Grace Cummings - Storm queen

ATO / PIAS / Rough Trade
VÖ: 14.01.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Feuersturm

Wenn man ein Streichholz anzündet, dann brennt es effektvoll vom Kopf hinab. Genauso verhält es sich mit Grace Cummings. Wer sie zum ersten Mal hört, ist nur fixiert auf die mächtige Stimme und die Töne, die die Australierin zwischen ihren Lippen hervordrückt, als würde sie ein Gewitter in der Brust tragen. Doch es wäre fatal, sie nach dieser ersten Entladung aus den Augen zu lassen, denn ihr zweites Album "Storm queen" ist eine urwüchsige Angelegenheit, an der man sich leicht die Finger verbrennen kann.

Schon auf ihrem Debütalbum "Refuge cove", das beim von King Gizzard & The Lizard Wizard bekannten Label Flightless Records erschien, begeisterte Cummings mit ihrer puristischen Herangehensweise an Folk. Ihre Songs produziert sie selbst, meist in wenigen Takes und gerne reduziert auf Gitarre oder Klavier. Diese Direktheit in Kombination mit der drückenden Stimme erzeugen eine Dringlichkeit, die entfernt an Laura Marling erinnert, ohne dabei so grazil sein zu wollen wie diese. Auch Bob Dylan, den sie selbst als Inspiration nennt, kann man immer wieder von Weitem winken sehen. Und ein bisschen denkt man auch an Nico, hätte die mehr Drama in ihre Songs geholt. Denn die Stücke werfen sich wieder und wieder gegen raue Klippen und denken gar nicht daran, sich ins Meer zurückzuziehen. Grace Cummings kann bedrohlich wirken.

Besonders boshaft verdunkelt das Titelstück die Aussicht. Ein Saxophon schubst einen in diese langsame, aber heimtückische Strömung, die zum Verhängnis zu werden scheint und trotzdem das Leben bejaht. "Heaven" wiederum gibt seine Frömmigkeit nur vor, will mit seinem "Ave Maria" aber verzweifelt dem Transzendenten irgendeinen Namen geben. Am Ende geht ohnehin alles in Rauch auf, wenn "Up in flames" die Notre-Dame und deren Schönheit abbrennen sieht. Cummings findet die richtigen Bilder, die richtigen Texte, die richtige Instrumentierung für diese unaufschiebbare Stimme, die qua Timbre quasi zur Tragödie verpflichtet. Hier und jetzt muss etwas passieren.

Die elf Songs schwächeln höchstens dann ein wenig, wenn sie sich ein bisschen Ruhe gönnen. Dann wird Cummings lediglich zu einer tollen Folk-Sängerin und nicht zu dieser Urgewalt, die einen unweigerlich mitreißt. Die sanften Passagen wirken wie Auszeiten, die ruhige Nebenschauplätze eröffnen und die Handlung aufhalten. Trotzdem ist Album Nummer zwei eine deutliche Steigerung einer Künstlerin, die mit ihrer anachronistischen Interpretation von Folkmusik eine Leidenschaft entfacht, vor der man sich nicht verstecken kann. Beim nächsten Mal lässt sie das Streichholz dann einfach in die Schachtel fallen.

(Arne Lehrke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Heaven
  • Storm queen
  • Up in flames

Tracklist

  1. Always new days always
  2. Dreams
  3. Fly a kite
  4. Freak
  5. Heaven
  6. Here is the rose
  7. Raglan
  8. Storm queen
  9. This day in May
  10. Two little birds
  11. Up in flames
Gesamtspielzeit: 42:02 min

Im Forum kommentieren

Grizzly Adams

2022-01-20 18:49:11

Die Stimme ist… outstanding… Widersetzt sich irgendeiner Kategorisierung. In einem Moment stellen sich mir alle Nackenhaare auf, im nächsten denke ich: „Sch…, sie kann gar nicht singen! Was soll das?“
Ich bin da beim ersten Hören hin- und hergerissen. GC erlaubt dem Hörer aber keine Kompromisse. Alles, was sie da performt, muss aus ihr raus. Und zwar genau so. Wem das nicht passt, der kann ja wegbleiben. So kommt es mir vor.
Zum Glück darf ich ihr auch weitere Durchgänge gönnen, ohne ihr erklären zu müssen, warum ich es nochmal wage, warum ich gute Gründe hätte, es nicht zu tun, und warum ihre Musik so sexy-hässlich sein kann wie ein Tarantino-Movie… ;-)

saihttam

2022-01-20 13:14:29

Oh ja, krasse Stimme, viel Emotionalität, dazu schöne Instrumentierung.

ijb

2022-01-19 21:18:36

Fürs erste Hören schon mal eine sehr schöne Platte. Braucht noch ein bisschen Zeit, denke ich; die zweite Hälfte gefällt mir auch besser.

Allerdings finde ich es SEHR erstaunlich, dass unter allen Referenzen ausgerechnet
Anna B Savage nicht genannt ist . Mit keiner der in den Referenzen genannten Sängerinnen ist dieses Album und die Stimme und der exaltierte Gesangsstil ähnlicher als mit Anna B Savages tollem Debüt aus dem Januar 2021.

fragender

2022-01-16 15:50:51

Großartige Platte. Min. 9/10, aber könnte noch weiter wachsen. Diese Stimme, diese smarte Instrumentierung, das Altsax im Titelsong — ganz große Kunst!

Otto Lenk

2022-01-14 18:28:26


Was für eine geile Stimme 8/10

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