August August - Liebe in Zeiten des Neoliberalismus

Popup / Believe
VÖ: 25.02.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Über Windungen

Es ist fraglos interessant, wie Kathrin Ost textet. Wie die Musikerin und Schauspielerin Themen setzt. Und vor allem: dringende Fragen stellt. Häufig fußen die Songideen für das Debut ihrer Indie-Pop-Band August August auf einer zentralen Idee. Im Falle der hittigen Auskopplung "Wahnsinn" auf einem feinen Gitarrenriff. anderswo auf einer Aussage. "Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat" ist so ein vornehmlich unauffälliger, aber kluger Satz, der auch als Frage funktioniert und der das einst gefühlig-romantische Ideal der Hingabe und Zuneigung vor dem Hintergrund unserer heutigen, nahezu komplett materiell-monetär geprägten Gesellschaft treffend verortet. War Dein Valentinstag-Präsent bitteschön wertvoller als jenes aus dem letzten Jahr? Und wann postest Du Deine Reaktion endlich bei Instagram? Das Schöne zählt. Also sieh zu, dass Du es Dir leisten kannst.

Der Albumtitel "Liebe in Zeiten des Neoliberalismus" führt mit seiner sprachlichen Ebene dennoch ein wenig in die Irre. Denn es geht immer um mehr als Liebe, und totale Verkopftheit oder subversive Agitation sind auch nicht die Sache der Hamburgerin. Was sie in "Kaputt + kein Hunger" unter Beweis stellt, während jenes kleine Indie-Rock-Bonbon treffend das Problem der mentalen Verlorenheit vieler junger Menschen auf den Punkt bringt: Wenn sie selbst wieder und wieder bemerken, dass Menschlichkeit, vielgepriesene Werte und emotionale Ausgeglichenheit nur fragile Rahmengebilde inmitten der harten Leistungsgesellschaft sind. Resignation ist die Folge: "Ich glaub, ich bleib für immer liegen."

Dazu zwischenmenschliche Probleme, welche in einem kaum greifbaren Alltag – der, wie COVID-19 uns lehrte, sogar im Stillstand überfordern kann – , immer wieder aufs Neue kollidieren. Trotz aller Ernsthaftigkeit transportiert Ost diese im feinfühligen "Ich wundere mich nur (mon amour)" mit ihrer zarten Gesangsstimme überaus angenehm. Besonders in "Phase", einem luftigen Indie-Popper, ähnelt ihre Intonation der von Judith Holofernes. Nicht nur deswegen verzeiht man August August, die sich in Interviews klar außerhalb der hinlänglich bekannten und totgedudelten Deutsch-Pop-Bubble verorten, dass man die hymnische Refrainmelodie aus "Bild von uns beiden" irgendwo schon mal in ähnlich vernommen hat. Das Duo liefert musikalisch nichts bahnbrechend Neues, verharrt manchmal auch nah am seichten Schönklang – aber das konsequent und aus einem Guss. Die Verbindung zwischen Ost am Bass und Mitstreiter David Hirst an der Gitarre passt: Der Berliner fischt im Indie-Pop-Schwimmbecken, findet niedliche Licks und hin und wieder auch mal leicht schräge Akkorde.

Unter der oft zarten Oberfläche überzeugen feine Arrangements wie im Closer "Ohne Titel (Wolken)", die durchaus an tiefergehendes Songwritertum im Geiste Hannes Wittmers oder Gisbert zu Knyphausens erinnern. Gleichzeitig heben sich August August von ärgerlichen Banalitäten etwa der Herren Weiss, Forster und Co. ab. Nicht bloß auf der lyrischen Ebene, auch dank ihrer Haltung: So entschält sich die Aussage des flotten und Mut stiftenden "Die Katze weiß, wann sie verloren hat" erst nach mehreren Durchgängen. Ost selbst sagt dazu, wie sehr sie der konservative Gegenwind gegenüber den Aktivist*innen von Fridays For Future aufregt: "Es scheint schwer für uns Menschen zu sein, aus Fehlern zu lernen und Neues zuzulassen. Neue Ideen haben es schwer. Der Mensch handelt wider besseres Wissen. Vielleicht war das schon immer so. Vielleicht ist das eine Bürde unserer postfaktischen Zeit. Oder denken wir zuviel in Ideologien anstatt in Ideen?" Ganz klar Letzteres! August August tasten sich auf ihrem Debüt mehr als nur daran heran, alte Ideologien zu entlarven und zu überwinden.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Phase
  • Kaputt + kein Hunger
  • Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat
  • Die Katze weiß, wann sie verloren hat

Tracklist

  1. Wahnsinn
  2. Phase
  3. Deine Freunde
  4. Kaputt + kein Hunger
  5. Gips
  6. Bild von uns beiden
  7. Dolch
  8. Ich wundere mich nur (mon amour)
  9. Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat
  10. Die Katze weiß, wann sie verloren hat
  11. Coda
  12. Ohne Titel (Wolken)
Gesamtspielzeit: 39:52 min

Im Forum kommentieren

Armin

2022-02-23 22:48:51- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

S.v.K.

