Brimheim - Can't hate myself into a different shape

W.A.S. Entertainment
VÖ: 28.01.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Einfallsinsel

Als geneigter Sport-Fan nimmt man die Färöer hin und wieder wahr, wenn ihre Fußball-Nationalmannschaft alle paar Jahre eine ordentliche Klatsche von einer der großen Ballsportnationen bekommt. Im krassen Kontrast zu diesen hypermaskulinen Duellen, in denen sich 22 Männer wie in einem modernen Gladiatorenkampf begegnen, steht mit Teitur das wohl bekannteste Kind der Inseln. Der lässt mit seiner sanften Stimme eher pazifistische Engel über den Vulkanstein hüpfen. Und dann ist da Helena Heinesen Rebensdorff a.k.a. Brimheim, die zwar eine ebenso zauberhafte Stimme hat, aber für ein Video zu ihrem Debütalbum "Can't hate myself into a different shape" in eine Ritterrüstung schlüpft und gewalttätig ihre martialischen Herr-der-Ringe-Fantasien auslebt. Jene Dame ist aktuell die beste Neuigkeit, die man von der Inselgruppe hört.

Denn die verschleierten Indie-Stücke der dänisch-färöischen Sängerin sind von der ersten Sekunde an beeindruckend. Zur Eröffnung offenbart uns die Protagonistin "Heaven help me I've gone crazy" – nicht, dass sie uns am Ende nicht gewarnt hätte. Dabei sind die elf Stücke inhaltlich alles andere eine kryptische Schriftrolle, die erst übersetzt werden muss. Ganz im Gegenteil sind Rebensdorffs Texte nahbar und direkt, man kann sich in sie reinversetzen. Verrückt ist sie sich wahrscheinlich selbst vorgekommen, denn der beeindruckende Spagat aus schmerzhaftem Reflektieren und kraftvoller Ermächtigung ist eine Tour de Force. "Can't hate myself into a different shape" schildert die Auseinandersetzung mit der eigenen Queerness, der Liebe in einer Gesellschaft, die sie nicht immer ermöglicht und der mentalen Gesundheit, die an all den Widerständen zerbrechen kann. Diesem Album hört man die Resilienz an, die nötig war, damit es entstehen konnte.

"I've never tried harder not to be myself" beschreibt sie das ungesunde Versteckspiel ihrer selbst schon im herausragenden Titelsong. In "Baleen feeder" verzweifelt sie: "I wish I didn't care what you think of me". Und während andere nicht zu sehen scheinen, wie hart sie an sich arbeitet, schafft sie es sich immer noch selbst zu versichern: "I am not a burden." Der Kampf ist allgegenwärtig – auch in der Musik. Denn die Klagerufe geben sich im ersten Moment gerne zart, bauen sich behutsam auf, um dann mit einem Hieb der Zurückhaltung den Kopf abzuschlagen. Gitarren treffen auf Synthieflächen, Drums kommen mit fast schon frechem Pomp, der Bass weiß gar nicht, wo er sich zuerst anschmiegen soll. "Can't hate myself into a different shape" ist voller toller Ideen, was nicht verwunderlich ist, liest man doch aus den Interviews mit Helena Heinesen Rebensdorff ein ordentliches Nerdtum in Bezug auf Produktion raus.

Der Indie-Rock von Brimheim, was übrigens ungefähr so viel heißt wie "Heimat der brechenden Wellen", weckt mit seiner Dringlichkeit und Energie Assoziationen zu Kolleginnen wie Torres, zu Hurray For The Riff Raff, zu Sharon van Etten – und somit zu Musik, mit der etwas gesagt wird. Kraft und Zerbrechlichkeit sind auf diesem Album nicht zwangsläufig ein Widerspruch. "Hurting me for fun" will es zum Abschluss noch mal richtig wissen, stampft mit verzerrten Drums von dannen. Aber sicher nur, um sich nach dieser Herkulesaufgabe von einem Album eine wohlverdiente Auszeit in Brimheims Wohnort Kopenhagen zu gönnen. In der Zwischenzeit könnte sie dann auch einfach der neue Exportschlager der Färoer werden – verdient wäre es allemal.

(Arne Lehrke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Can't hate myself into a different shape
  • Baleen feeder
  • This weeks laundry

Tracklist

  1. Heaven help me I've gone crazy
  2. Can't hate myself into a different shape
  3. Baleen feeder
  4. Favorite day of the week
  5. Lonely is beauty
  6. Poison fizzing on a tongue
  7. Hey Amanda
  8. Straight into traffic
  9. This weeks laundry
  10. Like a wedding
  11. Hurting me for fun
Gesamtspielzeit: 37:08 min

Im Forum kommentieren

Cristina

2022-04-22 09:48:42

Wow, was für ein Album! Ich lieb es!

Yndi

2022-01-28 11:52:29

Gefällt mir auf Anhieb sehr gut.

Cayit

2022-01-28 08:34:21

Schöner Indie Rock...

Sneaky Johnson

2022-01-27 18:27:17

Klingt nicht schlecht. Schöner Tipp.

Armin

2022-01-26 20:52:54- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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