Big Thief - Dragon new warm mountain I believe in you
4AD / Beggars / Rough TradeVÖ: 11.02.2022
Lach- und Drachgeschichten
Okay, Big Thief meinen es mit ihrem Doppelalbum ja nur gut. Und es ist ja im Grunde auch kaum anders als im Jahr 2019, als die Gruppe um Frontfrau Adrianne Lenker mit "U.F.O.F." und "Two hands" binnen fünf Monaten zwei sehr gute Platten veröffentlichte: Doch manchmal fragt sich der innere Qualitätsneurotiker schon, ob damals wie heute nicht ein Album mit den jeweils besten Songs noch geiler gewesen wäre. Müßig, dies zu diskutieren, aber es musste halt raus. Und ist ja sowieso nur das vielzitierte "Meckern auf hohem Niveau", denn freilich ist "Dragon new warm mountain I believe in you" eine feine Angelegenheit geworden. Big Thief präsentieren in diesen fast eineinhalb Stunden sämtliche Aspekte des eigenen Schaffens. Entstanden ist ein eindrucksvolles Portfolio zwischen intimem Zupf-Folk, traditionslüsterner Americana und knisterndem Indie-Rock, der zwar herbstlich klingt, uns aber auch sicher durch den Frühling bringen wird.
Einen guten Eindruck konnte man vorab schon erhalten, da Big Thief zahlreiche Songs ausgekoppelt haben. Da wäre das an den Anfang der Platte gestellte "Change": Unspektakulärer, aber stimmungsvoller kann man sich einen Einstieg nun wirklich kaum denken. Über eine Lagerfeuergitarre breitet Lenker ihre zarten Vocals aus, die jäh vom aufsteigenden Rauch des raschelnden Feuers in den samtblauen Nachthimmel getragen werden. Etwas verhaltensauffälliger geriert sich da schon das folgende "Time escaping": Was zunächst klingt wie der Trommelkurs der Volkshochschule Gardelegen – an dieser Stelle liebe Grüße –, entwickelt sich im Verlauf seiner knapp vier Minuten zu einem hypnotisch wirbelnden Psychpop-Song. Gerade im Kontrast dieser beiden Nummern zu Beginn des Albums wird klar: Es sind eher die ausgefalleneren Songs, die hier zu den Highlights gehören, während die introvertierten Folk-Kompositionen den Kitt bilden, der das ganze Gebilde zusammenhält, auch wenn nicht immer allerhöchste Spannung herrscht.
"Spud infinity" erinnert an einen ulkigen Country-Song aus der Werbung eines schwedischen Möbelherstellers und lässt wirklich eher ratlos zurück. Die Nummer wirkt im Kontext der Platte deplatziert, immer wieder stolpert man darüber. Big Thief stapfen hier ein paar Schritte zu weit ins Volkstümliche, auch wenn die Lyrics sicher cool und smart und barnett'esk sind. Dass sie auch richtig guten Americana beherrschen, beweisen sie mit Songs wie dem intimen "Dried roses" oder dem sehr klassischen Country-Track "Red moon". Der vielseitig begabte Titelsong flirtet zwar auch mit Americana, möchte und kann jedoch noch viel mehr: Kate-Bush-hafte Zerbrechlichkeit trifft auf Arrangements, die man sich auch bei Phoebe Bridgers denken könnte. Big Thief kultivieren hier, wie in einigen anderen Stücken, einen recht eigenwilligen, frischen Sound, der sich schwer greifen lässt und genretechnisch in sämtliche Richtungen verschwimmt. Ein Klangkostüm, das das ganze Album trägt, auch über die etwas länglichen Phasen, die es im Verlauf der über 80 Minuten eben auch gibt.
Dagegen stehen auf der anderen Seite einige der spannendsten Songs in der bisherigen Laufbahn der Band aus Brooklyn. Da ist das sonnige "Little things", das sich ganz ohne Mühe aus seinem dichten Melodiekokon schält, während Lenkers Stimme im Zentrum in sämtliche Richtungen gleichzeitig wächst. Ein wunderschöner, enigmatischer Trip. Auch das süße "Wake me up to drive" muss erwähnt werden: Sollten Big Thief irgendwann einmal den Auftrag erhalten einen WM-Song zu schreiben, so könnte er klingen. Eine putzige, kleine Melodie wird hier mit der nötigen Akribie und einer unnachahmlichen Leichtigkeit in einen schlüssigen Ohrwurm umgeformt. Der beste Song der Platte jedoch kommt erst kurz vor Schluss: "Simulation swarm" flirrt unruhig umher, ein wahres Meisterwerk, das sich langsam in einen Wahn hineinsteigert, während die Gitarren wilde Pirouetten drehen. Es sind dies die ausgelassensten Augenblicke auf einem proppevollen Album, dem etwas mehr Kohärenz sicherlich gutgetan hätte. Betrachtet man "Dragon new warm mountain I believe in you" als Ausgangspunkt, so kann es von hier aber wirklich in sämtliche Richtungen gehen. Big Thief bleiben unberechenbar.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Time escaping
- Dragon new warm mountain I believe in you
- Little things
- Wake me up to drive
- Simulation swarm
Tracklist
- Change
- Time escaping
- Spud infinity
- Certainty
- Dragon new warm mountain I believe in you
- Sparrow
- Little things
- Heavy bend
- Flower of blood
- Blurred view
- Red moon
- Dried roses
- No reason
- Wake me up to drive
- Promise is a pendulum
- 12,000 lines
- Simulation swarm
- Love love love
- The only place
- Blue lightning
Im Forum kommentieren
jo
2026-02-13 10:50:04
Und die ist ja auch sehr bunt und abwechslungsreich.
Aber schon auch komplett konsistent in der Thematik... Chaotisch oder zufällig finde ich da nichts.
VelvetCell
2026-02-13 07:58:34
Habe es hier im Thread ja schön öfter gesagt: Für mich auch die Höchstwertung. Die Songwriting-Qualität ist einfach überragend! Ich mag zudem ihre bildreichen Texte und auch ihren Gesang sowie die ich sah mal "freie" Instrumentierung, die so leicht und spontan wirkt.
Unangemeldeter
2026-02-12 23:12:04
Ach, das war nur an Arne gerichtet, der hier vor kurzem meine ich die Electro-Shock Blues auch mit ner 10/10 geadelt hat. Und die ist ja auch sehr bunt und abwechslungsreich.
jo
2026-02-12 18:05:55
Interessant, da bin ich meilenweit von entfernt. Aber wenn ich mich so hinterfrage, erwarte ich für eine 10/10 irgendwie immer eine besondere Geschlossenheit/Homogenität, auch kann ich bei der Wertung keinerlei Skip-Songs/Filler tolerieren.
Das geht mir hier genauso.
Das sind natürlich aber subjektive Kriterien, du scheinst es ja (siehe zB Eels) auch gerne zu mögen wenn es auf den Platten unrunder und chaotischer zugeht.
Nur: Eels finde ich aber sehr oft sehr rund.
Arne L.
2026-02-12 17:50:55
Hab auch gedacht, dass es ein Qualitätsmerkmal ist, wenn viele Leute an unterschiedlichen Dingen was finden.
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