Big Thief - Dragon new warm mountain I believe in you

4AD / Beggars / Rough Trade
VÖ: 11.02.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Lach- und Drachgeschichten

Okay, Big Thief meinen es mit ihrem Doppelalbum ja nur gut. Und es ist ja im Grunde auch kaum anders als im Jahr 2019, als die Gruppe um Frontfrau Adrianne Lenker mit "U.F.O.F." und "Two hands" binnen fünf Monaten zwei sehr gute Platten veröffentlichte: Doch manchmal fragt sich der innere Qualitätsneurotiker schon, ob damals wie heute nicht ein Album mit den jeweils besten Songs noch geiler gewesen wäre. Müßig, dies zu diskutieren, aber es musste halt raus. Und ist ja sowieso nur das vielzitierte "Meckern auf hohem Niveau", denn freilich ist "Dragon new warm mountain I believe in you" eine feine Angelegenheit geworden. Big Thief präsentieren in diesen fast eineinhalb Stunden sämtliche Aspekte des eigenen Schaffens. Entstanden ist ein eindrucksvolles Portfolio zwischen intimem Zupf-Folk, traditionslüsterner Americana und knisterndem Indie-Rock, der zwar herbstlich klingt, uns aber auch sicher durch den Frühling bringen wird.

Einen guten Eindruck konnte man vorab schon erhalten, da Big Thief zahlreiche Songs ausgekoppelt haben. Da wäre das an den Anfang der Platte gestellte "Change": Unspektakulärer, aber stimmungsvoller kann man sich einen Einstieg nun wirklich kaum denken. Über eine Lagerfeuergitarre breitet Lenker ihre zarten Vocals aus, die jäh vom aufsteigenden Rauch des raschelnden Feuers in den samtblauen Nachthimmel getragen werden. Etwas verhaltensauffälliger geriert sich da schon das folgende "Time escaping": Was zunächst klingt wie der Trommelkurs der Volkshochschule Gardelegen – an dieser Stelle liebe Grüße –, entwickelt sich im Verlauf seiner knapp vier Minuten zu einem hypnotisch wirbelnden Psychpop-Song. Gerade im Kontrast dieser beiden Nummern zu Beginn des Albums wird klar: Es sind eher die ausgefalleneren Songs, die hier zu den Highlights gehören, während die introvertierten Folk-Kompositionen den Kitt bilden, der das ganze Gebilde zusammenhält, auch wenn nicht immer allerhöchste Spannung herrscht.

"Spud infinity" erinnert an einen ulkigen Country-Song aus der Werbung eines schwedischen Möbelherstellers und lässt wirklich eher ratlos zurück. Die Nummer wirkt im Kontext der Platte deplatziert, immer wieder stolpert man darüber. Big Thief stapfen hier ein paar Schritte zu weit ins Volkstümliche, auch wenn die Lyrics sicher cool und smart und barnett'esk sind. Dass sie auch richtig guten Americana beherrschen, beweisen sie mit Songs wie dem intimen "Dried roses" oder dem sehr klassischen Country-Track "Red moon". Der vielseitig begabte Titelsong flirtet zwar auch mit Americana, möchte und kann jedoch noch viel mehr: Kate-Bush-hafte Zerbrechlichkeit trifft auf Arrangements, die man sich auch bei Phoebe Bridgers denken könnte. Big Thief kultivieren hier, wie in einigen anderen Stücken, einen recht eigenwilligen, frischen Sound, der sich schwer greifen lässt und genretechnisch in sämtliche Richtungen verschwimmt. Ein Klangkostüm, das das ganze Album trägt, auch über die etwas länglichen Phasen, die es im Verlauf der über 80 Minuten eben auch gibt.

