Haiyti - Speed date

Hayati / Urban / Universal
VÖ: 03.12.2021
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Der Nase nach

Es ist schwierig, eine Haiyti-Rezension nicht mit einem Verweis auf die irre Produktivität der Hamburgerin zu beginnen. Noch schwieriger wird das beim ersten Blick auf die Tracklist ihres neuen Albums "Speed date". Gleich 25 Songs spendiert die Rapperin ihrem Publikum. Wobei der Begriff "Rapperin" auch viel zu eng ist. Aber was ist Haiyti eigentlich? Songwriterin? Gesamtkunstwerk? Einigen wir uns auf Unterhaltungsfaktor. Und Unterhaltung gibt es auch auf "Speed date" zuhauf, wenngleich das Werk bei weitem nicht die emotionale Dichte mancher Vorgänger erreicht. Dazu irrlichtert die Künstlerin zu sehr umher. Die Tatsache, dass viele Tracks eher als Demos denn als ausgearbeitete Songs durchgehen, erschwert zudem den Zugang.

"Speed date" zerfällt wie viele Haiyti-Alben in Phasen. Auf einen aufgekratzten und aggressiven Beginn folgt eine melancholische Verschnaufpause, ehe sich die Stimmung dort einpendelt, wo es am verrauchtesten ist. Dass die ersten vier Songs allesamt kürzer als zwei Minuten sind, sorgt dafür, dass der Einstieg ziemlich rumpelig gerät. Überzeugen können dagegen die vorab veröffentlichten Singles, welche sich nahtlos in den Fluss des Albums einfügen. Vor allem "Drama" frisst sich dank einer fiesen Synthiefigur tief ins Gedächtnis. Kritiker bemängeln ja bisweilen die mangelnde textliche Tiefe bei Haiyti. Das sind wahrscheinlich die selben Leute, die sich über Stroboskoplichter in der Diskothek beschweren.

Ganz allein ist es natürlich langweilig im Studio, weshalb Haiyti auch diesmal eine Drehtür installiert hat. Zwei Gastauftritte hat CANEY030, der leider so klingt, als hätte jemand Apache207 auf Wish bestellt. Das beste Feature liefert Money Boy, der österreichische Hobbykoch, ab. Seine zwischen Dadaismus und Genie pendelnde Strophe in "Stupido" schießt gezielt den Vogel ab. Ob er danach gebraten wurde, tut nichts zur Sache. Deutlich nachdenklicher geht es in "Jil Sander" zu, wobei Kaisa Natron mit seinen gebellten Versen einen gelungenen Kontrapunkt zu Haiytis effektbeladenem Gesang setzt. "Gabba (feat. bebi coool)" samplet schließlich ATC. Das kann man sicher mal machen, vor allem wenn der Text der Hook "Boo-boo-boom-boom-bam-bam (bam)" lautet. Der Track endet dann tatsächlich mit einem Gabber-Part. Unfassbar eigentlich.

Wie so oft, dreht Haiyti in der zweiten Hälfte des Albums deutlich auf. "Entertainment" und "Goldschmuck" sind solide Banger, die keine Fragen dulden. Stilistisch wagt sie sich zwar nicht aus der Komfortzone, dies fällt angesichts der durchweg soliden Beats aber nicht negativ auf. Das klare Highlight stellt in der Summe "No front (feat. Sly Alone)" dar. Ein Hit für den Sommer, der auch im Winter funktioniert. Allerdings sind einige Tracks ganz klar Füllmaterial, um bei Streamingdiensten möglichst viele Klicks zu farmen. Besonders "Auf dem Weg" und "Zahl es bar (feat. Skoob102)" braucht kein Mensch. Umgekehrt gibt es einige schöne musikalische Überraschungen, wie beispielsweise "Merlot (Wo bist Du)" mit seinem schlingernden Gitarrensample. Und so geht das weiter, Song für Song. Auf und ab, aber immer angenehm schräg. Wo das alles enden soll, weiß niemand. Haiyti folgt ihrem Instinkt. Nase in den Wind, Augen zu und durch.

(Christopher Sennfelder)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Stupido (feat. Money Boy)
  • 2 Phones
  • No front (feat. Sly Alone)
  • Merlot (Wo bist Du)

Tracklist

  1. Boo
  2. Hyperspeed
  3. Lois Lane
  4. Niemandsland
  5. Stupido (feat. Money Boy)
  6. Nur Medizin (feat. Doktor Sterben)
  7. Xtra dry
  8. Zahl es bar (feat. Skoob102)
  9. Sterben
  10. Hundertzehn (110) (feat. CANEY030)
  11. Philipp Plein (feat. Kid Trash)
  12. 2 Phones
  13. No front (feat. Sly Alone)
  14. Entertainment
  15. Jil Sander (feat. Kaisa Natron)
  16. Goldschmuck
  17. Auf dem Weg
  18. Merlot (Wo bist Du)
  19. Drama
  20. Breakdance
  21. Milligramm
  22. Burberry money clip (feat. Sly Alone, Doktor Sterben, Souly, CANEY030)
  23. Wunder
  24. Bevor es endet
  25. Gabba (feat. bebi coool)
Gesamtspielzeit: 61:48 min

Im Forum kommentieren

Z4

2022-04-02 21:54:34

Kann ich so unterschreiben

Nate

2022-04-02 18:51:33

War anfangs auch nicht so begeistert von dem Album, aber nachdem ich das jetzt nochmal gehört hab und die Songs live gesehen habe, bin ich der Meinung, dass das vermutlich Top 2 oder 3 Haiyti ist. Viel beständiger, als ich das von einem 62-Minuten-Trap-Album erwarten würde. Und nach Gabba wünschte ich, Haiyti würde jetzt ein komplettes Hyperpop-Album machen

ichreitepferd

2022-01-13 23:00:15

Hoffen wir dass Nura nicht noch Havarie anhört, weil dann ist es over für Haiyti (Thema N-Wort).

Z4

2022-01-13 22:44:35

Ich meine damit nicht Nura (die ihr das auch hätte privat schreiben können aber was solls...), sondern die Leute, die daraufhin Haiytis Instagramaccount zugespamt haben. Hat sich inzwischen aber auch erledigt, und Köln ist jetzt ausverkauft, hab nur wegen der Diskussion überhaupt von der Tour erfahren und noch rechtzeitig Tickets bestellt, insofern alles gut gelaufen eigentlich.

Obrac

2022-01-13 22:07:51

Da ist niemand ausgeflippt, sondern hat sie dafür kritisiert, dass sie was Dummes gesagt hat. Seit wann muss man "woke" sein, wenn man sowas anspricht, und mit Cancel Culture hat das schonmal gar nichts zu tun.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum