Widowspeak - The jacket

Captured Tracks / Cargo
VÖ: 11.03.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Staub am Ärmel

"Everything is simple until it's not." Widowspeak sind eine dieser Bands, die man auf den ersten Blick durchschaut zu haben glaubt. Da ist die Frau mit der Hope-Sandoval-Stimme und hier der dezent die Fäden im Hintergrund spinnende Mann, die zusammen – was denn auch sonst? – ein Dream-Pop-Duo bilden. Doch unter all dem kristallklaren, traumwandlerischen Wohlklang manifestiert sich bei Molly Hamilton und Robert Earl Thomas stets die bittere Realität. Auf "Plum", ihrem bisher besten Album, ging es um vom Kapitalismus zerräderte Existenzen. Und auch sein Nachfolger "The jacket" fußt auf einer losen Konzeptgeschichte, die nur oberflächlich in der Fantasie schwelgt. Die Erzählerin, eine Näherin, schneidert Kostüme für Country- und Art-Rock-Bands, ehe sie selbst Teil von einer wird – doch am Ende des aufregenden Traums wartet nur wieder die Rückkehr in den ewigen Rhythmus der Arbeit. Musikalisch operieren Widowspeak weiterhin am knochigen, Americana-inspirierten Rand ihres Genres, ohne mächtige Shoegaze-Wände oder Beach-House'sche Synth-Nebelmaschinen. Thomas' Gitarrenspiel franst jedoch immer öfter in schiefere Sphären aus, als würden sich die inneren Risse langsam auch auf der Außenschale zeigen.

So klingt Hamilton in "While you wait" zwar wie gewohnt, als würde sie jeden Moment am Mikrofon wegdösen, doch setzt jener Opener auch ein paar interessante Reizpunkte: Psychedelische Flöten schwirren um den sanften Beat herum und überraschend harsche Saitenanschläge schneiden den sedativen Schimmer immer wieder auf – wie Donnergrollen, das beim Einschlafen stört. Wie dringlich Dream Pop sein kann, beweist die eingangs zitierte, schlicht grandiose Single "Everything is simple" mit ihren satten Drums und dem verheißungsvollen Piano spätestens am Ende – dann nämlich, wenn uns Thomas' Geschrammel daran erinnert, dass sich wirklich jede Indie-Band irgendwann auf The Velvet Underground zurückführen lässt. Auch in "Salt" halten sich akustische und elektrische Saiten gegenseitig wach, bevor der Titeltrack nach der Halbzeit in einem verzerrten Jam straight aus dem Spät-Sechziger-Proberaum zerbröselt. Selbst unter einem komplett wolkenlosen Sternenhimmel wie in der Slowcore-Hypnose "True blue" wird klar: So staubig wie auf "The jacket" klangen Widowspeak noch nie. Das ist absolut positiv zu verstehen – was für ein spezielles, einnehmendes Flair solche schwelgerischen Wüsten-Noir-Soundtracks erzeugen können, haben schließlich erst ein Jahr zuvor Still Corners mit ihrem bezaubernden "The last exit" gezeigt.

Während "Plum" in seiner zweiten Hälfte zunehmend in der Reduktion versank, nimmt diese Platte hier an gleicher Stelle nochmal ordentlich Schwung mit. "Unwind" droht in einer kurzen, aber effektiven Klimax davon zu schweben, ehe das orgelbetankte "The drive" im tanzbaren, eingängigen Refrain seinem Namen alle Ehre macht. Dennoch ist "The jacket" kein Album des Aufbruchs, markiert in seiner Entstehung vielmehr die Rückkehr in die Heimat New York – und tatsächlich wirkt das Duo hier so abgeklärt, wie man es nur zwischen den eigenen vier Wänden sein kann. Wer kritisiert, die angedeuteten Ausbrüche seien nicht konsequent genug ausformuliert, hat die Gleichförmigkeit als ästhetisches Prinzip nicht verstanden. Dream Pop ist kein Genre, das uns mitreißen, sondern eines, das uns fixieren will – und das uns, aller kleinen Risse und Realitätsdurchlässe zum Trotz, in einen Trostkokon hüllt, in dem nichts anderes als das vage Gefühl zählt. In einem der besten Momente lädt Hamilton zum "Slow dance" ein, tritt als Avatarin einer flüchtigen Zuneigung auf, die nie spurlos verschwindet: "When you wake / Feeling will be gone / The world has moved on / But you know that you were loved / Let that be enough." Mit Widowspeak ist es wie immer mehr als genug.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Everything is simple
  • The drive
  • Slow dance

Tracklist

  1. While you wait
  2. Everything is simple
  3. Salt
  4. True blue
  5. The jacket
  6. Unwind
  7. The drive
  8. Slow dance
  9. Forget it
  10. Sleeper
Gesamtspielzeit: 42:14 min

Im Forum kommentieren

Kojiro

2023-08-20 17:30:38

Meine Güte, der Titelsong ist so dermaßen stark. Diese Band müsste eig. viel mehr Aufmerksamkeit kriegen. Immer noch ein fabelhaftes Album.

myx

2023-02-25 18:23:04

Schönes Album, habe ich letztes Jahr komplett übersehen. "Everything is simple" ist tatsächlich schlicht grandios, wie es in der Rezension heisst.

Kojiro

2022-12-16 23:23:28

Ja, war eine kleine Schaubühne, würde schätzen so ca. 50-60 Plätze. Ziemlich gemütliche Wohnzimmeratmosphäre, aber ganz toll! :-) Am Ende gab's dann noch als Zugabe 1. das "Wicked Game" Cover :-)

nörtz

2022-12-16 23:19:32

Will die auch schon mal seit Ewigkeiten sehen. Nächstes Mal, wenn sie wieder in Hamburg sind. Auf Facebook stand, es sei ausverkauft gewesen. War es ein ziemlich kleiner Laden?

Kojiro

2022-12-16 23:18:19

Tolles Konzert, tolle Live-Band. Kaum ein Unterschied zw. Live- und Studioversionen zu hören. Die Band hätte's wirklich verdient, vor mehr als ca. 60-70 Leuten (bestuhlt) zu spielen. Definitiv ein Top 3 Album 2022!

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