Aurora - The gods we can touch

Vertigo / Universal
VÖ: 21.01.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Die Verrückten müssen Götter sein

Götter sind ja auch nicht mehr das, was sie mal waren. Heute sitzt da ein oller Typ mit weißem Bart irgendwo auf seiner Wolke und schert sich um gar nix mehr auf der Welt. Früher gab es hingegen noch richtig Alarm im Olymp. Man soff Wein, verwandelte sich in Tiere, um sich dann durch die Gegend zu vögeln, und die Frauenquote war bei den alten Griechen auch deutlich besser. Kein Wunder also, dass Aurora Aksnes sich für die Stücke ihres vierten Longplayers "The gods we can touch" jeweils eine Gottheit als Inspiration hernahm, denn diese konnte man damals tatsächlich noch anfassen. Spürst Du diese Stierhaut? Schmeckt die Ambrosia heute nicht wieder herrlich? Jedenfalls passen diese Gegenwartsparallelen antiker Settings zum pompösen Pop der auf sympathische Weise spinnerten Norwegerin. Ein bisschen Gott steckt doch in allen, oder? (Nein, nicht so, Zeus!)

Dabei sucht Aurora schon lange nicht mehr den schnellsten Weg zum Hit, auch wenn sie davon ein paar im Köcher hat. "Giving in to the love" gibt sich kraftvoll und brodelnd, während "A temporary high" mit seinem stampfenden Beat quasi die vorsichtige Version eines Techno-Tracks ist. Wenn Aurora "Lord, you keep me crawling on my knees" im dramatisch orchestrierten "You keep me crawling" ausruft, platzt "The gods we can touch" quasi aus allen Nähten. Das kann sie, das hat sie perfektioniert. "I never had the world / So why change for it?" Eben. Dann lieber ein absolut schmissiges "The innocent" raushauen, das vom ewigen Thema der unerwiderten Liebe berichtet: "The innocent life, the innocent touch / Is never enough for the ones who love." Große Geste, große Wirkung.

Ebenso aber ist ihre subtile Seite ausgereift, welche auf "The gods we can touch" im Vordergrund steht. Schon gleich nach dem gehauchten Intro "The forbidden fruits of Eden" wartet mit "Everything matters" ein Slowburner, dem Gastsängerin Pomme ein französisches Outro spendiert. Am anderen Ende der Platte verzaubert das wunderschöne Wiegenlied "This could be a dream". "If I touch you / Could you feel it?", fragt Aurora und man möchte ihr entgegenrufen: "Ich merk's doch schon!" Melodisch weit vorne ist auch "Exist for love", auf dessen Streicher jeder Disney-Film neidisch sein sollte, wie sie sehnsuchtsvoll den Sonnenuntergang auf die Leinwand pinseln. Da kann das fantastische "Heathens" gleich mit umgarnen, nur um unsanft mit einem überraschenden Tribal-Part zu wecken. Und die Atemübungen von "Exhale inhale" lullen auf angenehmste Weise mit Harfenzupfern ein.

Die Dynamik von "The gods we can touch" ist der klare Star, die auch dann zum Tragen kommt, wenn die Vielzahl an Songs in der zweiten Hälfte droht, zu überwältigen. Dann fängt eine geheimnisvolle Ruhepause wie "Artemis" das Ganze auf und fragt: "What will you do when she drinks the sea? / Drown her in sorrow or let her be?" Nur um mit "Blood in the wine" kraftvoll weiter zu marschieren. Am Ende wartet Auroras Trip zum Mond. Es heult und gurgelt auf dem Weg zu "A little place called the moon" und letztlich bleibt die Erkenntnis, dass doch alles gut wird. Hieß es auf dem Debüt noch "All my demons greeting me as a friend", so darf man Aurora nun in Gesellschaft von Zeus, Aphrodite oder Athene suchen. Das ist doch mal eine Himmelfahrt.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Giving in to the love
  • Heathens
  • The innocent
  • This could be a dream

Tracklist

  1. The forbidden fruits of Eden
  2. Everything matters (feat. Pomme)
  3. Giving in to the love
  4. Cure for me
  5. You keep me crawling
  6. Exist for love
  7. Heathens
  8. The innocent
  9. Exhale inhale
  10. A temporary high
  11. A dangerous thing
  12. Artemis
  13. Blood in the wine
  14. This could be a dream
  15. A little place called the moon
Gesamtspielzeit: 49:48 min

Im Forum kommentieren

köttbullar

2022-01-23 22:05:07

Hab mir gerade mal Heathens über Kopfhörer angehört. Das ist wahnsinnig arrangiert, der break bei 2:50 irre. Grandioser Song. Eindeutig.

myx

2022-01-23 19:16:07

"This could be a dream" ist wunderschön, ja, lief hier grade zum ersten Mal .. "Heathens" ist auch ein Traum.

köttbullar

2022-01-23 19:06:29

Manchmal erinnert mich der Gesang, gerade wenn er eben nicht so elfenartig ist sondern bangt, an Nina Persson. Oder anders gesagt: ähnlich wie die Songs finde ich den Gesang ebenfalls sehr facettenreich. In This could be a dream habe ich mich ja ein bisschen verliebt. Alles in allem auch bei mir ne gute 8/10

myx

2022-01-23 18:12:56

Danke für die Ergänzung, Felix. ;)

Felix H

2022-01-23 17:45:48

Dann war das direkt vor ihrem aus meiner Sicht besten Album "Infections Of A Different Kind".
Eigentlich fällt nur "A Different Kind Of Human" etwas ab.

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