Mastodon - Hushed and grim

Reprise / Warner
VÖ: 29.10.2021
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Grabesgrau

Mastodon haben mit den Elementen jongliert, einen verfluchten Wanderer durch die Wüste geschickt und Rasputin zum Retter eines durch Wurmlöcher reisenden Jungen gemacht. Als der konzeptfreudige Prog-Metal-Vierer aus Atlanta nun also sein erstes Doppelalbum ankündigte, fragte man sich, in was für Dimensionen der ambitionierte Überbau diesmal vorstoßen könnte. Doch der tatsächliche Hintergrund ist ein anderer. Nick John, jahrelanger Manager und Vaterfigur für die Band, erlag 2018 seinem Bauchspeicheldrüsenkrebs. Schon "Emperor of sand" reflektierte trotz Fantasy-Filter die Unausweichlichkeit tödlicher Erkrankungen mit persönlichem Bezug, doch "Hushed and grim" wirkt noch intimer, nahbarer. Die Zeit ist nicht mehr nur der stoisch näherkommende Feind, sondern hilft womöglich auch bei der Trauerbewältigung. Wenn jedoch nicht einmal ein Song namens "Peace and tranquility" die Erlösung bringt, weiß man, dass dieses Unterfangen eine der schwierigsten Hürden des Menschseins darstellt.

So hängt ein bleierner Schleier der Verzweiflung über allen 15 Tracks, der sich trotz Stilvielfalt keinen Zentimeter zur Seite bewegt. Dass Mastodon musikalisch nicht mehr die gleiche Band wie zu Zeiten von "Leviathan" sind, sich von ihrer einstigen Brutalität weg und näher zum Pop hin entwickelten, muss man niemandem mehr erzählen. Wie wuchtig sie trotzdem noch sein können, beweist gleich der Opener "Pain with an anchor", wenn grabsteingraue Riffs auf Brann Dailors wie immer entfesseltes Getrommel und Klagegesänge treffen, ehe am Ende tonnenschwere Doom-Walzen über den Friedhof schleifen. Auch "The crux" galoppiert ungestüm nach vorne, untergräbt seine melodischen Strophen mit Schreien im sich selbst abholzenden Refrain und vertrackten Malm-Grooves. Wer die Midtempo-Bridge hier schon zu schlurfig findet, kann sich ja den komprimierteren Tiefenbohrungen der ersten Single "Pushing the tides" und des ähnlich brachialen "Savage lands" zuwenden.

Solche Breitseiten verteilt der Rest des Albums nicht, doch die Erschöpfung ist hier kein Kritikpunkt, sondern Schlüssel zum emotionalen Kern. Im Zentrum stehen mit dem halbakustischen "Skeleton of splendor" und "Teardrinker" zwei geschmackvoll-pathetische Alternative-Rock-Songs, die sich zu Denkmälern des Schmerzes über den Tod des verstorbenen Freundes formen. Der getragene Gestus von "Hushed and grim" bedeutet dabei freilich nicht, dass Mastodon in altersschwacher Schockstarre versteinern. Das atmosphärisch dichte "More than I could chew" schwebt mit körperloser Grazie davon, "Dagger" überrascht mit fernöstlicher Instrumentierung und "The beast" zieht nach einem Intro mit perlenden Saiten im Mittelteil das Tempo an, nur um am Ende wieder in der bluesigen Niedergeschlagenheit zu versacken. Solche Haken demonstrieren gemeinsam mit dem Wechselgesang von Dailor, Brent Hinds und Troy Sanders (plus einiger Gäste) sowie der inspirierten Gitarrenarbeit mit ihren zahlreichen Soli eine im Angesicht der Trauer nicht selbstverständliche Athletik.

Trotz der durchweg hohen Songqualität schafft es das von Bill Kelliher komplettierte Quartett jedoc nicht ganz, die Spannung über die gewaltige Laufzeit von fast eineinhalb Stunden konstant auf Top-Niveau zu halten. Spätestens das grandiose Schlusstrio entschädigt aber für jede Mini-Länge. Das fast neunminütige "Gobblers of dregs" wechselt in seiner zweiten Hälfte wiederholt die Szene, ohne einen der Parts je zu überhasten – wie ein Serienfinale, das jeden Story-Strang mit gebührendem Raum zu Ende führen will. Zwischen leisen Klaviertönen im Hintergrund fährt "Eyes of serpents" eine der schönsten Gesangsmelodien der Band überhaupt auf, welche die Unkenrufe gegenüber dem mittlerweile fast durchgehenden Einsatz cleaner Vocals vielleicht endlich verstummen lässt. Und dann ist da noch der Closer "Gigantium", der mit Shoegaze-Schlagseite und wahnsinnig intensivem Finish seinem Titel alle Ehre macht. Die Gitarren rauschen zu einer kathartischen Urgewalt zusammen, die nach 80 Minuten voller Trostlosigkeit umso befreiender wirkt und doch noch ein Luftloch in den Schleier schneidet. Manchmal kann die Zeit eben auch eine Verbündete sein.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Pain with an anchor
  • The crux
  • Pushing the tides
  • Eyes of serpents
  • Gigantium

Tracklist

  1. Pain with an anchor
  2. The crux
  3. Sickle and peace
  4. More than I could chew
  5. The beast
  6. Skeleton of splendor
  7. Teardrinker
  8. Pushing the tides
  9. Peace and tranquility
  10. Dagger
  11. Had it all
  12. Savage lands
  13. Gobblers of dregs
  14. Eyes of serpents
  15. Gigantium
Gesamtspielzeit: 86:27 min

Im Forum kommentieren

Affengitarre

2022-07-14 12:48:52- Newsbeitrag

fakeboy

2022-06-23 14:59:39

Letztlich ziemlich schlecht das Album, hab es in diesem Jahr kaum noch gehört. Das ist mir noch mit keinem Mastodon-Album passiert. Es ist einfach überladen. Langfristig wohl höchstens eine 6/10.

Mr Oh so

2022-03-20 23:37:46

Starker Song

hos

2022-03-20 22:50:44

iih.

Affengitarre

2022-03-20 12:09:52- Newsbeitrag

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