Dagegen stehen auf der anderen Seite einige der spannendsten Songs in der bisherigen Laufbahn der Band aus Brooklyn. Da ist das sonnige "Little things", das sich ganz ohne Mühe aus seinem dichten Melodiekokon schält, während Lenkers Stimme im Zentrum in sämtliche Richtungen gleichzeitig wächst. Ein wunderschöner, enigmatischer Trip. Auch das süße "Wake me up to drive" muss erwähnt werden: Sollten Big Thief irgendwann einmal den Auftrag erhalten einen WM-Song zu schreiben, so könnte er klingen. Eine putzige, kleine Melodie wird hier mit der nötigen Akribie und einer unnachahmlichen Leichtigkeit in einen schlüssigen Ohrwurm umgeformt. Der beste Song der Platte jedoch kommt erst kurz vor Schluss: "Simulation swarm" flirrt unruhig umher, ein wahres Meisterwerk, das sich langsam in einen Wahn hineinsteigert, während die Gitarren wilde Pirouetten drehen. Es sind dies die ausgelassensten Augenblicke auf einem proppevollen Album, dem etwas mehr Kohärenz sicherlich gutgetan hätte. Betrachtet man "Dragon new warm mountain I believe in you" als Ausgangspunkt, so kann es von hier aber wirklich in sämtliche Richtungen gehen. Big Thief bleiben unberechenbar.

(Kevin Holtmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Time escaping
  • Dragon new warm mountain I believe in you
  • Little things
  • Wake me up to drive
  • Simulation swarm

Tracklist

  1. Change
  2. Time escaping
  3. Spud infinity
  4. Certainty
  5. Dragon new warm mountain I believe in you
  6. Sparrow
  7. Little things
  8. Heavy bend
  9. Flower of blood
  10. Blurred view
  11. Red moon
  12. Dried roses
  13. No reason
  14. Wake me up to drive
  15. Promise is a pendulum
  16. 12,000 lines
  17. Simulation swarm
  18. Love love love
  19. The only place
  20. Blue lightning
Gesamtspielzeit: 81:13 min

Im Forum kommentieren

Z4

2022-06-24 09:12:07

Achja, die beiden Statements gibt's auf deren instagram-Seite.

Z4

2022-06-24 09:11:34

Ist eine ziemlich wirre Entschuldigung, dass sie die Konzerte überhaupt angesetzt haben, und dass sie sich in dem Konflikt auf keine Seite stellen wollen. Es wird jedenfalls deutlich, dass sie den BDS als gleichberechtigte und ernstzunehmende Stimme unter vielen wahrnehmen. Ein gutes Beispiel für den naiven Umgang von einem Teil des Kulturbetriebs mit diesem Judenhass-Verein.

Das Konzert gestern war trotzdem super, deutlich "lauter" und rockiger als auf Platte, schade, dass die Sachen so "leise" produziert werden, live fand ich die Musik für mich viel zugänglicher.

Enrico Palazzo

2022-06-24 08:16:19

Was ist denn das Statement zur Absage?

saihttam

2022-06-24 00:34:47

Dass sie jetzt doch ihre Konzerte in Israel abgesagt haben und das dazugehörige Statement hat mich auch enttäuscht.

Das Album dafür so gar nicht. Eher hat es mich überrascht, wie flüssig das doch trotz aller Diversität in den Stilen durchläuft. Mehr noch als das. Der Wechsel zwischen den verschiedenen Ideen erzeugt für mich eine enorme Spannung, die die 80 Minuten in Windeseile vergehen lassen. Auch die Produktion ist so vielfältig. Eigentlich sollte das als Album gar nicht funktionieren, aber genau das tut es für mich und das macht auch die Faszination aus. Natürlich gibt es auch viele tolle Einzelsongs, aber alles zusammen bildet einen Kosmos ganz für sich, den man in so vielen Facetten erkunden kann. Mir gefallen auch die Countrysongs sehr gut. Finde die haben eine tolle Energie, die für einen Big-Thief-Song neu ist und dennoch zu ihnen passt.
Wie gesagt, eine tolle Leistung das alles in einem so langen Album zu vereinen, ohne das es überladen oder unstimmig wirkt. Wird bei mir sicherlich auch weit vorne landen am Ende des Jahres. Allerdings gibt es bisher sehr viel starke Konkurrenz. Was ein schönes Musikjahr!

jo

2022-06-10 21:17:16

Aber nun: Dragon new warm mountain I believe in you ist und bleibt das beste Album des Jahres (Jahrzehnts?). Gleich mal auflegen.

Da kann ich ja mal froh sein, dass sie bei mir nicht gezündet hat :).

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