Zeal & Ardor - Zeal & Ardor
MVKA / Rough TradeVÖ: 11.02.2022
Dämonische Irritation
Nein, Zeal & Ardor waren noch nie eine Gimmick-Band. Wer schwarze Spirituals und Black Metal miteinander kollidieren lässt, muss sich der Tragweite dieses gerade auch gesellschaftlich disparaten Genre-Mischmaschs bewusst sein – und dass Manuel Gagneux politisch unterwegs ist, weiß man bereits nach einem Blick auf so vielsagende Album- respektive EP-Titel wie "Stranger fruit" und "Wake of a nation". Doch der Schweizer mit afroamerikanischen Wurzeln lässt sich ungern in die Karten schauen. Für seine dritte Platte wollte er bewusst abstrakter texten, eher eine Vielfalt an Bedeutungen zulassen, als klare Botschaften zu diktieren. Zugegebenermaßen klappt das bei der ersten Single "Run", die trotz Bezugsoffenheit recht eindeutige Assoziationen vermittelt, nur bedingt: "Run while you still can / Stay a living man / Fly at any cost / For the lives you lost." Obwohl sich Zeal & Ardor gemäß der Selbstbetitelung des Albums stärker mit sich als der Außenwelt beschäftigen, fällt es schwer, sie komplett von letzterer zu lösen.
Dennoch lohnt es sich, hier in erster Linie die Musik zu fokussieren, weil Gagneux seinem penibel eingezäunten Sound ein paar neue Facetten abringt. Auf besagten, unaufhaltsam galoppierenden Wutbrocken folgt "Death of the holy", das in bekannter Manier Soul-Gesang, Handclaps und ominöse Piano-Töne mit dämonischen Schreien und Riff-Walzen kombiniert. Doch wenn "Emersion" wie das Intro zu einem Handywerbungs-tauglichen Elektropop-Song beginnt, fragt man sich kurz, ob noch die richtige Platte im Player rotiert – da schafft auch das kurz darauf hineinbrechende, an Deafheaven erinnernde Shoegaze-Geknüppel keine Abhilfe, das am Ende sowieso in ähnlich ansatzlosen Klavier-Kontemplationen verglüht. "Golden liar" will vom Metal dann gar nichts mehr wissen, singt lieber einen atmosphärischen Sumpf-Blues über vernebelten Saiten und hegt selbst im wuchtigen Finale keinerlei zerstörerische Absichten.
Dieses abwechslungsreiche erste Albumdrittel kulminiert im genialen "Erase": Gagneux säuselt eine Finte, nur um zu einem progressiven Malm-Ritt anzusetzen, der mit Tempo- und Stimmungswechseln diverse Haken schlägt. Leider hält "Zeal & Ardor" als Ganzes eine solche Dynamik in seiner zweiten Hälfte nicht aufrecht, weswegen es seinem meisterhaften Vorgänger ein wenig nachsteht. Während "Stranger fruit" einer konkreten Dramaturgie folgte, in deren Verlauf es immer tiefer in die Hölle abstieg, spachtelt das Basler Bandprojekt seine Versatzstücke hier etwas routinierter und, so scheint es zumindest, willkürlicher zusammen. Was freilich immer noch auf sehr hohem Niveau geschieht, zumal die Aggro-Regler inzwischen auf Anschlag stehen und gerade ein Backpfeifen-Mörser wie das martialische "I caught you" einen ungemein teuflischen Spaß bereitet.
Im Schlussspurt der Platte demonstrieren Gagneux und Co. allerdings wieder, wie sie über den für sie charakteristischen Dualismus der Gegensätze hinausweisen, sich nicht auf das Erwartbare festnageln lassen wollen. "Hold your head low" zelebriert ein in seiner Intensität eigentlich perfektes Finish, doch folgen darauf noch die rätselhaft betitelten und ebenso tönenden "J-M-B" und "A-H-I-L". In ersterem erzeugen stellenweise in den Surf-Rock schielende Gitarren samt hoppelnden Tasten einen luftigen Post-Punk-Vibe in den Strophen, der an plötzlichen Screamo-Ausbrüchen zerschellt – letzteres Stück zeigt mit verzerrten Klangflächen, dass in Gagneux' künstlerischer Brust mehr als nur zwei Herzen schlagen. Da muss sich selbst Baphomet, dessen Hände das Coverbild zieren und der zuvor schon als eine Art Schutzpatron der Band aufgetreten ist, am Ziegenkopf kratzen: Zeal & Ardor passen nicht einmal mehr in die Schubladen, die sie selbst aufgesprengt haben.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Golden liar
- Erase
- I caught you
- Hold your head low
Tracklist
- Zeal & Ardor
- Run
- Death to the holy
- Emersion
- Golden liar
- Erase
- Bow
- Feed the machine
- I caught you
- Church burns
- Götterdämmerung
- Hold your head low
- J-M-B-
- A-H-I-L
Im Forum kommentieren
myx
2025-08-03 11:02:05
Ich war damals bei der ersten Begegnung mit dieser neuen Idee auch ziemlich aus dem Häuschen, der "Wer hat's erfunden?"-Effekt tat noch das seinige dazu. "Stranger fruit" für mich dann keine erste Abnutzung, sondern Zeal & Ardor in Perfektion. Erst dann hat bei mir das Interesse ebenfalls nachgelassen. "Greif" zwar der erkennbare Versuch, die Bandbreite zu vergrössern, aber habe ich ehrlich gesagt auch kaum mehr gehört. Guckt man die Bewertungen auf RYM an, kommt das jüngste Album nicht wirklich gut an. Man darf gespannt sein, wie es mit der Band weitergeht.
Gomes21
2025-08-03 10:59:45
Dito
NeoMath
2025-08-03 10:23:03
Ich kann verstehen, dass man diese Band mag, da sie immer noch ihre einst frische Idee verfolgen; auch, wenn diese schon sehr angepasst wurde über die Jahre.
Z & A ist für mich so ein Ding, das ich bei der ersten Berührung ("Devil Is Fine") total spannend fand und auch gut. Schon mit dem Folgealbum hat es sich für mich aber schon sehr abgenutzt angefühlt. Auch der leicht verschobene stilistische Schwerpunkt hat mir nicht mehr gefallen. Zu viele Standard-Metal-Riffs. Es wurde für mich einfach.... uninteressant.
The MACHINA of God
2025-08-02 23:26:54
Finde ich ja ihre beste, weil noch etwas druckvoller und besser produziert als der Vorgänger. Die aktuelle "GREIF" bekommt mich bis auf 3 Songs leider nicht...
myx
2023-03-02 08:54:29
@Deaf: Danke für die Info!
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