Modest Mouse - The golden casket

Epic / Sony
VÖ: 25.06.2021
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

No band is an island

Ende der Neunziger waren Modest Mouse nicht nur künstlerisch auf der Höhe, sondern schwammen auch stilistisch auf der Indierock-Welle ganz oben mit. 2021 ist diese Art von Musik völlig aus dem Fokus gerückt. Als Band kann man sich dazu entscheiden, dennoch einfach unbeirrt das eigene Ding weiter durchzuziehen. Oder man passt sich dem Zeitgeist an. Die Band um Dauernörgler Isaac Brock entscheidet sich für Option drei: etwas Neues, völlig Weirdes auszuprobieren. In jedem Fall eine sympathischere Lösung, als wie im Fall von "Strangers to ourselves" eine 08/15-Modest-Mouse-Platte rauszuhauen, deren Halbwertszeit ernüchternd kurz war. Auch wenn jener Vorgänger den Untertitel "The golden casket vol. 1" trug, hat das nunmehr siebte Studioalbum trotz des referenzierenden Titels "The golden casket" damit nur noch wenig am Hut. Es brötelt auf seinem eigenen Weg und verwirrt zunächst mehr als genug.

Zum Beispiel durch die seltsame Produktion: Soll dieser wie eine schlechte MP3 klingende Matschsound Brocks ewiges Lispeln widerspiegeln? Wie schaffen es die Songs, trotz übermäßiger Lautheit schwachbrüstig zu klingen? Aufgenommen wurde "The golden casket" mit speziellen Mikrofonen im Studio, die eigentlich für die Erfassung tierischer Laute gedacht sind. Das kann man an dieser Stelle einfach mal so stehen lassen. Jedenfalls fehlt auf diese Weise einem sehr mitreißenden Part wie dem überhitzten Finale von "Walking and running" auf der Soundseite der entscheidende Punch. Andererseits passt die Abmischung zu diesem Album, das sich generell weird gibt und keinesfalls die einfache Ausfahrt nimmt – mit welcher sich immerhin die recht konventionelle erste Single "We are between" zufriedengibt. Die funktioniert in diesem Kontext durchaus als Anker und gewinnt an Profil hinzu.

Was ansonsten die drei Standalone-Singles aus dem Jahr 2019 erahnen ließen, die von strange, aber einnehmend ("Ice cream party") bis zu nervig und katastrophal ("I'm still here") reichten, bestätigt "The golden casket": Modest Mouse fordern wieder. Viele elektronische Elemente sitzen zunächst quer auf den Tracks. Man weiß selbst nicht, was man davon halten soll – ob das Gedüdel aus "The sun hasn't left" auf den Wecker geht oder das Ding erst zum Hit macht, ändert sich mit jedem Durchlauf. Im sanften "Lace your shoes" hat der ewig schlecht gelaunte Brock sogar ein unironisches Lied an seinen Nachwuchs geschrieben: "I can't wait to see you lace your shoes / Things were hazy but that all stopped with you." Und so konfus die Musik ist, so unumwunden sind oft die Lyrics. Die Bitterkeit, die Modest Mouse oft zu lyrischen Höchstleistungen anspornte, ist weitgehend weg.

Da kann Brock im Opener einen weggetretenen Freund noch so sehr angiften: "Fuck your acid trip / I need to get home." Textlich bleibt es dennoch meist basisch. Es schleichen sich sogar Plattheiten wie "My friend's house is full of very, very helpful nurses / Some days they have birthdays there and some days they have hearses" ein. Die Vernebelung auf "The golden casket" macht es letztlich zwar nicht besser als "Strangers to ourselves", aber immerhin ein ganzes Stück spannender. "The tiger isn't tame, but it's toothless just the same", bemerkt Brock noch unfreiwillig treffend im schleppenden "Wooden soldiers". Und schafft doch im Anschluss mit "Transmitting receiving" ein geglücktes Experiment, das mit mehr gesprochenen als gesungenen Vocals und einem kreisenden Arrangement hypnotische Qualitäten entwickelt. "Nothing in this world is gonna petrify me / We are repeating / We are transmitting / We are receiving." Okay!

