Rauchen - Nein

Zeitstrafe / Indigo
VÖ: 03.12.2021
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Nicht mutig

Der Kompromiss gilt als Patentrezept in der Politik. Sicherlich ist es ratsam, sich sachlich mithilfe von Argumenten auseinanderzusetzen und Lösungen zu finden, bevor man sich verachtet oder gar prügelt. 16 Jahre deutsche Stillstand-Politik auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners indes führten das Prinzip des Kompromisses aber auch irgendwo ad absurdum und taugten außer zum Machterhalt zu wenig Wertigem. In der Punk- und Hardcore-Szene haben es Kompromisse schwer. "Nicht konsequent genug", "glattgebügelt" oder "Ausverkauf" lauten nicht selten die reflexhaften Reaktionen auf musikalische Entwicklungsschritte.

Für die Hamburger Hardcore-Formation Rauchen stehen die Sterne also auf Glaubwürdigkeits-Krawall. Denn auf ihrem Debüt "Gartenzwerge unter die Erde" prügelte das Quartett zehn Songs binnen gerade mal 13 Minuten in die Gehörgänge. Was soll da noch kommen? Ein mutiger und nicht minder konsequenter Nachfolger mit dem schlichten Titel "Nein" zum Beispiel. Äh, Moment: Konsequent, weil mutig, wäre die bessere Umschreibung. Scheibchenweise veröffentlicht als EP-Trio zu je vier Tracks, unterscheiden sich die drei Happen in ihrer musikalischen Konsistenz durchaus. "Nein" öffnet sich im Sound merklich. Und büßt trotzdem kein Stück Energie ein, sondern zelebriert die Dekonstruktion.

"Monopol(y)" gibt die Richtung von EP 1 vor, ein räudiger Power-Post-Punker zum Auftakt, der Klartext spricht in Richtung derjenigen Ordnungskräfte, die ihre Rolle als "Freund und Helfer" zunehmend am rechten Rand der Gesellschaft ausleben. Frontfrau Nadine keift nicht, singt beinahe, doch die schreddernde, an den Nervenenden zerrenden Gitarre sorgt für Endzeitstimmung. Selbige findet im noisigen und besonders packenden "Angst" ihren Höhepunkt, zumal das Thema toxische Männlichkeit kaum unvermittelter auf den Punkt zu bringen ist. "Monotonie" schnauft auch mehr mit Post-Punk-Wucht als mit Hardcore-Wut, doch auch der Track sitzt. Weil Rauchen ihre Lyrics unvermittelt in die Magengrube schlagen: "Von der Wiege bis zur Bahre / Bleibt dein Körper Arbeitsware / Überstunden, müde sein / Alle Kraft in Arbeit rein". In den Spiegel schauen fällt da schwer.

Mit "Aufnahme" kehren die alten Rauchen zurück. Drückende Gitarrenriffs zu meterdicken Sound-Wänden gemauert, Stakkato-Getrommel, Nadine schreit ins Mikro. EP 2 bringt vier Tracks in nicht mal fünf Minuten. Darunter dieses "Nicht": Ein songgewordener Mittelfinger für alle, die das weibliche Geschlecht noch immer geringschätzen, abtun, belächeln. Leider sind es immer noch zu viele. Doch: "Die Zeiten sind vorbei!" In der Tat. Was auch das "Schlüsselkind" im wieder sphärischeren letzten Albumdrittel spürt. In für Rauchen fast epischer Track-Länge von gut drei Minuten schleicht sich zunächst ein Blasinstrument ein. Und dann ein Hauch von Selbstverständlichkeit, Dinge zu tun, ohne sich zu kümmern, ob die pseudomoralische Gesellschaft sie beäugt. "Alles was ich tu / Fühlt sich gut / Und nicht nach Mut an." Ähnliches gilt für "Nein", eine Platte, die das Korsett des deutschsprachigen Hardcore ohne Rücksicht auf Scheuklappen lockert und zugleich neu definiert. Mit viel herrlichem Krach. Ohne Kompromisse.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Monotonie
  • Angst
  • Nicht
  • Schlüsselkind

Tracklist

  1. Monopol(y)
  2. Monotonie
  3. Angst
  4. Weiter
  5. Aufnahme
  6. Wasserglas
  7. Alles
  8. Nicht
  9. Reaktion
  10. Schlüsselkind
  11. T-Rex
  12. Gespenst
Gesamtspielzeit: 25:09 min

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Armin

2021-12-10 23:19:10- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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