We Are Scientists - Huffy

Grönland / Rough Trade
VÖ: 08.10.2021
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Kleben in Frieden

Kommt ein Pferd in eine Kneipe, in der We Are Scientists läuft. Fragt der Barkeeper: "Warum das lange Gesicht?" Alter Witz, aber berechtigte Frage. Denn wer bei den Songs von Keith Murray und Chris Cain Flunsch zieht, hat das mit dem Humor offenbar nicht verstanden. Der ist seit dem Debüt "Of love and squalor" nämlich omnipräsent bei den New Yorkern – und dass auch die eine oder andere Platte dabei war, die man besser zu Käsefondue eingeschmolzen hätte, lässt sich verknusen. We Are Scientists' Indie-Pop zwischen Quietschen, Jubilieren und Schreddern ist genauso sympathisch wie katastrophenresistent, und selbst wenn Murray in der ersten Single "Contact high" aufrichtig von den Hochgefühlen des Verliebtseins schwärmt und bei "Handshake agreement" Kritisches über Soziale Medien spricht, fällt das zunächst vor lauter aufgerissenen Gitarren und Tanz-Beats im Franz-Ferdinand-Sinne gar nicht auf. Keine Glanzstücke zwar, aber gut genug, um das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht zu bekommen.

"Huffy", also grantig oder eingeschnappt ist auf Murrays und Chains siebtem Studioalbum folglich nichts – auch wenn es im eröffnenden kleinen Ätz-Polterer kurz "You've lost your shit" heißt. Und nach dem zweifellos launigen Auftakt legen sich We Are Scientists erst richtig ins Zeug. Zum Beispiel im großartigen "I cut my own hair", das mit spitzem Riff und munter kickendem Basslauf das Erbe von Bloc Party, Moving Units und anderen abtrünnigen oder vergessenen Protagonisten der Class Of 2005 stilvoll verwaltet. Dass das Duo im todkranken Video beknackterweise drei Minuten lang genau das macht, was der Text aussagt, gehört mit zum Paket – egal, ob Lockdown-Nachwirkung oder einfach nur nett hirnverbrannte Idee. Schon sinniger: "Just education", das den wuchtigen Groove eine ganze Ecke tiefer legt, die Leads zwirbelt wie die Band einst ihre Schnurrbärte und eine hymnische Gesangsmelodie auffährt, für die sich auch die Beatles oder zumindest Electric Light Orchestra nicht schämen müssten. Jetzt aber: Glanzstücke!

Da kommt auch "Sentimental education" trotz kuscheligem Refrain nicht ganz mit, während man sich fragt, ob die beiden den Songtitel nicht bloß aus der Verfilmung eines Flaubert-Schinkens im "TV en français" geklaut haben. Sie werden schlau genug sein, es niemandem auf die Nase zu binden – und befassen sich gegen Ende fröhlich mit dem eigenen Ableben. "Pandemonium" mahnt dazu, seine letzten Worte mit Bedacht zu wählen, da man nie weiß, in welchen Schulbüchern sie einmal auftauchen werden, "Bought myself a grave" sucht sich bereits die finale Ruhestätte aus. Was man morbide finden könnte, würde das Stück nicht unvermittelt von akustischem Hillbilly in einen elektrischen Space-Rocker mit Vocoder-Gejaule umschlagen. Nicht ganz so grandios wie Kirin J Callinans "Big enough", aber vom gleichen Geist beseelt. Und eine prima Begleitmusik, um das Cover mit den beiliegenden Stickern vollzukleben. Okay: Die Idee hatten Ikara Colt schon 2002. Aber We Are Scientists sind ja gerne mal etwas später dran.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • I cut my own hair
  • Just education
  • Bought myself a grave

Tracklist

  1. You've lost your shit
  2. Contact high
  3. Handshake agreement
  4. I cut my own hair
  5. Just education
  6. Sentimental education
  7. Fault lines
  8. Pandemonium
  9. Bought myself a grave
  10. Behavior unbecoming
Gesamtspielzeit: 34:01 min

Im Forum kommentieren

didz

2021-10-09 20:57:15

grade "second acts" is richtig gut, hätte auch sehr gut aufs zweite oder dritte album gepasst.
vllt sogar einer ihrer besten songs ausserhalb der ersten 3 alben.

didz

2021-10-09 20:50:16

ja stimmt, "second acts" und "slow death" waren besser als das meiste auf dem album.
so richtig stark fand ich da nur "your light has changed" und "no wait at five leaves". und vllt den opener noch.
beim neuen merkt man wieder die spielfreude, die bei megaplex irgendwie gefehlt hat.

jo

2021-10-09 07:46:03

Ja, "Megaplex" hatte für mich vor allem in der erweiterten Version noch mal klar dazugewonnen.

Stimme didz sonst komplett zu, auch, was die beiden "Lowlights" angeht.

didz

2021-10-08 23:21:55

album macht wie erwartet spass, nur mit "baught myself a grave" und weiterhin "cut my own hair" werd ich ned so richtig warm.
"just education" und "contact high" für mich die highlights, der rest is gewohnt sehr gute we are scientists-kost.
is bei mir auf einer stufe mit helter seltzer und tv en francais, megaplex fand ich tatsächlich nur ok.

jo

2021-10-08 16:18:45

Für diese Art Musik gibt es doch gar keinen Zeitgeist, Hoschi :). Also ruhig trauen und nachhören - oder noch besser: die Videos zu den Singles seit damals schauen! Große Empfehlung bei der Band.

Jedenfalls wieder ein feines Album geworden. Würde es jetzt auf Anhieb auch erst mal über "Megaplex" ansetzen. Aber auch das Album war keineswegs schlecht...

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