Get Well Soon - Amen

Caroline / Universal
VÖ: 25.03.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Glückskeks-Poesie

Konstantin Gropper hat vor den großen Themen noch nie halt gemacht. Im Verlauf seiner inzwischen auch schon seit 2008 unter dem Namen Get Well Soon währenden musikalischen Karriere widmete er sich mit ausgeprägter Liebe zum Detail auf fünf durchweg bemerkenswerten Alben dem Leben, Lieben und Sterben. Er garnierte das alles stets mit der großen Geste, an der sich so mancher beim Hören durchaus mal verschluckte. Nach "Love" und dem schwermütigen "The horror" folgt "Amen" – und Gropper bleibt sich erneut treu, ohne stur im Bewährten zu verharren.

Die Begegnung mit einem neuen Album von Get Well Soon geht immer auch mit einer Prise Besorgnis einher. Hat Konstantin Gropper diesmal den Bogen überspannt? Zu viel Drama, zu viel Theatralik, zu viele Chöre, zu viel von allem? Es gab Momente in seinem Schaffen, in denen er nur haarscharf an der Überdosis vorbeischrammte. Auf "Amen" lösen sich die Sorgen rasch in Wohlgefallen auf. Gropper hat sein Repertoire wieder einmal voll ausgeschöpft, allerdings sorgsamer dosiert und mehr auf den Punkt gebracht. Natürlich gibt es auch diesmal wieder Ausflüge ins Chorale, sehnsuchtsvolle Streicher und dramatische Augenblicke, doch traut er sich und seinen Mitstreitenden auch eine entschlossene Prise Leichtigkeit und Tanzbarkeit zu. Der faszinierende, gleichermaßen beschwingte wie melancholische Auftakt in "A song for myself" gerät gleich zur Aufforderung an sich selbst, etwaige Düsternis zum Teufel zu jagen: "Stop your whining you're alright" ruft es ihm aus dem Hintergrund entgegen. "My home is a tunnel, at the end there is no light", versucht er noch einmal gegen die Stimmen anzusingen, doch die stellen klar: "Okay, this needs to stop right now."

Und dann stoppt es tatsächlich. Gropper schickt in "My home is my heart" einen echten Pop-Kracher ins Universum, ganz so, als hätte er mit Neil Tennant gefrühstückt und gedacht: Was die Pet Shop Boys können, kann ich schon lange. Dieser Ausflug in vergleichsweise einfach zu rezipierende Gefilde wiederholt sich im weiteren Verlauf, nicht zuletzt auf Songs wie "One for the workout" oder "Us vs. evil". Wer jetzt besorgt rätselt, wo die großen Gesten, das Drama, die Theatralik hin sind, sei beruhigt: Konstantin Gropper wäre nicht Konstantin Gropper, wenn er all dem nicht auch weiterhin eine Bühne bieten würde. "I love humans" kommt im klassischen Gewand von Get Well Soon daher, später wird auf "Mantra" ein Spannungsbogen gelegt, der einen tief in den Song hineinzieht. Und natürlich garniert der gebürtige Oberschwabe das Ganze wieder mit Leinwandzitaten und lässt eine automatisierte Stimme durch das Album spazieren, die immer wieder auftaucht und präzise kommentiert, was hier gerade so vor sich geht.

Eine positivere Denkweise habe sich Gropper in Pandemiezeiten zugelegt, was "Amen" oft auch deutlich anzuhören ist. Augenzwinkernd bringt er das Werk dann fast folgerichtig mit Zitaten aus Glückskeksen zu einem runden Abschluss. In "Accept cookies", diesem mit Blick auf den Text überaus doppeldeutigen Titel, heißt es da beispielsweise: "Take a chance / While you have the chance." Wer möchte da widersprechen? Konstantin Gropper hat jedenfalls die Chance ergriffen, sein feines Gesamtwerk um ein weiteres tolles Album zu erweitern. "You will win / Just go, begin." Amen.

(Torben Rosenbohm)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • My home is my heart
  • Our best hope
  • Golden days

Tracklist

  1. A song for myself
  2. My home is my heart
  3. I love humans
  4. This is your life
  5. Our best hope
  6. One for the workout
  7. Mantra
  8. Chant en disenchant
  9. Richard, Jeff & Elon
  10. Us vs. evil
  11. Golden days
  12. Accept cookies
Gesamtspielzeit: 56:50 min

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Thanksalot

2022-04-30 11:45:29

Dieses Gefühl habe ich auf jeden Fall stets bei den ersten beiden Alben, die ich darum auch eher anstrengend finde. The Scarlet Beast O'Seven Heads hingegen gefiel mir auf Anhieb, weil diese Platte einfach etwas leichter und reduzierter wirkte, ohne dass Gropper an musikalischem Anspruch einbüßen musste.
Amen geht da schon ziemlich genau in die gleiche Richtung. Nach dem eher trägen The Horror ist auch hier wieder diese Leichtigkeit wie bei The Scarlet Beast, wirkt dabei aber noch ein bisschen songdienlicher. Wenn Gropper Optimismus zum Thema machen wollte, ist ihm das durchaus gelungen. Das Album durchzieht eine positive und motivierende Grundstimmung und agiert auf einem gleichbleibend hohem Niveau, dass es einfach Spaß macht. 8/10

Highlights: "I Love Humans", "Us vs. Evil" und "Accept Cookies". Ich könnte noch weitere aufführen, aber dann wären das 3/4 der Platte.

Für mich jedenfalls eine schöne Überraschung in diesem Jahr, die mich darum auch zu einem spontanen Konzertbesuch (das erste seit 2 Jahren) am vergangenen Donnerstag verleitete und welches sehr gelungen war. "You Cannot Cast Out The Demons" als zweite Zugabe war der Knaller.

MartinS

2022-03-18 17:47:48

Was MACHINA sagt.
Gropper ist ja quasi die personifizierte Popakademie. Man hat eigentlich immer das Gefühl, dass hier eine Liste abgearbeitet wird bzw. das die Songs allgemein mehr gearbeitet als gespielt werden.

Takenot.tk

2022-03-17 10:12:45

Ich will Get Well Soon gar nicht künstlerisch verteidigen, bin selbst kein Fan, aber glaube halt nicht dass die Popakademie da so viel mit zu tun hat...

Ralph mit F

2022-03-17 10:06:12

Die Popakademie kannst du hundertmal absolvieren, wenn du keine Kreativität und eigene Stimme mitbringst, wird das wohl trotzdem nichts. Bin da ganz beim Karottenkönig.

The MACHINA of God

2022-03-17 10:04:00

Das Problem ist aber, finde ich, dass mein Grouper das Reißbrett leider hört. Es wirkt für mich leider wirklich immer halt wie gelernt und weniger wie gefühlt.

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