2022-01-22 11:51:55

Oje, ja, FFF haben's echt schwer. Sind ja nur Lieblinge der Eltern, der Lehrer und der Medien.

Mit ideologischer Wahnhaftigkeit meint sie sich wohl selbst.

Immerhin weiß man dank dem Pressetext gleich, dass man sich das niemals anhören muss.

Armin

2022-01-21 19:26:57- Newsbeitrag

Mit dem letzten Vorboten aus ihrem Album "Liebe in Zeiten des Neoliberalismus" liefern AUGUST AUGUST aus Hamburg eine Hymne für alle, die noch was versuchen wollen: "Die Katze weiß wann sie verloren hat" spricht dir Mut zu: Vielleicht ist ja doch noch nicht alles zu spät! Das Debüt der Indie-Pop-Band um Sängerin und Schauspielerin (u.a. Extra 3) Kathrin Ost erscheint am 25.02.2022 über popup-records, auch eine Kurzdoku dazu wurde gerade veröffentlicht.


August August - "Die Katze weiß wann sie verloren hat" (Single)
Musikvideo:

Mit dreamy Schrammel-Gitarren und Kickdrum-Beat motivieren August August mit ihrem neuen Song "Die Katze weiß wann sie verloren hat" zum Träumen und Dranbleiben: Lass' alle Perfektion fahren und mach einfach - egal, was die anderen sagen! (Denn die sind sowieso erstmal dagegen.) Fridays For Future haben das erlebt, jede*r Künstler*in hat das schon mal erlebt. Und zu mutigen Versuchen gehört auch das Scheitern (und leider oft genug die anschließende Häme der anderen).
Sängerin Kathrin Ost über den Song:

"Es ist immer wieder überraschend für mich festzustellen, dass es Menschen gibt, die keinerlei Widerspruch darin sehen, Vorbildfunktionen zu predigen, aber selbst jeden Lösungsvorschlag durch Jammern, Schlechtreden und ideologische Wahnhaftigkeit zu verhindern - und darin überhaupt kein schlechtes Vorbild zu sehen.

Der Text für diesen Song ist entstanden, weil es mich unglaublich geärgert und traurig gemacht hat, was teilweise als Gegenwind und blöden Kommentaren auf die FFF-Aktivist*innen zugekommen ist. Es scheint ziemlich schwer für uns Menschen zu sein, aus Fehlern zu lernen und Neues zuzulassen. Wir erleben das jetzt bei einer Vielzahl von Themen: neue Ideen haben es schwer. Der Mensch handelt wider besseres Wissen. Vielleicht war das schon immer so. Vielleicht ist das eine Bürde unserer postfaktischen Zeit. Oder denken wir zuviel in Ideologien anstatt in Ideen?

Das könnte eine Erklärung sein. Es ist aber kein Trost für jemanden, der jetzt jung ist und sich seine Zukunft einfach nicht vorstellen kann. Ideen und Vorschläge kaputt zu quatschen ist leicht, einfach mal zu machen, ungleich schwerer. Und was mir in unserer Gesellschaft definitiv fehlt, ist die Anerkennung für den Versuch! Gerade die Ideen, die vielleicht noch weiter wachsen müssen oder noch keine einhundertprozentige Lösung bieten, brauchen doch unseren Zuspruch.

„Don’t let perfect be the enemy of good“ - ich würde mir wünschen, dass wir uns diesen Satz öfter zu Herzen nehmen. In den meisten Fällen ist doch alles besser als die ausgetretenen Pfade, von denen wir längst wissen, dass sie nicht zum Ziel führen. Außerdem glaube ich, dass die Suche nach Perfektion uns davon abhält, wirklich kreativ zu sein. Nichts ist so langweilig wie perfektes Handwerk. Und was ist schon perfekt? Das Leben bleibt unbeschreiblich und erst in unseren Brüchen, Rissen und Reparaturen kommt die wahre Schönheit zutage. Das gilt in der Kunst. Das gilt im Leben."

Vorher wurden aus dem Album bereits die Singles "Kaputt + Kein Hunger" und "Wahnsinn" veröffentlicht, sowie an Heiligabend der Song "Man kann sich nicht Lieben wenn man kein Geld hat".

Ralph mit F

2022-01-08 23:03:28

Song ist gut. Wie sie so manche Worte ausspricht, ist definitiv Holofernes-Schule, aber mit weniger Hibbeligkeit. Und ja, Arbeiten ist doof.

Outrun

2022-01-08 21:30:50

Mir gefällt's.

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