Hot Water Music - Feel the void

End Hits / Uncle M / Cargo
VÖ: 18.03.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Von Herzen

"No story is ending, only revolving": Chris Wollard, neben Chuck Ragan zweiter Sänger des Gainesville-Flaggschiffs Hot Water Music, hat sich nach einer gesundheitsbedingten Live-Auszeit, die die verbliebenen Mitglieder laut über ein Ende nachdenken ließ, wieder aufgerappelt. Zusammen mit Ragan, Basser Jason Black, Drummer George Rebelo und The-Flatliners-Mann Chris Cresswell, der ursprünglich für Wollard eingesprungen, aber nicht wieder gegangen ist, hat er "Feel the void" aufgenommen. Das neunte Album der wegweisenden Band in fast drei Jahrzehnten ist ein weiteres, lang überfälliges Zeugnis dessen, zu was die nun fünf Musiker imstande sind, wenn die Muse küsst. Und ganz gleich, ob jene sich heute aus dem lang ersehnten Erwachen aus dem finsteren Trump-Zeitalter, ganz klassisch aus Frau und Familie oder aus der Tatsache speist, kurz die eigene Vergänglichkeit vor Augen geführt bekommen zu haben: Sie küsst hart und von Herzen.

Während die beiden Alben der 2010er Jahre, "Exister" und "Light it up", nicht völlig an vergangene Großtaten anknüpfen konnten, geht es jetzt wieder zur Sache: Bassist Jason Black darf in Stücken wie "Newton scraper" ordentlich drauflosblubbern und ganz in seinem Element sein. Ragan brüllt sich die letzten Reste seiner kaputten Stimmbänder nach außen, wogegen Wollard mit sanfterem, aber nicht weniger dringlichem Gesang tapfer ankämpft. Und auch der Rest der Combo zeigt sich in Bestform. Sound-Puristen, die noch immer nicht verarbeitet haben, dass die glorreichen Neunziger nicht wiederkommen, mögen lamentieren. Aber die frohe Nachricht lautet: 2022 gibt es, auch bei weiterhin glatterer Produktion, ein Hot-Water-Music-Album, bei dem einfach alles stimmt.

Absolut unangestrengte, aber mitreißende Melodien wie in "Habitual" sind in dieser Qualität auch für Kraftpakete wie den Florida-Fünfer nicht selbstverständlich – vor der Fülle an solcher, die die Band auf "Feel the void" aus den Karohemdärmeln schüttelt, lässt sich nur der Hut ziehen. Ob jetzt flott auf ein paar Akkorden durch die nächste Wand gebolzt ("Killing time"), mit kumpeligem Singalong ("Scratch on") oder filigraner und im Band-Kontext auffallend düsterer instrumentiert ("Another breath") – das Quintett legt sich ins Zeug wie lange nicht mehr. Newcomer Cresswell sorgt im melancholischen "Turn the dial" für frischen Wind an der Vocal-Front, fügt sich aber ins Gesamtbild ein, als sei er schon immer dabei gewesen. "Ride high" und der wunderschöne Rausschmeißer "Lock up" tragen die Flamme weiter im Herzen und suhlen sich in himmelhochjauchzendem Drama. Emo für Erwachsene, die das Band-Logo schon ewig tätowiert haben.

Kollege Cadario sprach vor zehn Jahren von "Routiniers", von den "Elder Statesmen" des Punk – zu irgendeinem Zeitpunkt seitdem müssen Hot Water Music aber Jungbrunnen oder Frischzellenkur mit unschlagbarem Bartpflegemittel für sich entdeckt haben, denn altersmilde oder "Wir haben das schon immer so gemacht"-mäßig ist hier nichts. Statt bloß routiniert, zeigt die Band sich wunderbar eingespielt, was die Entstehungsgeschichte des Albums, das pandemiebedingt hauptsächlich über Remote-Zugriff entstanden ist, ad absurdum führt. Denn die meist locker aus dem Bauch gepunkten und doch immer überzeugenden Hooks duften eher nach Proberaum-Jam – und eben auch ein bisschen nach Magie. Dass es von Produktionsseite aus kein zweites "No division" mehr geben wird: geschenkt. "Feel the void" hat keinen auch nur ansatzweise enttäuschenden Song anzubieten, und als Fan pflichtet man Hot Water Music inständig bei: "Hearts stay full." Denn wenn das die Leere ist, könnte sie voller nicht sein.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Another breath
  • Killing time
  • Habitual
  • Turn the dial
  • Lock up

Tracklist

  1. Another breath
  2. Killing time
  3. Newton scraper
  4. Habitual
  5. Collect your things and run
  6. Hearts stay full
  7. Feel the void
  8. Turn the dial
  9. The weeds
  10. Scratch on
  11. Ride high
  12. Lock up
Gesamtspielzeit: 40:47 min

Im Forum kommentieren

fakeboy

2022-05-31 18:11:08

Ausgerechnet zu "Turn The Dial" gibt's nun ein Video. Für mich funktioniert dieser Song überhaupt nicht. Klingt einfach nicht nach HWM sondern nach irgendeiner x-beliebigen Pop-Punk-Band mit rockiger Kante...





Talibunny

2022-04-01 17:59:30

Steht auf einer Stufe mit dem Vorgängeralbum und stellt somit die untere Ebene der HWM-Diskographie dar.

Bestes Album seit Caution ? Bei aller Liebe, sorry, aber wie man zu dem Schluss kommt, kann ich nicht heraushören.

Talibunny

2022-03-20 17:52:49

Gerade zum ersten Mal gehört. Eine Wertung möchte ich mir nicht anmaßen.
Besser als "Exister", die mir oftmals viel zu schlecht wegkommt, scheint "Feel the void" jedenfalls nicht zu sein. Braucht allerdings auch noch diverse Durchläufe. Eines ist aber nach dem ersten Hören klar : "Turn the dial" ist ein Willkommensgeschenk, das es nicht gebraucht bzw. einen wesentlich besseren Song verdient gehabt hätte.

Und die "Rezi" von Burger ist weder das noch ein anständiger Verriss. Das ist lediglich eine Flatulenz, wie sie jeder x-beliebe Internettroll in die Welt bläst.

fakeboy

2022-03-18 18:33:58

Aber zutreffend. Echt jetzt, das Album ist zuweilen schwülstig und dann wieder schlicht öde. Ride High ist der Tiefpunkt. Pathos-Rock. Wie man das Album besser als Exister oder Light it Up finden kann, ist mir schleierhaft. Nach einen Tag für mich höchstens eine 6/10.

Ralph mit F

2022-03-18 16:27:05

Boah, die Visions-Einschätzung von Martin Burger ist ja mal gemein :D

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