop Smoke time / I'll be in my future, come try to remove it / I live only for this, it's how I must do it." Im Februar berichtete Gitarisst Ruben Polo auf den sozialen Kanälen der Band von Vergewaltigungsvorwürfen, die gegen ihn im Raum stehen. Die Band gab umgehend bekannt, dass Polo sich eine Pause von der Musik nehmen und auf andere Gebiete seines Lebens konzentrieren würde. Soul Glo sind also aktuell im Krisenmodus, Polo war ein wichtiger Bestandteil des Kollektivs. Bleibt zu hoffen, dass die Band sich nicht aufgrund des vermeintlichen Fehlverhaltens eines Einzelnen auflösen muss. Dem Hardcore würde eine vielversprechende und spannende Stimme fehlen.

(Andreas Rodach)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Coming correct is cheaper
  • Thumbsucker
  • Jump!! (or get jumped!!!)((by the future))
  • John J (feat. Kathryn Edwards & Zula Wildheart)

Tracklist

  1. Gold chain punk (whogonbeatmyass?)
  2. Coming correct is cheaper
  3. Thumbsucker
  4. Fucked up if true
  5. Jump!! (or get jumped!!!)((by the future))
  6. Driponomics (feat. Mother Maryrose)
  7. (Five years and) My family
  8. The thangs I carry (feat. Bearcat)
  9. We wants revenge
  10. John J (feat. Kathryn Edwards & Zula Wildheart)
  11. Godblessyallrealgood
  12. Spiritual level of gang shit (feat. McKinley Dixon & Iojii)
Gesamtspielzeit: 39:15 min

Im Forum kommentieren

fakeboy

2022-03-30 13:16:44

Oh ja, ganz vergessen! Passt sehr gut als Referenz. Hab die mal live gesehen - war ziemlich geil, zumindest einen kurzen Moment lang.

hidden

2022-03-30 13:07:47

Show Me The Body wären hier meine erste Referenz.

Yndi

2022-03-30 11:14:00

Schon nervig, schon geil. Ist ein acquired taste, aber hier steckt definitiv so viel Gutes drin, dass sich das Reinarbeiten lohnt.

SammyJankis

2022-03-30 11:01:00

Code Orange würde ich vielleicht auch nennen, aber am ehesten das erste Album. Danach klingt es meiner Meinung nach auch schon komplett anders. Es ist wirklich schwierig.

Allerdings macht die Auflistung der Bands einfach keinen Sinn. Touche Amore sind ja hier sicherlich bekannt. Einfach mal einen Song von Zulu oder Sunami anhören und dann die Frage beantworten, ob es in irgendeinander Form nach Touche Amore klingt.

Das ist halt so als würde ein Metalalbum reviewt werden und die Referenzen wären:
Mayhem, Within Temptation, Neurosis, Napalm Death

fakeboy

2022-03-30 08:16:05

Manchmal wären keine Referenzen die besseren Referenzen...

Das Album ist jedenfalls deutlich chaotischer und derber als die genannten. Code Orange kommen mir in den Sinn.

Ich find's irgendwie geil, irgendwie auch nervig. Kann mich noch nicht entscheiden, was überwiegt.

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