Madrugada - Chimes at midnight

Warner
VÖ: 28.01.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Energiesparflamme

Im Grunde war die Geschichte von Madrugada schon auserzählt: Die norwegische Band, verantwortlich für diverse Meilensteine des melancholischen Rocks, fand nach dem tragischen Tod von Robert Burås vor mehr als 14 Jahren ein abruptes Ende. Die verbliebenen Mitglieder, allen voran Sänger Sivert Høyem, gingen anderen Projekten nach, und gerade jener Frontmann mit der markanten Stimme schloss mit seinem Solo-Output mehr als nur solide die entstandene Lücke. Ein Live-Comeback zum Zwanzigjährigen des Debüts "Industrial silence" brachte die verbliebenen Musiker wieder zusammen, wurde zur Freude vieler dauerhaft und gipfelt nun tatsächlich in einem neuen Album: "Chimes at midnight".

Wenige Takte, nachdem die ersten pathetischen Streicher des Intros verklungen sind, ist direkt alles wieder gewohnt. Høyems charakteristisch tiefe Stimme benötigt nur Sekunden, um diese warme, wohlige Grundstimmung zu aktivieren, die Madrugada auszeichnete. Die namensgebende blaue Stunde ist eingeläutet, dazu Kerzenlicht, Rotwein, halb Melancholie, halb Alles-wird-gut-Gefühl. "Nobody loves you like I do" schmettert er in die Nacht, eine einsame Gitarre und sanft gestrichenes Schlagzeug geben die Begleitung, ehe das Ende die große Geste auffährt. Während es in kraftvollen Lettern des nächsten "Running from the love of your life" fast etwas schunkelnd zur Sache geht, ist "Help yourself to me" direkt die nächste hochkarätige Ballade. Mit einer Hand für großartige Melodien, aber auch einem Hang zum pathetischen Kitsch: Schon in der Vergangenheit überspannten Madrugada den Bogen des Schmachtens in seltenen Fällen, nun stellt sich mit "Stabat mater" ein solches Stück in den Weg, dessen Choräle im Refrain schon sehr in Richtung Schlager abbiegen.

Gediegen schreitet es weiter voran: Ob "Slowly turn the wheel" als Kopie von "Running from the love of your life" oder “Imagination”, welches zwei Minuten Aufbau bekommt und dann doch versandet – so langsam wäre es Zeit für die Breite, welche Madrugada einmal auszeichnete. Midtempo-Liebeslieder schön und gut, aber ein komplettes Dutzend davon in einem Takt durchziehen? Und tatsächlich, das komplette "Chimes at midnight" verzichtet auf jene Ausbrüche, mit denen Madrugada bewiesen, dass sie eben auch die großen Rockhymnen im Repertoire haben. Kein "Majesty", kein "The kids are on High Street", kein "Blood shot adult commitment", kein "Stories from the streets". Stattdessen ausschließlich stories from the Kaminfeuer. Unablässig streichelt der Jazzbesen die Schlagzeugfelle, immerzu passen die Gitarren auf, bloß nicht die Klaviermelodien zu brechen.

Was einzeln wie in "Dreams at midnight" oder "The world could be falling down" wunderbar funktioniert, ist auf eine Stunde gestreckt leider etwas öde, und wenn dann noch der furchtbare Country von "Empire blues" dazwischenmogelt, ist die Luft an einem Punkt vollends raus. Es liegt nahe, das Ausbleiben dieser großen Momente, dieser Abwechslung auf das Fehlen von Burås zu schieben, der als Gitarrist und Songschreiber das eine oder andere großartige Riff beigesteuert hat. Ein kurzer Blick jedoch in die vergangenen 14 Jahre zeigt: Selbst auf den Soloalben von Sivert Høyem finden sich genau jene Ausbrüche wie das überwältigende "Shadows / High meseta", und auch die Live-Auftritte der vergangenen drei Jahre bewiesen, dass das Feuer nicht nur lodern, sondern brennen kann. Dafür allerdings, dass "Chimes at midnight" gar nicht mehr möglich schien, ist es gut genug, um zu sagen: Schön, dass sie wieder da sind.

(Klaus Porst)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Nobody loves you like I do
  • Help yourself to me
  • The world could be falling down

Tracklist

  1. Intro
  2. Nobody loves you like I do
  3. Running from the love of your life
  4. Help yourself to me
  5. Stabat mater
  6. Slowly turns the wheel
  7. Imagination
  8. Dreams at midnight
  9. Call my name
  10. Empre blues
  11. You promised to wait for me
  12. The world could be falling down
  13. Ecstasy
Gesamtspielzeit: 58:31 min

Im Forum kommentieren

MasterOfDisaster69

2022-02-03 13:09:39

jenau!
Visions gibt 7/12 und schreibt "Aber es ist auch völlig offensichtlich, dass sich die Band damit ganz bewusst dem klassischen Radio-Rock annähert."
Also wenn Du wirklich was von der neuen Madrugada im klassischen, also komerziellen Pop/Rock Radio hoerst, ist die Menschheit noch nicht verloren und Hoffnung ist berechtigt...

Fake Empire

2022-02-03 11:39:44

Stabat Mater finde ich auch eines der stärkeren Stücke. Klar, ein bisschen kitschig ist, aber ich muss da trotzdem mehr an Ennio Morricone und Leonard Cohen als an Schlager denken. Und das ist nie schlecht.

carpi

2022-02-02 19:06:16

Kenne nur die Vorabtracks, aber eine gewisse Nähe zu ihren Landsmännern von a-ha kann man nicht abstreiten:), OK, Chris Isaack's Wicked Game passt da noch mehr. Die Stimme ist halt immer noch voll da und beeindruckend, aber da alles in die Richtung "Balladenalbum" deutet, bin ich doch etwas skeptisch, die Ausbrüche gehörten früher halt auch zu Madrugada.

Grizzly Adams

2022-02-02 18:31:14

Hatte auch schon vor ein paar Tagen im Album Thread geschrieben, dass ich nicht begeistert bin. Die Vorabsingles haben auf mich - vielleicht auch wegen der sehr gelungenen Videos - mehr versprochen. Finde auch nur drei Songs wirklich gut und den Rest durchschnittlich oder darunter. Gerade auf Albumlänge langweilt mich das Album einfach zu sehr. Mehr als 5/10 gibts von mir nicht.

MasterOfDisaster69

2022-02-02 16:42:15

Da ist was Wahres dran. Die beiden genannten "Ausfaelle" haetten nicht unbedingt sein muessen. Das Stabat Mater, in der Rezension seiner Schlager-Naehe kritisiert, finde ich immer besser. Sorry, der Song kann Kitsch oder sonstwas sein, aber koennte auch einen Tarantino-Western untermalen...

Konzert, ja klar, auf jeden Fall...

8/10

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