White Lies - As I try not to fall apart

[PIAS] / Rough Trade
VÖ: 18.02.2022
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Vorwärts im Stillstand

So ein paar Konstanten im Leben sind doch auch was Schönes. Muss ja nicht immer alles neu sein, manchmal reicht auch einfach das Gewohnte – eine Tatsache, die sich im Großen und Ganzen auch auf die Karriere des britischen Dreiergespanns White Lies übersetzen lässt. Das durchaus zurecht mit stattlichem Hype befeuerte Debütalbum "To lose my life..." liegt mittlerweile schon weit über ein Jahrzehnt zurück – Jahre, in denen sich die Band nach dieser Initialzündung beileibe nicht neu erfand. Vielmehr schien man es sich im heimischen London wie auch im hauseigenen Bandsound so richtig gemütlich zu machen. Ein Eindruck, der sich zuletzt auf "Five" wieder einmal bestätigte. Nun ist das an sich absolut nichts Schlechtes: Das Händchen für Melodien und Hooks ist nach wie vor da, einige kleine Hits durfte jeder Release aufs Neue feiern. Und doch wurde es zuletzt noch eine kleine Schippe pompöser, hymnischer, aber auch beliebiger – Vorsicht ist also angesagt, wenn es ans neue Werk "As I try not to fall apart" geht.

Ein leicht mulmiges Gefühl, das sich leider an vielen Stellen des mittlerweile sechsten Studioalbums der Briten bestätigt. Beinahe scheint es so, als wäre sich dessen auch die Band selbst bewusst. Songs wie der Titeltrack oder das eröffnende "Am I really going to die" haben mit arg kitschgetränkten Instrumentals und klobigen Songstrukturen zu kämpfen – vor allem aber fehlen die einprägsamen Hooks, die dringend benötigten und ansonsten durchaus zuverlässig vorhandenen Klasse-Refrains. Nett anzuhören ist das nach wie vor, wie immer eben, aber einfach nicht so recht on point. Das klimperige "Step outside" versucht sich an einem schmissigen Stampfer, wirkt dabei aber im Albumkontext eher deplatziert und irgendwie nichtssagend. Für einen Pop-Smasher zu vertrackt, für eine waschechte Achtziger-Revival-Hymne zu fahrig und unfokussiert. Auch das beinahe sieben Minuten lange "Roll December" will nicht so recht als großes Epos taugen, selbst wenn sich die Band mit einem ausschweifenden Intro und wütendem Finale redlich Mühe gibt. Die einzelnen Teile ergeben hier ein ziemlich holpriges Ganzes. Nie unhörbar, aber eben auch nie wirklich gut.

Dankenswerterweise ist aber trotz einiger Schlitterpartien und Ausrutscher längst nicht jegliche Hoffnung für Fans verloren. Dass die Herren um Sänger Harry McVeigh nach wie vor ganz vorzügliche Musik fabrizieren können, zeigt vor allem das ungleiche Song-Duo "Breathe" und "I don't want to go to Mars". Ersteres erzeugt mit einem sehr sphärischen, mystischen Klangbett eine äußerst dichte Atmosphäre, während McVeigh dazu die passenden Zeilen wie "Forget the sound of cars and city hell" und "Spinning with this lonely world" skandiert. Hier kommen zum ersten Mal Drive, Emotionen und Hymnenhaftigkeit in herrlicher Melancholie zusammen. Als Konterpunkt ist "I don't want to go to Mars" deutlich ungestümer und rockiger unterwegs, zieht sich schmierige Leadgitarren-Licks an und schraubt den Bombast beinahe bis zum namensgebenden Planeten hoch. "I don't wanna go to Mars / What kind of braindead idiot does? / It's all a lab-rat life in jars" zieht sich dabei als bissig-ironische Verklärung durch den Refrain. Sicherlich keine hohe Kunst, aber eben mitreißend. Darauf kommt es ja letztendlich auch an. Nennenswerte Neuigkeiten gibt es auch anno 2022 im Hause White Lies eher nicht zu vermelden. Business as usual, sozusagen.

(Hendrik Müller)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Breathe
  • I don't want to go to Mars

Tracklist

  1. Am I really going to die
  2. As I try not to fall apart
  3. Breathe
  4. I don't want to go to Mars
  5. Step outside
  6. Roll December
  7. Ragworm
  8. Blue drift
  9. The end
  10. There is no cure for it
Gesamtspielzeit: 47:32 min

Im Forum kommentieren

Blanket_Skies

2022-02-26 16:35:42

Hatte sie mir wegen der Singles schon vorbestellt und da ich dieses Jahr bisher nicht viel Gutes entdeckt hab, dreht das Album seitdem hier so seine Runden. Jung, ja, 33, danke! Ich hab neben der Stunde Arbeitsweg den Luxus auch auf Arbeit Musik hören zu können. Da kommt schnell was zusammen. Schlechte Alben schaff ich auch kaum öfter als du.

ExplodingHead

2022-02-26 14:59:08

Du musst noch sehr jung sein - in meinem Alter gebe ich einem Album maximal zwei Durchläufe - bis dahin muss sie schon insgesamt gut gefallen, um zur Gänze dann noch mehr Durchläufe zu bekommen.

Ansonsten pick ich mir nur die wirklich auf Anhieb guten Stücke raus und park sie in meiner "Playlist", wo sie dann abseits des Albums noch mal Hör- und Lebenszeit von mir bekommen.

Blanket_Skies

2022-02-26 13:59:43

Nach zwanzig Durchläufen (zählt mein Player netterweise) bei mir eine 7,5/10. Ich finde die 5 von Plattentests wenigstens einen Punkt zu niedrig. Mir gefällt das etwas zurückhaltende sehr viel besser als die Hymnebemühungen älterer Platten. Für meinen Geschmack haben sie ihren Bandsound in die richtige Richtung entwickelt. Gerade auch weil sie nicht immer das Standard-Indie-Schema fahren. Die Texte waren ja auch früher schon fast immer klasse.

jo

2022-02-23 22:14:00

Vielen Dank für den Tipp. Ja, ich finde bestimmt bald mal Zeit dafür - und freue mich drauf.

Blanket_Skies

2022-02-23 20:47:34

@jo: Vielleicht erwischt du ja demnächst den richtigen Augenblick dafür. Ich hab von Neu zu alt gehört, und komischerweise gefällt mir die Rituals am wenigsten. Ob das an der natürlichen Übersättigung liegt? Mir gefällt, wenn man mal von Weiterentwicklung sprechen möchte, dass sowohl der tolle Bassist mehr in den Vordergrund rückt und der Gesang auch häufiger in tieferen Tönen statt findet.

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