Rolo Tomassi - Where myth becomes memory

MNRK Heavy / SPV
VÖ: 04.02.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Gegensätze sind anziehend

Konzertfreundschaften sind etwas Großartiges. Man trifft ständig Menschen wieder, die irgendwann, irgendwo einmal im musikalisch hochwertigen Kontext eingesammelt wurden und sich in der Folge immer wieder als stilsicherere Tippgeber erweisen. "Bin nächste Woche in der Stadt, Band xy spielt für einen Zwanni, hast Du Zeit?" Ein solches musikalisches Blind Date führte eines Tages während der Tour zu "Time will die and love will bury it" zu Rolo Tomassi. Support war etwas Verpasstes und irgendein Death-Metal-Gelöt, ehe sich der Headliner des Abends auf die Bühne begab und die ersten Takte von "Towards dawn" erklangen. Plötzlich stellte sich die Frage, ob man hier im falschen Film ist. Das Publikum war den Support-Acts angemessen schwarzgekleidet, langhaarig, viele trugen Bärte. Auf der Bühne: zunächst der Ambient-Elektro des Intros, dann zunächst poppig-seichte, später leicht post-rockige Sound von "Aftermath" mit weit leuchtendem Klargesang. Sekunden später ist bei "Rituals" alles klar: Wir sind hier doch richtig. Aber was zur Hölle ist das für ein Mix?

Rolo Tomassi besetzen eine Lücke, von der man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Sechs Alben lang geht das nun schon so, und "Where myth becomes memory" macht dort weiter, wo "Time will die and love will bury it" aufhörte, beziehungsweise fängt genauso an wie dieses. "Almost always" ist in diesem Fall der Opener mit Aufbaucharakter: leichter Shoegaze-Sound, dazu der helle Gesang von Eva Korman, dazwischen wunderschöne Klavierakkorde. "Cloaked" bringt die andere Seite der Briten ins Spiel: Dem Pop-Appeal steht wildes "I want destruction"-Gefauche gegenüber. Teils binnen Sekunden wechseln Licht und Schatten, singt eine Stimme engelsgleich zarte Strophen ins Ohr, während auf der anderen Schulter der Teufel brüllt.

Dieses Wechselspiel haben Rolo Tomassi perfektioniert. Die Grenze zwischen der harmonischen und der harten Seite der Band verschwimmt nicht nur, sondern ist praktisch aufgehoben, sodass mitunter beides gleichzeitig stattfindet. Mal singt Korman klar über einem vielspurigen Chaos an Instrumentenkrach, mal keift sie bis in die Brüche hinein, die Hard- und Mathcore in ruhigere Parts übergehen lassen. Wie weit sich Rolo Tomassi dabei in Pop-Gefilde wagen, zeigt "Closer", dessen Klaviermotiv zu den frühen Coldplay passen könnte – nur um wenig später zu eindrucksvoll zu demonstrieren, zu welchen härteren Großtaten sie ebenfalls imstande sind.

Direkt danach folgt nämlich "Drip", das in keinem krasseren Gegensatz zum vorherigen Track stehen könnte. Nicht nur das Highlight dieses Albums, sondern womöglich das der bisherigen Bandgeschichte. Eineinhalb Minuten immer mehr beschleunigendes Schlagzeuggekloppe zu Beginn, das samt fiesestem gutturalem Gekeife in ein völlig irres Inferno mündet. Ein mehrstimmiger Post-Rock-Zwischenpart, ehe die Post ein zweites Mal abgeht. Eine völlig wahnsinnige Achterbahnfahrt – und der atemlose Übergang zu "Prescience", das ohne Vorwarnung mit voller Geschwindigkeit weiterballert und erst sehr spät auf die Bremse tritt. Ganz ohne Gewalt kommt "Stumbling" aus, das ausschließlich mit Klaviermelodie, Hall und sanften Vocals einen tatsächlichen Ruhepunkt vor dem gewohnt krawalligen Finale mit "To resist forgetting" und "The end of eternity" setzt. Alles wie immer also im Hause Rolo Tomassi – was in diesem Fall jedoch keine Kritik, sondern pure Anerkennung ist.

(Klaus Porst)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Cloaked
  • Drip
  • Prescience

Tracklist

  1. Almost always
  2. Cloaked
  3. Mutual ruin
  4. Labyrinthine
  5. Closer
  6. Drip
  7. Prescience
  8. Stumbling
  9. To resist forgetting
  10. The end of eternity
Gesamtspielzeit: 48:20 min

Im Forum kommentieren

Marküs

2022-03-09 09:14:19

Abermals geniale Platte und sicher ein Topten Anwärter für 2022, im direkten Vergleich zum Vorgänger vielleicht etwas weniger spektakulär

MartinS

2022-03-02 21:26:59

Was Autotomate sagt!
Für mich auch ihr bislang bestes Album, gefolgt von "Grievances".
Highlights wechseln ständig, auf lange Sicht könnte es aber "Mutual ruin" werden. Wow!

The MACHINA of God

2022-02-12 16:29:04

Oh ja, mich hat das Album auch.

octoberswimmer

2022-02-11 17:41:06

Fantastisches Ding. In den ruhigen Momenten fühle ich auch starke Anathema-Vibes...

Arne L.

2022-02-10 17:37:05

Sonst eher nicht mein Genre und hauptsächlich wegen der guten Bewertung angehört. Und dann die Erkenntnis, dass das richtig gut ist! Direkt mal in die Best-of-2022-Playlist gefeuert. Danke dafür! 8/10

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum