The Armed - Ultrapop

Sargent House / Cargo
VÖ: 16.04.2021
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Athleticore

In Zeiten gerade digital kaum zu vermeidender Transparenz ist Anonymität ein kostbares Gut. Wieso also sich freiwillig davon trennen? Als das eigentlich anonyme Detroiter Hardcore-Kollektiv The Armed sein viertes Album "Ultrapop" ankündigte, präsentierte es nicht nur eine mundwässernde Gästeliste – mit unter anderem Converge-Mastermind Kurt Ballou, Rolo-Tomassi-Frontfrau Eva Korman und QOTSA-Gitarrist Troy Van Leeuwen –, sondern auch sich selbst in voller Pracht. Plötzlich bekam die offenbar achtköpfige Band Klarnamen und gab sich in Live-Videos und Interviews auch physisch zu erkennen. Doch wer früher schon mit diversen Trollaktionen auffiel und Schauspieler*innen als Bandmitglieder ausgab, dem kauft man einen halbnackten Bodybuilder-Keyboarder namens Clark Huge jetzt nicht unbedingt ab.

Obskurität ist hier schließlich auch das musikalische Programm. Noch stärker als ihr Vorgänger "Only love" setzt diese Platte auf melodische Hooks und, nun ja, "Ultrapop"-Momente, die sie unter Noise-Fluten kaum unterscheidbarer Stimmen und Instrumente ertränkt. Eine naheliegende Referenz ist gewissermaßen Fucked Ups Epos "Dose your dreams": ebenfalls ein unter Beteiligung von gefühlt 100 Leuten entstandenes Werk, das an der Grenze von Harmonie und Härte die stilistischen Möglichkeiten von Hardcore-Punk sprengte. Bei The Armed verschwimmen die Konturen jedoch noch diffuser, fallen beim brutalen Genre-Hobeln die deutlich gröberen Späne.

Vielleicht sollte man bei all der Verwirrung erstmal mit den Fakten beginnen. 1. Ja, das ist ganz klar Mark Lanegan, der in der finalen Industrial-Apokalypse "The music becomes a skull" den Prediger am Abgrund der Welt mimt. 2. "Ultrapop" ist groß. Verdammt groß. Der eröffnende Titeltrack gönnt sich noch einen satten Schwung aus der Zaubersuppe für Flaming-Lips-artigen Dream-Pop, ehe "All futures" gegen "Tailored suits, sanguine sacks of shit" spuckt und allen halluzinogenen Träumereien ein Ende setzt. Meddl-Connaisseurs schauen die Synth-Hook des Songs wahrscheinlich nicht mal mit dem dritten Auge an, doch The Armed lassen nie Zweifel aufkommen ob ihrer brachialen Wucht und chaotischen Energie. Gerade "Masunaga vapors" und "Faith in medication" kreischen, prügeln und verknoten sich straight in die Mathcore-Disco, bis nur ein aggressives Grundrauschen übrigbleibt: "Drifting and floating and fading away / There's less of me every year." "A life so wonderful" erzählt mit aufgeputschtem Kneipen-Rock von Sucht und kalten Körpern, während man sich fragt, ob das Tempo der Drums schon ausreicht, um in der Zeit zurückzureisen. Bei der unklaren Personallage der Band würde es eh nicht wundern, wenn der berüchtigte "Kraken am Schlagzeug" hier gar kein metaphorischer ist.

In den gewaltigen "Big shell" und "Real folk blues" übernimmt Tamburin-Klopperin Cara Drolshagen die Lead-Verzweiflungsschreie und zieht ihre eigene Definition von Riot Grrrl über die Kreissäge. Letztgenannter Track kollabiert einmal kurz, um mit Anlauf auf ein fast schon hymnisches Finale zuzusteuern und die Frage aller Fragen zu stellen: "When is the perfect time to die?" Vielleicht, wenn sich der Highspeed-Shoegaze von "Average death" zur letzten großen Katharsis hochschraubt? Oder lieber, wenn das schlaflose "Where man knows want" am Ende wiederholt in Sludge-Walzen rennt? An intensiven Zuspitzungen mangelt es "Ultrapop" jedenfalls nicht. Selbst während der Indie-Playlist-tauglichsten Nummern wie der schwelgerischen "White savior"-Abrechnung "An iteration" oder dem Computer-Gospel "Bad selection" fühlt man sich wie beim Zirkeltraining. Da erscheint es so passend wie unnötig, dass "Clark Huge" und seine athletischen Bandkolleg*innen neben der Musik auch Fitnessroutinen veröffentlichen. Knapp 40 Minuten The Armed am Stück und jeder Gehörgang bekommt einen eindrucksvolleren Bizeps als Arnie.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • All futures
  • An iteration
  • Average death
  • Real folk blues

Tracklist

  1. Ultrapop
  2. All futures
  3. Masunaga vapors
  4. A life so wonderful
  5. An iteration
  6. Big shell
  7. Average death
  8. Faith in medication
  9. Where man knows want
  10. Real folk blues
  11. Bad selection
  12. The music becomes a skull (feat. Mark Lanegan)
Gesamtspielzeit: 38:47 min

Im Forum kommentieren

Kai

2022-04-21 00:19:04

Alle Regler auf Anschlag. Immer noch gut.

The MACHINA of God

2022-01-21 13:04:37

In der richtigen Stimmung ist das Ding grandios. Wenn man grad mit 28 SPuren Lärm kann. "Bad selection" als groovy Verschnaufpause nach dem Höllenritt ist auch klasse.

Affengitarre

2022-01-19 17:38:10

Hehe, schöner Vergleich. Ja, finde sie auch sehr passend, tolles Album auch.

The MACHINA of God

2022-01-19 15:43:39

Produktion ist klasse. Als hätte David Fridman Converge produziert. :D

nörtz

2022-01-19 14:29:38

Ob die Produktion absichtlich so ist, wie sie ist? Ich hätte das Album wirklich gern etwas klarer. Na ja, vielleicht gewöhn ich mich noch daran. :D

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