Chet Faker - Hotel surrender

BMG / Warner
VÖ: 16.07.2021
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Caught in the Eck

"Music does something." Die ersten Worte auf "Hotel surrender" sind weniger Programm und mehr nüchterne Feststellung. Mit so viel Leichtigkeit wie noch nie sei Nick Murphy dieses Mal ins Studio gegangen, weil er die wundersame Heilkraft der Musik inzwischen widerstandslos akzeptiert und sich aller Erwartungen frei von ihr leiten lässt. Sogar mit seinem eigentlich verworfenen Alias Chet Faker konnte er sich im Zuge dieser neuen Ausgeglichenheit wieder anfreunden. Die Zerrissenheit dieses Künstlernamen-Hickhacks spiegelt sich dementsprechend weiterhin nicht reizvoll in der Musik. Anfang der 2010er-Jahre klang dieser Electro-Soul im Fahrwasser von James Blake und Co. noch wie die Zukunft – jetzt bestimmen PC Music und verjazzt-verproggte Post-Punk-Wunderkinder den Indie-Mainstream und Murphys Sound hat einen so dichten Bart wie er selbst. Der Australier lässt sich davon aber nicht beirren und macht damit zumindest zu Beginn alles richtig. Tatsächlich befreit wirkt seine Stimme im Opener "Oh me oh my", grummelt sich durch ein arschcooles Spoken-Word-Intro und gewinnt bis zum mehrstimmigen Refrain immer mehr an Selbstbewusstsein. Mit cineastischen Streichern und schwerem Beat stellt auch der eigentliche Song einen so inspirierten Restart dar, wie man ihn nach dem eher lahmen "Run fast sleep naked" nicht unbedingt erwartet hätte.

Leider kann das Album im Gesamten dieses Niveau jedoch nicht halten. Die größtenteils digitalen Arrangements um Drum-Computer, Synthie-Orchester, geschmeidige Bässe und ein paar Hintergrund-Spielereien variieren zu wenig, um die zuweilen fehlende Griffigkeit der Songs zu kompensieren. Die Singles sind größtenteils nicht wirklich schlecht: "Low" treibt gut nach vorne, der Schmachter "Whatever tomorrow" funktioniert als Halbballade mit schwebender Orgel durchaus und in den Falsett-Purzlern von "Feel good" reicht das Grinsen ihres Urhebers über das gesamte Outback. Um nachhaltig zu begeistern, fehlt es ihnen aber an Charakter. Murphys Meisterwerk "Built on glass" bezog seine Klasse aus dem Spannungsfeld von Wellness und Experiment. Es war eine Platte voller warmer, unaufdringlicher Ohrenschmeichler, die sich in der zweiten Hälfte allerdings auch für Pop-untypische Tracklängen und vorwärtsdenkende Strukturen öffnete. Inzwischen hat sich der 33-Jährige offenbar vollends für die Easy-Listening-Seite seines Schaffens entschieden und es sich in dieser Kuschelecke angenehmer Beliebigkeit ein bisschen zu bequem gemacht.

Nach dem Opener am besten gelingt "I must be stupid", ein sich gravitätisch emporhebendes Klavier-Stück, das nicht einmal im finalen Gitarrensolo übers Ziel hinausschießt. Freilich lassen noch ein paar andere Momente ähnlich aufhorchen: das ansonsten sträflich unterrepräsentierte Saxofon etwa, das in "It's not you" und "So long so lonely" wieder stärker ins Rampenlicht rückt. Es sollte auch kein Zweifel daran bestehen, dass im "Hotel surrender" noch immer überdurchschnittlich gute Popsongs verkehren, die abgesehen vom leicht nervigen "Get high" nie um mehr Aufmerksamkeit buhlen, als ihnen zusteht. Trotzdem ist es schade, dass man trotz Rückkehr zum alten Moniker wenig vom Kreativgeist und der Innovationslust eines Chet Bakers spürt, dessen Namensabwandlung dadurch fast mehr zur Persiflage als Hommage wird. Vielleicht sollte sich Murphy zukünftig Inspiration von Außen holen, sich mehr für Kollaborationen öffnen, wie es etwa eingangs erwähnter Kollege Blake erfolgreich auf "Assume form" getan hat. Doch man gönnt es ihm natürlich auch, mit sich im Fluss zu sein und auf solches Kritikergeschwätz erst einmal zu scheißen. Die Musik wird ihn sicher auch wieder in andere Richtungen treiben.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Oh me oh my
  • I must be stupid

Tracklist

  1. Oh me oh my
  2. Low
  3. Get high
  4. Whatever tomorrow
  5. It's not you
  6. Peace of mind
  7. Feel good
  8. I must be stupid
  9. So long so lonely
  10. In too far
Gesamtspielzeit: 43:41 min

Im Forum kommentieren

AliBlaBla

2021-07-17 14:46:43

Also, ich bin gern zu Gast im "HOTEL SURRENDER"; auch wenn es nich aus Glas gebaut is ;) -nach dem 'Nick Murphy'-Ausflug gut wieder heim gekehrt...

Oh me oh my 10/10
Low 8/10
Get high 8/10
Whatever tomorrow 10/10
It's not you 8/10
Peace of mind 8/10
Feel good 9/10
I must be stupid 10/10
So long so lovely 8/10
In too far 9/10

Destination vielleicht nicht HOTEL CALIFORNIA, aber für ein bisserl Eskapismus reicht es allemal...feeling a strong 8 for this one..

Mann 50 Wampe

2021-07-15 21:41:20

Wäre als Künstler sofort in aller Munde mit dem Namen :)

kingbritt

2021-07-15 19:59:06


. . . ha ha. Stimmt "Mann 50 Wampe" wäre wohl ein besserer Band/Künstler Name.

Gomes21

2021-07-15 19:51:24

Leitest du von deinem usernamen ab?

Mann 50 Wampe

2021-07-15 18:27:07

Naja ich kenne den nicht, aber wenn die Musik genauso strunzdumm wie sein Name ist, dann mal Mahlzeit.

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