Pinegrove - 11:11

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 28.01.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Alaaf?!

Die bisherige Karriere der "schon irgendwie Emo"-Band Pinegrove war ein einziges Auf und Ab: Nach einem erfolgsversprechendem Auftakt mit hochgelobten und gehypten Platten folgte eine dunkle Phase infolge von Anschuldigungen gegen Frontmann Evan Stephens Hall wegen sexueller Nötigung. Der gab sein Fehlverhalten zu, begab sich in Therapie und arbeitete mit einem Mediator das Geschehene auf. All das liegt mittlerweile fünf Jahre zurück, doch es würde sich komisch anfühlen, diese Geschichte außen vor zu lassen. Sie gehört zu Pinegrove und zeigt, dass es auch einen anderen Weg gibt, als alles abzustreiten und wie gehabt weiterzumachen. "11:11" ist das zweite Album nach der einjährigen Bandpause und zeigt eine Gruppe, die an sich selbst gereift ist. Natürlich spielt die Formation aus New Jersey weiterhin einen Americana- und Folk-getränkten Emo-Rock, der im Jahr 2022 reichlich aus der Zeit gefallen wirkt. Und der vielleicht genau deswegen so rührselig stimmt, denn dieser Sound ist für viele mit der eigenen Jugend verbunden.

Die Thematik von "11:11" passt dafür umso mehr in unsere jetzige Zeit. Laut Eigenaussage behandeln Pinegrove mit dieser Platte komplizierte Probleme wie Klimawandel und Corona-Pandemie – und das sind nun wirklich nicht die Sujets, die man von einer Emo-Band erwartet. Musikalisch geht der Opener "Habitat" mit seinen sieben Minuten Spielzeit direkt in die Vollen: Der Song startet mit kraftvollen Gitarren, entwickelt sich dann jedoch zur atmosphärischen Suite. Auf ein letztes Aufbäumen wartet man indes vergebens. Im Anschluss hauen uns Hall und Co. mit "Alaska" einen veritablen Hit um die Ohren, den man in der selbstgebauten Playlist schon mal heimlich zwischen The Weakerthans' "Aside" und Death Cab For Cuties "The sound of settling" einschieben kann. Ein größeres Lob ist ohnehin kaum vorstellbar. Die folgenden Nummern "Iodine" und "Orange" gefallen sich in der Rolle der druckvollen Halbballaden, die sich gedankenverloren gen Sonnenuntergang träumen.

Besonders innovativ, neu und markerschütternd an "11:11" ist: nichts. Es ist kein buntes, knalliges Album, das mit Konventionen bricht und neue Wege beschreitet. Sondern ein kleines Genre-Extrakt für überzeugte Karohemd- und Vans-Träger, die ihre Melancholie gerne sanft und sorgfältig aufgetischt bekommen. Nach dem starken, abwechslungsreichen Auftakt flacht die Platte im späteren Verlauf minimal ab: Meist verharren die stillen, für sich genommen schönen Songs im Midtempo-Bereich, Lagerfeueratmosphäre inklusive. "Swimming" reduziert sich so zum Beispiel auf das Allernötigste, Intimität ist hier Trumpf. Ob diese relativ gemütliche Betulichkeit der Dringlichkeit von Klimawandel und Co. gerecht wird, sei dahingestellt, aber: "11:11" wird auch ohne thematischen Überbau ein Juwel für all jene sein, die mal wieder so richtig ins Schluchzen geraten wollten. Und davon dürfte es ja in Zeiten wie diesen einige geben.

(Kevin Holtmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Habitat
  • Alaska
  • Iodine

Tracklist

  1. Habitat
  2. Alaska
  3. Iodine
  4. Orange
  5. Flora
  6. Respirate
  7. Let
  8. So what
  9. Swimming
  10. Cyclone
  11. 11th hour
Gesamtspielzeit: 39:10 min

Im Forum kommentieren

jo

2022-02-06 21:32:04

Einigen wir uns vielleicht einfach darauf, dass wir es im Wesentlichen beide nicht wissen können und unterschiedliche Schlüsse aus dem Vorgehen gezogen haben, oder?

Klar. Habe ja nie was anderes behauptet.


@Kai:

Geht's noch? Das ist auch gegenüber den Opfer absolut daneben.

Wo schreibe ich denn das? Ich will es gar nicht wissen. Ich finde nur, dass es mich bei Fällen von "sexual coercion" eben wundert, dass nach nicht mal einem Jahr Pause das Leben bei dem Täter (fast) so weitergehen kann wie vorher.

Kai

2022-02-06 21:21:31

Und warum glaubst du, das recht zu haben zu erfahren um welche Tat es geht oder was die Therapie beinhaltet?
Geht's noch? Das ist auch gegenüber den Opfer absolut daneben.

MartinS

2022-02-06 21:19:41

Dass wir die "Tat an sich" nicht kennen, ist ja beabsichtigt und gewünscht gewesen, Hall hat ja in seinem Statement auch bewusst die Worte seines Opfers wiedergegeben. Du schreibst ja selber von "Wenn [...]" - Einigen wir uns vielleicht einfach darauf, dass wir es im Wesentlichen beide nicht wissen können und unterschiedliche Schlüsse aus dem Vorgehen gezogen haben, oder?
Und wie auch oben schon geschrieben: Die Behauptung, man müsse die Geschichte nicht wieder aufwärmen war unüberlegt und zu kurz gedacht.

jo

2022-02-06 20:56:32

Nicht falsch verstehen, ich habe volles Verständnis, wenn die Band für dich weiterhin nicht hörbar ist, aber die Aussage "Ich verstehe nicht, warum es mit Therapie [...] getan sein soll." finde ich schon ein Bisschen schwierig. Zumal ja das - sorry, ich habe gerade kein besseres Wort zur Hand - Opfer involviert war und das Vorgehen sowie den "Neustart" für in Ordnung befunden hat.

Na, ganz einfach: Man weiß nicht genau, inwiefern das Opfer nicht eventuell auch höhere Forderungen hatte, die aber nicht gehört wurden. Letztlich war es ja nicht mal ein Jahr, bis "Skylight" dann doch erschien. Das kommt mir schon wenig vor.

Vorwürfe zugegeben, ernst genommen und gemeinsam mit der betroffenen Person aufgearbeitet/Versucht, akzeptable Konsequenzen zu ziehen. Mit was ist es denn dann getan? Oder ist es schlichtweg nie getan?

Das kommt natürlich auf die Tat an sich auch an. Da nicht wirklich bekannt ist, was diese war, finde ich es auch wirklich schwierig, das einzuschätzen. Wenn es bei dem Opfer seelische Schäden hinterlassen hat, die nicht so einfach aufzuarbeiten sind, finde ich "ein Jahr und ,ein bisschen' Therapie" (Was beinhaltete diese? Für welche Tat generell?) schon wenig - oder zumindest sehr vage.

Mir reicht das so jedenfalls nicht.

Martinus

2022-02-06 17:49:50

Was war da eigentlich früher mit dem Sänger?

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