Sasami - Squeeze

Domino / GoodToGo
VÖ: 25.02.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Zwei Welten

Neunzigerkinder, nehmt euch in Acht: Die Nullerkinder kommen! Zugegeben: Darüber, ob stumpfe Boller-Riffs jetzt erst nach der Jahrtausendwende in Mode gekommen sind und "Cut my life into pieces" nun eine andere Botschaft als zum Beispiel "I hate myself and want to die" vermittelt, lässt sich streiten. Sasami Ashworth aus Los Angeles jedenfalls schöpft für ihren Zweitling "Squeeze" tief aus den nostalgischen Vibes der 2000er-Mottenkiste und steht dazu. Schon der Opener "Skin a rat" ist eine bekloppte Hommage an miefigen Crossover-Sound mit zerfledderndem Schlagzeug und funky Riffs. Wer weiß noch, dass Courtney Love einmal kurzzeitig für Faith No More gesungen hat? Das muss so in der Art geklungen haben. "Say it" puzzelt noch Industrial-Sprengsel und elektronisches Fiepen aus den dunkelsten Korn-Kapiteln dazu und landet dann bei weniger melodiösen Garbage. Uff.

Das ganze Album, übrigens zu Teilen von Ty Segall produziert, ist jedoch deutlich vielschichtiger. Böse Zungen behaupten ja, wenn Nu Metal nur einmal falsch abböge, käme man bei eigentlich klassischem Hardcore raus (oder war es andersrum?) – "Sorry entertainer" sieht das ähnlich, blendet man einmal das kuriose Nicht-Solo am Ende aus, bevor Ashworth einen Hustenanfall erleidet. Der Song selbst stammt im Original tatsächlich von Slacker-König Daniel Johnston. Ist cool, muss man halt wissen. Adult Contemporary wie "The greatest" tut inmitten all des Krawalls so, als wär' nix gewesen, nimmt von Whitney Houston aber auch nur das Nötigste und stülpt ein Schrammelgitarren-Korsett darüber. "Call me home" und der Closer "Not a love song" schlagen in dieselbe Kerbe. Beinahe scheint es, als wechsle die 31-jährige Künstlerin mit voller Absicht massenkompatible mit psychotisch-schiefen Stücken ab und hätte einen Heidenspaß dabei – so als sei sie im gediegeneren Alter einer folkrockenden Liz Phair und gleichzeitig so jung, dass sie deren mit Papa Roach großgewordener Sprössling sein könnte.

Die Mutation aus herumkriechender J-Horror-Gestalt, Giftschlange und Krebs, in die Ashworth sich auf dem Artwork verwandelt, sieht zwar fies aus, ist aber recht passend gewählt. Darstellen soll sie die "Nure-onna" ("nasse Frau"): einen japanischen Volksgeist, der für Angst und Schrecken sorgt, in seiner Macht aber auch für (weibliche) Selbstbestimmung und die kämpferische Natur der Songwriterin stehen soll. Als halbe Zainichi, Nachfahrin ursprünglich in Japan ansässiger Koreaner*innen, kennt Ashworth sich mit ihrem bilateralen kulturellen Erbe gut aus, das leider auch die Marginalisierung früherer Generationen beinhaltet. "Squeeze" erobert sich das verlorengegangene Mitspracherecht zurück und streift die Opferrolle ab. Auf Tour wird man Sasami 2022 mit der japanischstämmigen Mitski antreffen.

Zugegeben: Das Herumswitchen zwischen Pop-Balladen und, joa, Nu Metal erinnert schon sehr an das Vorgehen von Rina Sawayama, in deren Brust auch jene zwei Seelen wohnen, lehnt sich aber nicht so sehr in den Mainstream wie diese zuweilen und stellt sich gerade in den verschiedenen Spielarten von Gitarrenmusik breiter auf. So haben auch eingängige und leicht verdauliche Songs wie "Make it right", das so ähnlich tatsächlich auch von oben erwähnter Mitski in deren ausgelasseneren Momenten stammen könnte, eine angenehme und eindeutige Schieflage. "I can transform / I can conform / Liquid body / I just wanna be free", singt Ashworth im Titeltrack: Alles fließt, und die einzige Konstante ist die Veränderung. Die Künstlerin selbst hat übrigens eine klassische Ausbildung genossen, war in ihrer Ex-Band Cherry Glazerr aber auch schon mal für die Synths zuständig. Welches Genre wohl als nächstes aus dem Hause Sasami ansteht?

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Skin a rat
  • Say it
  • Make it right

Tracklist

  1. Skin a rat
  2. The greatest
  3. Say it
  4. Call me home
  5. Need it to work
  6. Tried to understand
  7. Make it right
  8. Sorry entertainer
  9. Squeeze (feat. No Home)
  10. Feminine water turmoil
  11. Not a love song
Gesamtspielzeit: 32:07 min

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Armin

2022-02-16 21:04:25- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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