Deafheaven - Infinite granite

Sargent House / Cargo
VÖ: 20.08.2021
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Atmosphärische Störungen

Die Zeichen waren da. Und sie wurden wahrgenommen. Mit jeder weiteren Single-Veröffentlichung wuchs die Ahnung, dass da eine einschneidende Änderung bevorstehen würde. Das Plattentests.de-Forum wusste natürlich schon vorab um die pophistorische Einordnung und den adäquaten Vergleich zur Sanftwerdung anderer: "Mal sehen, ob das nun deren 'Shelter' wird." Der Vergleich ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Auf Studioalbum Nummer fünf haben Deafheaven so gut wie alles abgeräumt, was die Band zumindest musikalisch über die Jahre hinweg mit Black Metal verband. Haben sich frei gemacht, könnte man hoffnungsfroh sagen. Oder die Frage stellen: Was ist eigentlich Hipster Black Metal ohne Black Metal? Das klingt bösartiger, als es gemeint ist, aber tatsächlich hat die Formation um Sänger George Clarke und Gitarrist Kerry McCoy nie zuvorderst Musik für Szene-Menschen gemacht, sondern für solche, bei denen im Plattenregal neben "Sunbather" eher die letzten Alben von Touché Amoré oder Mogwai als Darkthrones "Panzerfaust" stehen. Für die wiederum war gerade das Spiel mit dem Extremen und das daraus gewonnene ästhetische Potential aber das Spannende, weil Unbekannte. Das, was Bands wie Liturgy, Woods Of Desolation oder eben Deafheaven abhob vom zunehmend faden Indie-Irgendwas-Einerlei.

Die "Reanimation des Black Metal aus dem Geiste des Postpunk", von der in der Rezension zum 2013er-Meisterwerk so treffend die Rede war, scheint nun fürs Erste ad acta gelegt. Und doch erfinden sich die Kalifornier mit "Infinite granite" nicht von Grund auf neu – auch wenn dem ersten Eindruck nach Welten zwischen dem jüngsten Werk und dem mit Lob überhäuften Live-im-Studio-Best-of "10 years gone" liegen. Abgesehen von den Synthesizern, die zwar eine gewisse Rolle spielen, aber bei weitem nicht dominieren, war so ziemlich alles in früheren Stadien der Bandgeschichte schon mal da gewesen. Selbst Clarkes klarer Gesang hatte auf "Ordinary corrupt human love" mit "Near" eine bemerkenswerte, weil bemerkenswert gelungene Blaupause. Entscheidend ist, wie sich die einzelnen Bestandteile neu zusammenfügen. Und welche Effekte das auf Albumlänge zeitigt. Fühlte sich der Vorgänger zwischen den Stühlen vielleicht ein wenig zu behaglich und reizte die konzeptionelle Offenheit und musikalische Vielseitigkeit so weit aus, dass die einzelnen Teile größer als das Ganze gerieten, geht "Infinite granite" den umgekehrten Weg.

Und weil Deafheaven auch abseits der Musik nichts dem Zufall überlassen, inszeniert die Band diesen Ansatz auch visuell: Wo sich zuletzt noch zaghafte Buntheit vor einer schwarz-grauen Fotografie behauptete, ist das aktuelle Artwork schlicht zweifarbig, ohne Bandnamen oder Albumtitel, maximal abstrakt. Eine blaue Ellipse vor schwarzem Hintergrund, so körnig, dass die beiden Flächen nicht nur an den Rändern ineinander übergehen. Seine musikalische Entsprechung findet dieses Bild in einem schwelgerischen Amalgam aus Postrock und Shoegaze, das im Wesentlichen zwei Intensitätszustände kennt – träumerisch-schwebend und heavy-expressiv. Reduktion lautet die Maßgabe auch sonst: Die neun Songs sind einander durchweg ähnlich, gleichen sich vielfach im Sound wie im Aufbau. Was in seiner Homogenität zunächst unspektakulär und auch ein bisschen öde erscheinen mag, ist bewusst so gesetzt. Nach und nach erzeugt das stetige Mäandern eine flirrende, kaum fassbare Atmosphäre. Clarks meist distanziert-kühler Gesang und seine assoziativ-entrückten Texte tun dazu das Übrige. Ohne Zweifel klingen Deafheaven alles in allem positiver und gelöster als auf ihren vorherigen Alben, doch die neugefundene Harmonie scheint brüchig, als würden darunter immer noch die alten Abgründe lauern.

"Infinite granite" ist wie ein Tagtraum an einem schwülen, unentschlossenen Sommertag, wenn sich am Horizont die ersten dunklen Gewitterwolken abzeichnen. Erste Vorboten von dem, was da heraufziehen mag, offenbaren sich in "Great mass of color", wenn ganz am Ende unter dem Gesang das altbekannte Kreischen zu vernehmen ist. Besonders in der zweiten Hälfte des Albums, nach dem instrumentalen Interlude "Neptune raining diamonds" häufen sich diese Momente, wenngleich sie immer in der Andeutung verharren. Auch "Villain" und "Other language" unterlegen das abschließende Aufbäumen mit mehr oder minder in den Hintergrund gemischten Growls. Und in "Lament for wasps" darf Schlagzeuger Daniel Tracy, dessen präzises und druckvolles Spiel viel zu selten gelobt wird, sogar für ein paar Takte wieder Blastbeats einbauen. Der Zustand anhaltender Spannung, in welchem sich zwischen und hinter das Neue immer wieder Fragmente des Alten schieben, wird erst auf der Zielgeraden aufgelöst. "Mombasa" beginnt mit sanftem Dreampop, so schleppend und zurückhaltend wie kein anderer Song auf "Infinite granite", wird zunehmend opulenter, nur um dann mit einem Mal und wie aus dem Nichts heraus zu kippen. Das Wüten und das Rasen sind plötzlich wieder da, nicht als leises Echo oder verblasste Erinnerung an vergangene, ferne Zeiten, sondern ganz realiter. Ein Schluss, der kein Schluss ist. Weil er gleichsam zurückführt wie nach vorn weist.

(Markus Huber)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • 
Shellstar
  • Lament for wasps
  • Villain
  • Mombasa

Tracklist

  1. Shellstar
  2. In blur
  3. Great mass of color
  4. Neptune raining diamonds
  5. Lament for wasps
  6. Villain
  7. The gnashing
  8. Other language
  9. Mombasa
Gesamtspielzeit: 53:36 min

Im Forum kommentieren

Gomes21

2022-04-24 00:52:57

Liebe das Album weiterhin, einfach zum Versacken…

Dumbsick

2022-04-23 17:16:19

Church road hat Allgemein im Moment viele richtig gute bands

SammyJankis

2022-04-23 13:02:38

Mit Slow Crush auch nen astreiner Support

Dumbsick

2022-04-21 10:13:41

@gomes Darüber habe ich mich auch sehr gefreut

Gomes21

2022-04-21 08:19:33

Nein wie geil! Junkyard!

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