Circuit Des Yeux - -io

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 22.10.2021
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

A star is born

Wie muss es sich anfühlen, alles Leid der Welt in sich aufzusaugen? Zu Beginn von "-io" hören wir Haley Fohr einmal tief Luft holen, ehe ihrem Ausatmen ein mächtiger Streicher-Schwall folgt. Im Titel spielt dieses Intro auf Tonglen an, eine Meditationsform aus dem tibetischen Buddhismus, die genau das symbolisiert: das Unglück aller Lebewesen einzuatmen und mitfühlende Liebe auszustoßen. Der Tod einer geliebten Person speiste Fohrs siebtes Album als Circuit Des Yeux ebenso wie ein weniger spezifischer Weltschmerz, zugefügt von der Corona-Pandemie und drohenden Umweltkatastrophen. Doch was Fohr entäußert, ist keineswegs pure Trauer. Obwohl sie dieses Mal alleine komponierte, stattete sie fast jeden Song mit Arrangements für ein 23-köpfiges Orchester aus – vielleicht weil sich der Leere des Verlusts nur in dieser Dimension begegnen lässt. Inspiriert vom Aufenthalt in einer Künstlerresidenz in Florida, vom Farbreichtum der Strände und Sonnenuntergänge, hat die 32-Jährige nicht nur ihr üppigstes Werk bisher geschaffen, sondern eine ganze imaginäre Welt namens "-io". Komplex war ihr Art-Pop schon immer, so raum- und sinnesfüllend jedoch nie. Kein Wunder, dass der Platte sogar ein Listening Guide beiliegt, der das optimale multisensorische Hörerlebnis skizziert.

Es kommt nicht oft vor, dass man zu einem Circuit-Des-Yeux-Track rhythmisch mitgehen will, aber genau das ist beim Quasi-Opener "Vanishing" der Fall. Drums und Celli treiben motorisch nach vorne, während Fohr im apokalyptischen Überschwang diverse "goodbye"s ausspricht, bis nur noch die Schlagworte übrigbleiben: "Fading / Falling / Melting / Sinking." Doch es ist nicht alles verloren. "The signal goes on repeating", lautet das Mantra im Herzstück "Sculpting the exodus", das trotz Orgel-Arpeggios und sakralen Chören wohl nie in einer Kirche laufen wird. Seine Dynamik ist exemplarisch für "-io", dessen Songs oft – wie auf dem Coverbild – im freien Fall stehenzubleiben scheinen, ehe sie der orchestrale Schwung in unerforschte Sphären transportiert. Das Drama von "Argument" vollzieht sich in drei Akten: Spacige Synths stoßen zu Fohrs besänftigenden Melodiebögen, die immer tiefer im einsamen Abgrund versinken, ehe die Coda nur mit Akustikgitarre dem Staub in der Luft zuschaut. "Neutron star" folgt einem ähnlich unberechenbaren Kurs, beginnt als Western-Ballade und schießt dann mit verzerrter E-Gitarre und dröhnenden Bläsern in den Kosmos. Über allem schwebt dabei stets die so spezielle, vier Oktaven umspannende, im unwirklichsten Bariton wurzelnde Stimme der Navigatorin, welche die Töne aller parallelen Realitäten gleich mit trifft.

Der Geburt eines Neutronensterns geht der Tod eines alten Sterns mit anschließender Supernova voraus. Auf "-io" kollabiert immer irgendetwas, doch die Konsequenzen sind ebenfalls nicht destruktiv. "There's an avalanche that lives inside of me / And it's ready to flow / I'm breaking as your fingers fit in mine", heißt es in "Walking toward winter", einem auf der Stelle schwebenden Liebeslied. Nur in "The chase" bleibt die Erlösung aus, wenn die dissonant verengten Gitarren eine Panikattacke zu vertonen scheinen – passenderweise einer von zwei Tracks, die sich von der luxuriösen Ästhetik der restlichen Platte lösen. Der andere, "Dogma", erinnert mit seinem hypnotisch pulsierenden Gothic-Surf-Rock sogar eher an Fohrs poppigeres Jackie-Lynn-Projekt. Ebenso etwas einladender gestaltet sich der Abschlusswalzer "Oracle song" – aber nur, wenn man nicht genau auf den Text achtet: "You're surrounded by the same men / That ended me when I was 17." Ein vergangenes Trauma bricht an die Oberfläche, doch die begleitende Emotion ist Mitgefühl, die Hoffnung, dass die Angesprochene nicht den gleichen Schmerz wie die Erzählerin erleiden muss. Ein nicht nur angenehmer, manchmal gar verstörender Gedanke, diese Verbundenheit mit all unseren Mitmenschen. "Stranger" entwirft ein ganzes "Was wäre, wenn?"-Universum aus einer Zufallsbegegnung und steigert sich am Ende in fast schon schamanische Vokaltumulte hinein. Und jetzt einmal alle tief Luft holen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Vanishing
  • Sculpting the exodus
  • Argument
  • Neutron star

Tracklist

  1. Tonglen / In vain
  2. Vanishing
  3. Dogma
  4. The chase
  5. Sculpting the exodus
  6. Walking toward winter
  7. Argument
  8. Neutron star
  9. Stranger
  10. Oracle song
Gesamtspielzeit: 41:17 min

Im Forum kommentieren

Deaf

2022-04-03 12:20:54

Ja, sehr schönes Album, wie fast alles, das ich von ihr kenne. Die Uptempo-Nummern wie "Vanishing" und "Dogma" gefallen mir bisher am besten, aber auch der Rest erschliesst sich langsam. Das Orchester hebt das Ganze natürlich nochmals auf ein anderes Level.

Gestern live gesehen, es wurde wohl das komplette aktuelle Album gespielt, unterstützt durch ein lokales Streicher-Quartet. Extrem talentierte Dame und auch stimmlich sehr ausdrucksstark.

Autotomate

2022-01-03 23:07:36

Ui, was für ein tolles Album, leider zu spät entdeckt für meine Liste...

NeoMath

2022-01-01 19:35:37

Ein unglaublich schönes Album. Intensiv und voller Strahlkraft.
Ist meine erste Berühung mit der Künstlerin und ich bin sehr beeindruckt.
Absolut großartig!

Armin

2021-11-17 22:15:23- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

saihttam

2021-11-17 14:40:49

Zum Ende hin wird das Album immer stärker. Von den ersten Songs bleibt aber leider noch nicht so viel hängen, aber vielleicht ändert sich das noch. Neutron Star ist bisher mein Highlight.

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