Jan Plewka & Die schwarz-rote Heilsarmee - Wann, wenn nicht jetzt? - Jan Plewka singt Rio Reiser und Ton Steine Scherben II

Fleet Union / Indigo
VÖ: 03.09.2021
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Heldenverehrung

Über Rio Reiser gibt es nun wirklich nichts mehr zu sagen. Punklegende, später Popstar, begnadeter Texter, der seine innere Zerrissenheit in wunderbaren Lyrics zum Ausdruck bringen konnte. Und leider viel zu früh verstorben, 25 Jahre ist das nun her. Ein so charismatischer Künstler hatte und hat viele Fans, doch einer seiner glühendsten Verehrer ist Jan Plewka. 2006, zum Gedenken an den 10. Todestag Reisers, veröffentlichte der Selig-Frontmann mit "Jan Plewka singt Rio Reiser" seine ganz persönliche Hommage. Und das sollte keine einmalige Geschichte bleiben – mehr als 200 Auftritte absolvierte Plewka in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen. Während dieses Programm allerdings die eher ruhige, introvertierte Seite Reisers zeigte, berücksichtigt "Wann, wenn nicht jetzt?" auch seine politischen Facetten, die er mit Ton Steine Scherben bis zum Exzess auslebte und so zu einer Ikone der Linken wurde – zumindest so lange, bis er es wagte, damit Geld verdienen zu wollen.

"Menschenfresser sind auch Menschen, doch nicht immer Männer / Menschenfressermenschen fressen Professoren und Penner." Mit Schmackes steigt Plewka mit seiner Begleitband "Die schwarz-rote Heilsarmee" in den Auftritt ein und hält sich dabei eng ans Original von Reisers Solodebüt "Rio I." Mit dem atemlosen "Jenseits von Eden" geht es dann auf den Weg in die Vergangenheit, und nach einem Abstecher beim obskuren, mit brüchiger Stimme rezitiertem "Zeitlos" darf sich Plewka dann an den Urvätern des deutschen Punkrock versuchen. Doch was heißt hier Versuch? Spätestens mit "Macht kaputt, was Euch kaputt macht" ist nämlich klar, wie genau der 51-Jährige sein großes Idol studiert hat, seine Phrasierung erschreckend genau übernimmt und sogar an ähnlichen Stellen seine Stimme überschnappen lässt. Doch bevor der Song zur blanken Kopie wird, streut Plewka lieber noch einen kleinen Seitenhieb auf die AfD und andere Auswüchse der Neuzeit ein – so viel künstlerische Freiheit muss schon sein.

Dem gegenüber stehen teils radikale Dekonstruktionen wie "Allein machen sie Dich ein", das im Prinzip auf jegliche Instrumentierung verzichtet. Durch den beschwörenden Sprechgesang bekommt der Song plötzlich etwas Sinistres, wandelt sich vom Happening in der Kommune zu einer unverhohlenen Drohung: "Wenn wir uns erstmal einig sind / Weht, glaub' ich, 'n ganz anderer Wind." Andererseits beeindruckt diese unglaubliche Poesie in den Texten, die derart für sich spricht, dass sich Plewka zu Songs wie "Ich werde Dich lieben" nur am Klavier begleiten lässt und dabei auf der Bühne sein Innerstes nach außen kehrt, nahezu schutzlos da steht und dafür sorgt, dass weder der Autor noch der Interpret, sondern der Song der Star ist.

Dennoch wäre "Wann, wenn nicht jetzt?" nur eine bessere Best-Of-Compilation von Songs aus der Feder von Rio Reiser, wenn Jan Plewka nicht seinen Beitrag dazu leisten würde. Und das ist wunderbar auf der DVD zu diesem Auftritt zu sehen, der im übrigen von niemand Geringeren als dem Theaterregisseur Tom Stromberg in Szene gesetzt wurde. Mal abgesehen davon, dass Plewka und seine Band immer wieder in absurde Verkleidungen schlüpfen, beeindruckt vor allem die Intensität, mit der der Frontmann die Songs förmlich auslebt und ihnen so die Seele einhaucht, die sie verdienen. Tribute- und Cover-Alben mag es viele geben, aber eine solche Hommage an ein künstlerisches Vorbild ist dann doch eher selten zu finden. Vorhang und ab.

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Menschenfresser
  • Macht kaputt, was Euch kaputt macht
  • Warum geht es mir so dreckig?
  • Mein Name ist Mensch

Tracklist

  1. Menschenfresser
  2. Jenseits von Eden
  3. Zeitlos
  4. Macht kaputt, was Euch kaputt macht
  5. Allein machen sie Dich ein
  6. Ich werde Dich lieben
  7. Du bist es
  8. Blinder Passagier
  9. Sklavenhändler
  10. Wann?
  11. Komm schlaf bei mir
  12. Wenn die Nacht am tiefsten
  13. Morgenlicht
  14. Warum geht es mir so dreckig?
  15. Ich bin müde
  16. Wir müssen hier raus
  17. Mein Name ist Mensch
Gesamtspielzeit: 66:59 min

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