Manic Street Preachers - The ultra vivid lament

Columbia / Sony
VÖ: 03.09.2021
Unsere Bewertung: 4/10
4/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

This is the Kitsch

Man braucht ja nur Ideen. Und warum sollte "The Clash plays ABBA" nicht eine sein? Als Manic Street Preachers 2018 "Resistance is futile" veröffentlichten, beklagte man allerseits, das Album habe im Gegensatz zu gelungenen Spätwerken wie "Futurology" keine besonderen Merkmale, keine Richtung. Ihrem 14. Album "The ultra vivid lament" fehlt es derweil an vielem, aber sicher nicht an einer Richtung. "The Clash plays ABBA" also. Ein auf dem Papier nicht mal uninteressantes Szenario, waren die britischen Punks doch stets mit drei Ohren für verschiedene Stile offen, und dass die Schweden ein oder mehrere Händchen für vergoldeten Pop hatten, ist allgemein bekannt. Letztere finden sich im Geiste auf "The ultra vivid lament" neben den simplen, teils wirklich im Gedächtnis haftenden Melodien vor allem in den plinkernden Klaviertönen wieder. An den Tasten, die die Welt bedeuten, schrieb Bandkopf Nicky Wire nämlich den Großteil der elf Songs. Hätte er sich besser auf Altbewährtes besinnen sollen?

Denn wie eine Treppe ins Bodenlose steigt man auf den ersten vier Songs hinab, jeder hat ein bisschen weniger Licht zu bieten als der Vorgänger. Der Opener "Still snowing in Sapporo" macht sich auf sechs Minuten noch wunderbar episch breit, auch wenn die pappige Produktion und die auf Hochglanz polierten Synths ein leichtes Grummeln im Magen verursachen. Das erwähnte Klavier steht auf der Single "Orwellian" im Vordergrund, das erste Warnzeichen in Richtung überbordendem Kitsch. Dennoch ist der Refrain im Sinne klassischer Manics-Hits und zieht das Stück deutlich nach oben. Quasi umgekehrt läuft es bei "The secret he had missed": James Dean Bradfield und Gastsängerin Julia Cumming pushen sich bis zum einem spannungsgeladenen Pre-Chorus – der in einen absolut nichtssagenden, öden Refrain mündet. "Boredom your biggest enemy", mahnt Cumming noch, aber jene Langeweile übernimmt danach auf "Quest for ancient colour" vollends das Ruder. Es gibt dazu absolut nichts zu berichten. Die vorherrschende Egalheit ist vielmehr schon fast wieder bemerkenswert.

Von hier an sind Lichtblicke rar. Das ruhige, verhallte "Diapause" schafft noch ein wenig Atmosphäre. Der energische Refrain von "Don't let the light divide us" lässt immerhin den peinlichen Anfang und die nichtssagenden Lyrics fast vergessen. Mark Lanegan beweist derweil, dass seine markante Stimme auch einer lauen Komposition wie "Blank diary entry" Gravitas verleihen kann, die Bradfield als Kontrast in seinen Parts leider völlig abgeht. Immerhin ist das Gitarrensolo im Outro einer der besten Momente der Platte. "I am happy / I am bored and I'm alone", heißt es wenig später noch mal, letzteren Punkten möchte man sich für Links-rein-rechts-raus-Nummern wie "Complicated illusions" oder "Into the waves of love" direkt anschließen. Und weil "The ultra vivid lament" mit seinem stärksten Song beginnt, endet es mit seinem schlimmsten. Bradfield frohlockt förmlich, wenn er in "Afterending" zu jubilierender Schunkel-Seife "Sail into the abyss with me" singt und am Schluss macht der unsägliche "Lalala"-Singalong den Deckel drauf. Das hat mit The Clash nichts zu tun und ABBA haben die Manic Street Preachers entweder unterschätzt oder missverstanden oder beides. "A slow painful goodbye to glory" – das ist zu befürchten, wenn sich die Waliser nach dieser müden und fehlgeleiteten Vorstellung nicht dringend berappeln.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Still snowing in Sapporo
  • Diapause

Tracklist

  1. Still snowing in Sapporo
  2. Orwellian
  3. The secret he had missed (feat. Julia Cumming)
  4. Quest for ancient colour
  5. Don't let the night divide us
  6. Diapause
  7. Complicated illusions
  8. Into the waves of love
  9. Blank diary entry (feat. Mark Lanegan)
  10. Happy bored alone
  11. Afterending
Gesamtspielzeit: 44:41 min

Im Forum kommentieren

The MACHINA of God

2022-01-06 15:58:03

Der Refrain mit James Gesang, das ist für mich locker TIMTTMY-Niveau. So herrlich mitreißend-melancholisch.

Seh ich genauso.

musie

2022-01-06 15:34:05

Ja, da schau her! Der nörtz und ich gleicher Meinung, das gabs auch noch nie...

nörtz

2022-01-06 15:30:51

Tatsächlich konnte ich für mich jetzt folgende Highlights ausmachen:

Still Snowing In Sapporo
Orwellian
Diapause

Sapporo finde ich sogar sehr grandios. Der Refrain mit James Gesang, das ist für mich locker TIMTTMY-Niveau. So herrlich mitreißend-melancholisch. Genau das, wofür man sie liebt. :D

kingsuede

2021-12-30 14:36:50

Bei mir etwa einen halben Punkt besser, aber grundsätzlich selbe Stoßrichtung. Ich warte da leider auch keine Großtaten mehr.

The MACHINA of God

2021-12-30 14:24:58

Jahresendbetrachtung

Ich mag es zumindest mehr als den Vorgänger, weil mit Opener und Closer immerhin zwei richtig tolle Songs drauf sind (bis auf das "lalala"). "Diapause" ist auch noch angenehm und komischerweise mag ich inzwischen "Complicated illusions". Ansonsten ist das Album aber eine sehr mediokere Angelegenheit. Da ist mal ein netter Refrain oder sowas, aber irgendwie sülzt das echt teilweise unangenehm vor sich hin. Dafür ist aber acuh sehr die schlimme Produktion verantwortlich. Was für ein höhenlastiger, flacher Haufen Mist. Der ZDF-Fernsehgarten drückt da auf jeden Fall mehr. Dadurch klingt das halt echt einfach nur billig und eben nicht nach ABBA. Nun ja. Irgendwas um die 6,3/10

Highlights:
Still Snowing In Sapporro, Diapause, Afterending (ja, wirklich, ich mag den richtig sehr)

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