Divide And Dissolve - Gas lit

Invada / PIAS / Rough Trade
VÖ: 29.01.2021
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

In der Strafkolonie

Sagen Sie jetzt nichts. Falls Sie sich für einen Angehörigen einer vermeintlichen Herrenrasse halten, sagen Sie am besten nie mehr irgendetwas. Fragen Sie mal die Damen mit den "Destroy white supremacy"-T-Shirts da hinten. Ach so, geht nicht bei dem Lärm, den die beiden veranstalten. Vielleicht auch besser so. Ein paar Stichworte aus den ersten zwei Platten von Divide And Dissolve gefällig? "Black resistance", "Cultural extermination", "Indigenous supremacy". Kein Zweifel: Die schwarze Cherokee-Frau Takiaya Reed und die gebürtige Maori Sylvie Nehill nehmen's persönlich, wenn sie von Kolonialismus, Verbrechen an indigenen Völkern und People of color oder Misogynie reden. Oder vielmehr nicht reden, denn auch ihr dritter Longplayer "Gas lit" bleibt weitestgehend instrumental – und beeindruckt in seiner schabenden Brachialität außerordentlich.

Denn auch wenn das von Melbourne aus operierende Duo abgesehen von der Rezitation der venezolanischen Künstlerin Minori Sanchiz-Fung in "Did you have something to do with it" keine Worte benötigt, ist Reeds und Nevilles Groll nahezu körperlich spürbar. Und das weitaus massiver als auf "Basic" und "Abomination", die noch vornehmlich mit gebremstem Post-Rock-Schaum und eher verhuscht reinschmeckenden Jazz-Versatzstücken hantierten. Nun dominieren stattdessen schwere Gitarren und mal opaleszierendes, mal unheilvolle Drone-Tiraden ausdünstendes Gebläse – und schon liegen Welten zwischen diesem Album und seinen vergleichsweise eindimensionalen Vorgängern. Als wollten Divide And Dissolve alleine mit purer Wucht nicht nur Genregrenzen, sondern auch sämtliche gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten dem Erdboden gleichmachen.

Wollen sie natürlich auch – auf deutlich rabiatere Weise, als die beinahe ins Himmlische lappende Saxofon-Anrufung zu Beginn von "Oblique" erahnen lässt. Nach eineinhalb Minuten ist nämlich Schluss mit meditativ, und das erste knirschige Riff positioniert "Gas lit" in einer spukigen, aber knochenharten Zwischenwelt von Sludge und Doom Metal. Reeds bassiges Stahlseiten-Gewühl verzahnt sich dabei mit jazziger Verspieltheit und Nehills tonnenschwer synkopierten Drums zu einem transzendentalen Sound-Erlebnis – wälzend, dröhnend und genauso unausweichlich wie die auf die gleiche Stelle eindreschenden Brecher "Denial" oder "We are really worried about you". Aber Vorsicht, ehe man es sich mit diesem ruinösen Mahlen im Geiste einer spirituellen Ausgabe von Sunn O))) oder Earth allzu bequem macht: Die nächste splitternde Sollbruchstelle kommt bestimmt.

Spätestens beim aus allen Schlagwerk-Rohren feuernden Speed-Bolzen "Far from ideal" oder in "Mental gymnastics", einen kontemplativen Ambient-Wachtraum aus Reeds außerirdisch verhallendem Blasinstrument – ein dezenter Hinweis darauf, dass das perfide Wechselspiel von laut und leise, brutal und sinnlich nicht nur Divide And Dissolves Widersacher zerquetschen, sondern auch ihre Vorfahren ehren soll. Kleiner Nebenverdienst dieser trotz ihrer vernichtenden Durchschlagskraft zutiefst humanistischen Platte: Dass Ruban Nielson produzierte, erklärt im Nachhinein sogar Unknown Mortal Orchestras rätselhaft anmutende Jam-Session-Eskapade "IC 01 Hanoi". Und mal ehrlich: Kann Musik mehr leisten, als allen Herrenmenschen zur Strafe krachend eins überzubraten, während sich Jazzer und Metaller friedlich in den Armen liegen? Sagen Sie jetzt nichts.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Oblique
  • Denial
  • We are really worried about you

Tracklist

  1. Oblique
  2. Prove it
  3. Did you have something to do with it (feat. Minori Sanchiz-Fung)
  4. Denial
  5. Far from ideal
  6. It's really complicated
  7. Mental gymnastics
  8. We are really worried about you
Gesamtspielzeit: 34:09 min

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Armin

2022-01-04 19:55:31- Newsbeitrag

Frisch verspätet rezensiert. Als "Vergessene Perle 2021".

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