Elvis Costello & The Imposters - The boy named If

EMI / Universal
VÖ: 14.01.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Ganz der Alte

Während diese pandemischen Zeiten viele Musiker eher zu introspektiven und melancholischen Songs inspirieren, geht Tausendsassa Elvis Costello, der sich seit seinen Anfängen 1977 in zahllosen Genres ausgetobt hat, den umgekehrten Weg. Das im Oktober 2020 erschienene Soloalbum "Hey clockface" war eine äußerst unterhaltsame Tour de Force durch verschiedene musikalische Spielarten, und erst vor einem halben Jahr veröffentlichte Costello dann zusammen mit einer Vielzahl verschiedener Sängerinnen und Sängern das ebenso überraschende wie überzeugende "Spanish model", eine spanischsprachige Latin-Neufassung seines Klassikers "This year's model". Und womöglich ist es die Auseinandersetzung mit diesem Frühwerk, die Costello dazu inspiriert hat, auf "The boy named If" derart catchy zu rocken und zu rollen, wie es der Londoner seit den Siebzigerjahren vielleicht höchstens noch 2003 auf "When I was cruel" getan hat. Damals wie jetzt wurde er kongenial begleitet und ergänzt von The Imposters, von denen immerhin zwei Drittel auch schon als Teil der legendären Attractions bei Costellos frühen Großtaten dabei waren.

Loses übergeordnetes Thema des Albums ist das Ende der Kindheit und der damit einhergehende Verlust der Unschuld. Der ungewöhnliche Jungenname "If" aus dem auf einem ebenso eigentümlichen wie eingängigen Beat surfenden Titeltrack, steht für den bei Kindern so beliebten eingebildeten Freund, der alles darf, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Und nach eben solch juveniler Frische klingen auch Songs wie "Penelope Halfpenny" oder "Magnificent hurt" mit seiner treibenden Orgel, die Erinnerungen an die frühen Hits von Elvis Costello wach werden lassen, ohne aber je Altbekanntes einfach nur aufzuwärmen. Auch der herrlich wüste Garage-Rock-Opener "Farewell OK" stürmt und drängt wie die frühen Beatles dies in Hamburger Kellern zu tun pflegten. Die wenigen, mit warmem Timbre gecroonten, balladesken Momente wie vor allem "Paint the red rose blue" und "Mr. Crescent" bieten emotionale Haltepunkte und sind auch Anspieltipps für Leser, die von Elvis Costello hauptsächlich seine Version des Charles-Aznavour-Chansons "She" aus dem Notting-Hill-Soundtrack kennen.

Auf "The death of magic thinking" illustriert die Band sehr clever mit synkopischem Beat und zerfasernder Songstruktur die in den Lyrics beschriebene, zunehmende Desorientierung von Heranwachsenden. Überhaupt sind die Texte wie so oft bei Costello auch hier ein großes Vergnügen. Mit Zeilen wie "A part time waitress with a dream for greatness" in "My most beautiful mistake" wird in wenigen pointierten Worten ein Charakter, eine Situation oder ein Gefühl beschrieben. Einen vom Blick seiner Geliebten verunsicherten, betrügenden Ehemann lässt Costello "Don't fix me with that deadly gaze / It'squos a little close to pity" flehen, und die Beobachtung "I've seen your kind before / In courtroom sketches" ist wohl einer der am schönsten formulierten Körbe aller Zeiten. Wenn man Costello bei diesem tollen Album irgendetwas vorwerfen möchte, dann höchstens die um zwei oder drei Songs zu lange Spielzeit – die aber nichts daran ändert, dass man es guten Gewissens "Meisterwerk" nennen kann.

(Michael Albl)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Farewell OK
  • What if I can't give you anything but love?
  • Paint the red rose blue
  • My most beautiful mistake

Tracklist

  1. Farewell, OK
  2. The boy named If
  3. Penelope Halfpenny
  4. The difference
  5. What if I can't give you anything but love?
  6. Paint the red rose blue
  7. Mistook me for a friend
  8. My most beautiful mistake
  9. Magnificient hurt
  10. The man you love to hate
  11. The death of magic thinking
  12. Trick out the truth
  13. Mr. Crescent
Gesamtspielzeit: 52:02 min

Im Forum kommentieren

ijb

2022-01-20 17:27:52

Meisterwerke sind für mich folgende Costello-Alben:
This Year's Model
Armed Forces/i>

Für mich auch; "Blood And Chocolate" muss ich tatsächlich mal wieder hören, tendiere aber auch dazu.
Die obige "Meisterwerk"-Kategorisierung (fast) aller genannten Alben bis '86 (Ausnahme: "Goodbye Cruel World") folgt natürlich nicht meiner individuellen Lesart, sondern der (mir nun erst bekannt gewordenen) offiziellen PT-Kategorisierung.

fakeboy

2022-01-20 16:49:25

Meisterwerke sind für mich folgende Costello-Alben:
This Year's Model
Armed Forces
Blood And Chocolate

Loketrourak

2022-01-20 16:37:29

Theoretisch müsste Costello ein Top 5 Künstler bei mir sein, so von der Anlage her, habe auch größten Respekt vorm Lebenswerk, aber manches finde ich eher durchwachsen, oder besser: Es erreicht mich nicht, wie es vielleicht sollte. Die rotzige Seite mag ich wohl am liebsten, wobei etwa Spike als ziemlich rundes Pop-Album auch groß ist. Clockface aus dem letzte Jahr fand ich "ganz OK", sagen wir mal 6,5 - die neue hab ich jetzt öfter über Spotify gehört, und ja, gefällt auf Anhieb, aber "Meisterwerk"? Eher nicht.

fakeboy

2022-01-20 16:27:51

Brutal Youth nicht vergessen, die ist auch sehr gut (wenn auch etwas komisch abgemischt, seine Stimme ist extrem im Vordergrund).

My Aim Is True hat natürlich ein paar Perlen zu bieten, ist für mich allerdings noch deutlich eine Vorstufe zum Meisterwerk, weil er da nicht mit einer eingespielten Band agierte. Das merkt man dem Album ein wenig an (v.a. wenn man dann Live-Aufnahmen derselben Songs hört mit den Attractions an seiner Seite).

Ich finde Boy Named If nachwievor super und wüsste auch nicht, welche Songs man weglassen sollte. Finde es nicht zu lange, hat einen schönen Spannungsbogen und wem 52 Minuten zu lang sind, der kann auch einfach in der Hälfte eine Pause einlegen.

ijb

2022-01-20 16:18:06

OK. Das Album läuft jetzt. Bin bei der Hälfte. Macht Spaß.

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