Anika - Change

Invada / PIAS / Rough Trade
VÖ: 23.07.2021
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Die Zurückgekehrte

So ein zweites Studioalbum gerät ja gerne auch mal zu einer etwas hektischen Angelegenheit. Man braucht nicht gerade tief in der Musikhistorie zu wühlen, um den einen oder anderen Schnellschuss auszumachen – in Windeseile muss halt eben fix was Neues her, um die Menge bei Laune zu halten. Dass es aber auch in eine ganz andere Richtung verlaufen kann, zeigt die Wahlberlinerin Anika mit ihrer zweiten LP "Change", die – ja, wirklich – satte elf Jahre nach ihrem selbstbetitelten Debüt "Anika" das Licht der Welt erblickt. Nun ist es beileibe nicht so, dass die Songwriterin sich in der dazwischenliegenden Dekade gelangweilt hätte: Zwischendurch gab's neben einer eigenen EP und einigen Produktionscredits auch noch ganze zwei Studioplatten gemeinsam mit ihrer Band Exploded View. Und dennoch: Fans des Debüts haben eine elendig lange Durststrecke hinter sich – und dürften entzückt sein, den insgesamt neun in Berlin entstandenen und in Mexiko vollendeten Stücken zu lauschen.

Denn die gebürtige Britin definiert zwar den Kern ihrer Songs auf "Change" insgesamt in einem etwas helleren, wärmeren Gewand als noch auf ihrem Debüt, setzt aber weiterhin auf als kryptische, teilweise bratzige Momentaufnahmen präsentierte Lyrics und detailreiche Instrumentierung. Im düsteren "Critical" erbaut Anika einen Einblick in tiefe menschliche Abgründe und dem morbiden Drang nach süßer Rache. "I always give my man the last word / I always give him what he deserves / But don't forget that little twist of cyanide in his little gift." Reichlich makaber, aber in Kombination mit der äußerst atmosphärischen und liebevollen Instrumentierung eben auch nachhaltig einnehmend – wenn sich zur Songmitte eine wummernde Wand aus Drums und verzerrten Bassläufen ihren Weg bahnt, ist das große Kunst im verstörenden Gewand. Auf ähnlich faszinierende Art verschroben geht es auch im Opener "Finger pies" zu, der sich nach einem mystisch anmutenden Intro mit Spoken-Word-Einsätzen zu einer intensiven Momentaufnahme zwischenmenschlicher Enttäuschungen entwickelt. "Some may say that you are only interested in one thing / And that's to get your own way", wird hier auf über vier Minuten immer wieder skandiert – ein Stilmittel, das sich im Albumverlauf zu einem zentralen Element herauskristallisiert.

Und eines, das auf "Change" leider auch stellenweise dafür sorgt, dass hier und da ein paar Längen wahrzunehmen sind. So glänzt "Never coming back" zwar mit toller Produktion und vielen liebevoll eingestreuten Sounddetails im Hintergrund, legt aber zu wenig Substanz und Struktur im Songwriting an den Tag, um aus vielen Einzelteilen ein homogenes Ganzes zu machen. Auch "Freedom" beginnt stark und erweckt mit seinen Industrial-Anleihen und distanziert klingenden Chören eine faszinierende Cyberpunk-Atmosphäre, nur um im Anschluss ohne ausgeprägten Spannungsbogen etwas ins Straucheln zu geraten. Ein Schicksal, welches auch das latent wirre "Rights" ereilt. Nun sind dies beileibe keine durchweg schwachen Songs, dafür legt die ehemalige Polit-Journalistin zu viel kompositorisches Geschick an den Tag. Es bleibt jedoch zu häufig bei skizzenhaften Songstrukturen. Immerhin entlässt Anika ihre Hörerinnen und Hörer mit dem schönen, akustisch angehauchten Abschlusstrack "Wait for something" mit einem positiven Gefühl hinaus ins Hier und Jetzt. Nach vielen düsteren Momenten herrscht dort eine etwas luftigere Stimmung, die Produktion ist herrlich organisch, und auch die Bandkollegen dürfen im hymnischen Break zur Songmitte noch einmal auftrumpfen. Ein mehr als gelungener Abschied, der – wie vieles auf "Change" – berührt und bewegt. Und einer, der mit seinem Nachhall auch eine lange Wartezeit auf Album Nummer Drei gut überbrücken kann.

(Hendrik Müller)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Finger pies
  • Critical
  • Wait for something

Tracklist

  1. Finger pies
  2. Critical
  3. Change
  4. Naysayer
  5. Sand witches
  6. Never coming back
  7. Rights
  8. Freedom
  9. Wait for something
Gesamtspielzeit: 36:31 min

Im Forum kommentieren

myx

2021-09-04 18:32:10

Waren schon ein paar gute Acts dabei, aber Anika ist die erste Band, die mich so richtig hingerissen hat. Kannte bislang nur ein paar Songs.

myx

2021-09-04 12:52:26

Ich bin schon gespannt, sie spielt heute Nachmittag beim Maifeld Derby.

Deaf

2021-09-04 12:28:11

Ich kannte sie vorher nicht, aber ich denke, diese schüchterne und kühle Art entspricht einfach ihrem naturell, auch dieses leise, unverständliche Gesäusel zwischen den Songs. Muskalisch fand ich es ganz nett eigentlich. Werde mich sicher bald mit dem neuen Album beschäftigen.

fakeboy

2021-09-04 01:06:55

Grad live gesehen. Eher zwiespältiges Vergnügen. Es hat den Anschein gemacht, als wär sie lieber nicht auf einer Bühne. Warum ist sie dann auf einer Bühne?

AliBlaBla

2021-08-08 13:50:31

@Randwer
Danke!

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