Amenra - De doorn

Relapse / Membran
VÖ: 25.06.2021
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Stachel im Fleisch

Auf der Bühne sind Extreme und Gegensätze der Markenkern von Amenra. Durch komplett unterschiedliche Showkonzepte etwa: brachiale Doom-Metal-Sets einerseits, die wohl die intensivsten ihrer Zunft sind, (semi-)akustische Auftritte andererseits, die ebenjenes Intensive auf eine ganz andere Art definieren und in denen auch schon mal Portisheads "Roads" seinen Platz findet. Zerstörung versus Zerbrechlichkeit. Dazu die – bisweilen körperlichen – Extreme. Für wahrliches Gruseln sorgte die Release-Show zu "Mass VI" unter den Anwesenden. Hinzu kamen Sonderkonzepte, etwa in Diksmuide, um dem Ersten Weltkrieg zu gedenken, aber auch intime Auftritte in alten Kirchen. Und dann war da noch dieses eine besondere Event am 20.10.2019 zum 20-jährigen Bandbestehen: "Fire ritual".

Ebenjene Show bestand aus dem Anzünden und Verbrennen kleinerer sowie eines sechs Meter hohen Feuers, was aufgrund der Tatsache, dass auch christliche Symbole in Flammen aufgingen, für einen Skandal sorgte. Zu diesem Anlass schrieben Amenra einige neue Songs, die nun als "De doorn" erscheinen. Eigens hierfür verlassen die Belgier ihren sonst üblichen "Mass"- Zyklus. "De doorn" ist nun nicht nur das erste Werk mit komplett flämischen Texten, sondern bringt auch andere neue Elemente mit ein. Am ehesten wahrnehmbar ist dabei das Mitwirken von Caro Tanghe, ihres Zeichens Frontfrau der Blackgaze-Landsleute Oathbreaker, die eine ganz neue, eigene Note addiert und Amenra noch mal auf ein neues Level hebt.

Schon während "Mass V" und "Mass VI" hielten klarere Passagen in Colin H. van Eeckhouts vormals durchweg dominanten Schreigesang Einzug, deren Höhepunkt sich bislang in "A solitary reign" fand. "De doorn" verbindet nun endgültig die beiden schon live gezeigten Gesichter seiner stimmlichen Fähigkeiten. War das Keifen seit jeher für viele der Knackpunkt bei Amenra, so ist seine helle, cleane Gesangsstimme, umso angenehmer. Auf "De doorn" überwiegt nahezu Letztere, wobei hier allerdings Tanghe die härteren Parts auf gewohntem Niveau übernimmt.

Die Atmosphäre, die ab der ersten Sekunde herrscht, ist schier atemberaubend. Das düstere Grollen der ersten vier Minuten des Openers "Ogentroost" kündet schon von dem Unheil, welches wenig später nach van Eeckhouts ersten Worten hineinbricht. Dieser Zehnminüter bringt noch den klassischen Amenra-Sound aufs Parkett, sprich nach erstem Ausbruch ein schwer schleppendes, abwartendes Riffing, ehe es erneut in einer wüsten Eruption gipfelt. Dazu steuert Tanghe cleanen Background-Gesang bei, während es neben ihr keift. Die nächsten fünf Minuten gehören "De dood in bloei" – im Grunde ein langgezogenes Ambient-Intro für "De evenmens".

Hier übernimmt Tanghe ab der ersten Sekunde zu vorwärtswalzenden Doom-Riffs lautstark das Ruder, während ihr Gegenpart den Song zunächst per Spoken-Word-Lyrics trägt und später nahezu sakral singt. Etwas schnörkeliger schleicht sich zunächst "Het gloren" an. Ein einsames, zielloses Gitarrenriff wandert knapp zwei Minuten vor sich hin, ehe van Eeckhout sich fast aus dem Off die Seele aus dem Leib schreit. Nach sechs Minuten scheint der Spuk vorbei. Abrupter Schluss, wenige, ruhige Worte zum Ende, welches aber keines ist. Die folgende Eskalation begeht das Duo gemeinsam – brachial, wütend, alles niederreißend. Die früheren Amenra waren sicherlich härter im Sound als all das, was hier geschieht, nicht jedoch von solcher Katharsis geprägt. Weniger blinde Wut, mehr Verzweiflung.

Den letzten Part nimmt "Voor immer" ein, wobei musikalisch lange, lange für die Verhältnisse der Band wenig passiert. Die wenigen Töne sind kaum hörbar, zentral ist hier lediglich die Flüsterstimme, mit der van Eeckhout die nahezu gedichtförmigen Lyrics vorträgt. Der Song verharrt in einer seltsamen Atmosphäre. So ruhig, so nahegehend präsentierte sich bislang keine Studioaufnahme der Belgier. Galt die Spannung immer spürbar dem Motto "die Ruhe vor dem Sturm", ist in "Voor immer" keine Wolke, kein Lüftchen am Horizont zu hören. Eine kleine, säuselnde Gesangsharmonie nach sieben oder acht Minuten, dann Stille. Trügerisch, denn aus dem Nichts bricht ein Inferno los. Nicht nur Stimmen überschlagen sich, der Sound wird gewollt unsauber, verwaschen, komplett übersteuert. Was eingangs mit ruhiger Stimme geschildert wurde, bricht nun emotional alle Dämme. Selbstaufgabe, Verderben und Leid über einen Verlust schlagen sich auf diesem Höllenritt auf der Suche nach Erlösung mit bitterer Konsequenz ein letztes Mal in einem mächtigen Ausbruch nieder, bevor es mit den sinnbildlich mit dem Albummotiv "was im Feuer verloren geht, findet sich in der Asche" endet.

(Klaus Porst)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ogentroost
  • Voor immer

Tracklist

  1. Ogentroost
  2. De dood in bloei
  3. De evenmens
  4. Het gloren
  5. Voor immer
Gesamtspielzeit: 47:29 min

Im Forum kommentieren

Euroboy

2022-01-22 10:41:17

Von der "De Doorn" gibt es jetzt eine Version 2.0: ein Alternate Mix der etwas noisiger, nicht ganz so clean ist wie die Ursprungsversion. Natürlich auch mit neuen Vinylfarben und dem ganzen Brimborium.

Ich bleib mal bei Version 1.0 ;)

dancingdays

2021-07-10 10:10:51

https://www.plattentests.de/rezi.php?show=15821

olly-hot

2021-07-05 00:26:23

Einfach nur Grandios. Erinnert mich sehr stark an Fall of Efrafa.

Marküs

2021-06-30 16:26:57

Das ist abermals ein ganz hervorragendes Album mit alptraumhafter Atmosphäre. Die Band gewinnt durch Caro auch an Dynamik hinzu, wirklich geil. Ob es sogar an den bockstarken Vorgänger heranreicht, werden wir noch sehen.

whitenoise

2021-06-29 17:39:50

Wirklich starkes Album. Kommt für mich jetzt vom Songwriting her nicht an die einschlägigen Genre-Klassiker von Neurosis, Isis oder The Ocean ran, aber die Atmosphäre ist schon sehr einzigartig.

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