Madeline Juno - Besser kann ich es nicht erklären

Embassy Of Music / Warner
VÖ: 14.01.2022
Unsere Bewertung: 3/10
3/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Schlaflos in Berlin

Die Welt dreht sich immer weiter. Jede Person, die sich mit persönlichen Schicksalsschlägen konfrontiert sieht, muss diese bittere Erkenntnis als Realität akzeptieren, denn in den seltensten Fällen verlässt die Tragödie den eigenen Mikrokosmos. Musik ist eine Möglichkeit, um diese individuellen Erfahrungen größer werden zu lassen und, wenn sie denn erfolgreich die richtigen Knöpfe drückt, für eine Vielzahl von Menschen zu einem trostspendenden Monolithen zu werden. Mit ihren 26 Jahren hat Madeline Juno schon öfter "hoffnungsvoll-melancholisch" versucht, ihre Setzsteine zu eben solchen aufzutürmen. Erst auf Englisch, seit 2016 wieder auf Deutsch. Ihr neues Album "Besser kann ich es nicht erklären" bleibt allerdings eher ein kalter Stein im Geröllhaufen deutschsprachiger Pop-Musik.

Das liegt in erster Linie daran, dass das Songwriting so dermaßen bieder ist, dass man einen Bausparvertrag unterschreiben möchte. Die Melodien sind bestenfalls uninspiriert, die Produktionen aalglatt, sodass sie keine Chance haben, sich festzusetzen. "November" beispielsweise täuscht kurz einen rockigen Klimmzug an, nur um dann kraft- und hilflos an der Stange zu hängen. "Jedes Mal" versucht sich an einer Klavierballade, aber würde nicht mal den Talentwettbewerb der Oberstufe des Max-Mustermann-Gymnasiums gewinnen. Immer wenn es dramatischer werden soll, steigt Madeline Juno mit der Stimme ein bisschen höher als in den Strophen, oder irgendein schlaffes Element setzt sich unbemerkt in der Ecke auf die Couch zu den anderen. Selbst die Tracklist liest sich wie eine Foto-Lovestory ("Lass mich los", "Nur kurz glücklich", "Es hat sich gelohnt", "Vermisse gar nichts").

Dabei findet sich neben dem omnipräsenten Trennungsschmerz und den Abgründen der Liebeleien auch ein bemerkenswert offener Umgang mit Depressionen, und Junos Therapeut wird in "Obsolet" sogar direkt zitiert. Und tatsächlich sind manche der Zeilen das, was junge Menschen "relatable" nennen, wenn Symptome gegoogelt werden oder Juno sich trotzig das Herz lieber mit Teer auffüllen lässt. In "Über Dich" hüpft sie leichtfüßig über die Tonleiter in Richtung eines kleinen Highlights. Und auch der kurze Auftritt von Max Giesinger darf durchaus als gelungen bezeichnet werden, auch wenn man hier natürlich ungefähr 80 Millionen Meilen von einem artverwandten "Exile" von Taylor Swift entfernt ist. Denn für jede passable Idee gibt es zehn Zeilen wie "Es ist wie Rennen im Traum und man kommt nicht an". Selbst das mehr oder weniger subtile Verorten der Geschichten in Berlin, dem Sodom und Gomorrha aus den Albträumen besorgter Eltern, wirkt in Junos Händen harmloser und langweiliger als jedes Osterfeuer auf dem Dorf.

Besonders gut lässt sich das ganze Ausmaß am Schlusspunkt "Du fändest es schön" ausmachen. Die ausgelutschte Idee, sich an ihr jüngeres Ich zu wenden und rührselig klar zu machen, dass es ihr heute sehr viel besser geht, ist für ihre eigene Biografie sicher ein stolzer Meilenstein, und das ist wunderbar. Ironischerweise beschreibt sie darin selbst, wie die Erde sich trotz allem weiter dreht. Und mit dem Song verhält es sich wie mit dem Rest der Platte: Für sie ist dieses Album sicher die Welt, aber für die Welt ist es nur ein weiteres Album unter vielen.

(Arne Lehrke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Über Dich

Tracklist

  1. Neukölln
  2. Obsolet
  3. Jedes Mal
  4. Tu was Du willst
  5. Über Dich
  6. Lass mich los
  7. November
  8. Normal fühlen
  9. 99 Probleme
  10. Sommer, Sonne, Depression
  11. Nur kurz glücklich
  12. Es hat sich gelohnt
  13. Plot Twist
  14. Vermisse gar nichts
  15. Du fändest es schön
Gesamtspielzeit: 50:01 min

Im Forum kommentieren

Nasenfahrad

2022-01-12 23:03:06

Wenn der olle Giesinger mitmischt, kann da ja nix Gutes bei rumkommen.

Mr Oh so

2022-01-12 22:50:11

Schöne Rezi.

Armin

2022-01-12 20:23:54- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

captain kidd

2021-10-20 10:25:22

Geil wie da jetzt einfach die alten Damien-Rice-Klamotten mit aktuellem Coldplay-Wumms gemixt werden...

Oceantoolhead

2021-10-20 08:38:06

Madeleine Juno halte ich tatsächlich noch für den talentiertersten / „besten“ Act aus dem Deutschpop Jargon. Nicht das ich in irgendein Lied jetzt reinhören wollen würde, aber immerhin kriegt man bei ihr keinen spontanen ganz Körperausschlag wie bei anderen Gestalten die sich in der hiesigen Branche herumtreiben.

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