Selbst die geradlinigeren Songs, wie das fast an Maximo Park erinnernde "Japanese trees", bekommen eine Schieflage durch diesen immer wieder aus der Bahn werfenden Klang. Wenn das finale Gewitter des beeindruckenden Closers "Back to the middle" vorbei ist, muss man in jedem Fall erst mal gut durchatmen und sammeln. Brocks prasselnde Poesie zum Stand der Welt, der neuen Kommunikationsweise und anderen komischen Dingen verarbeiten. Und dann doch Gefallen finden – an diesem alles andere als perfekten Werk. "The golden casket" wird keine neuen Fans gewinnen, es wird auch niemand dies als favorisiertes Modest-Mouse-Album angeben. Stattdessen spricht es seine eigene Sprache. Mal unverständlich, mal konfus. Doch so isoliert es sich anfangs gibt: Es wartet eine einladende Welt dahinter, zwischen den Stühlen. "These are the places we are lucky just to be between."

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • We are between
  • Walking and running
  • Back to the middle

Tracklist

  1. Fuck your acid trip
  2. We are between
  3. We're lucky
  4. Walking and running
  5. Wooden soldiers
  6. Transmitting receiving
  7. The sun hasn't left
  8. Lace your shoes
  9. Never fuck a spider on the fly
  10. Leave a light on
  11. Japanese trees
  12. Back to the middle
Gesamtspielzeit: 50:29 min

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Fiep

2022-02-11 01:40:13

Hab sogar vergessen dads das raus kahm...
ja, ne, ich glaub mit der band is gelaufen.

slowmo

2022-02-10 19:49:37

Höre mich gerade mal wieder seit langen durch alle MM Alben und bzgl. dessen hab ich mir jetzt auch mal die neue angehört.

Im Vergleich zu den anderen dann echt eine ziemliche Enttäuschung. Es ist ja schön, wenn man mal was neues versucht, aber hier hat man ja echt alles was MM ausmachten gestrichen und stattdessen klingt alles nach schrägen, wenig packenden Popspielereien.

Das Cover erinnert mich auch eher an einen Ben and Jerrys Becher.

Werde ich bislang leider so gar nicht mit warm.

Fiep

2021-06-29 19:40:06

habs auch nicht übel genommen, das "da wundert mich garnichts mehr" war auch eher "ok, unsere geschmäcker sind generell unterschiedlich".

Und ja, kürzer war in dem fall besser, StO hat definitiv ein paar brüche im flow (wegen zerfahrenheit), von der länge her tun sich die 2 alben aber nichts:
57:10 zu 50:22, wenn du the ground walks oder of corse we know cuten würdest wären die alben quasi gleich lang.

Und sonst...lampshades on fire, ansel, the ground walks (trumpft alles auf dem neuem), coyotes und the tortoise sind am letzten die highlights für mich, und am neuem kommt an die glaub ich nichts für mich ran. (dafür auch nichts unter die lowlights sugar boats, pistol, god is an indian)

Krissi12

2021-06-29 19:07:06

Hey nichts für Ungut, Musik ist ja bekanntlich eine der persönlichsten und subjektivsten Sachen die es gibt, daher freu ich mich über rege Diskussionen und ich freue mich dass jemand auch Freude an einem Song wie Ice Cream Party finden kann. :-)

Aber bei dem Vergleich zu Dramamine. Uff, da bin ich nun endgültig raus. Das geht nun wirklich zu weit :-p

Anyway, Golden Casket imo bis jetzt eine positive Überraschung, nach dem etwas zu zerfahrenen Strangers to Ourselves (zu viel Filler Material)
Highlights für mich: We're lucky, Wooden Soldiers, Lace your shoes, never fuck a spider und back to the middle.
Nur 12 Songs tun den Flow auch gut, besser als gestreckte 70 Minuten beim Vorgänger.



Fiep

2021-06-29 17:42:18

Ach ja: am ehesten erinnert mich Ice Cream party wohl an dramamine (2. hälfte) oder die Building nothing out of something ep samlung.

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