Watching Tides - We've been so close, yet so alone

This Charming Man / Cargo
VÖ: 28.05.2021
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Ein schweißgetränkter Tagtraum

Ein kleiner Club, die Bühne auf Schienbeinhöhe, diffuses Licht. Menschen fliegen von links nach rechts, schreien sich die Seele aus dem Leib. Ständig knallt einem ein Stagedive-Schuh in den Nacken, ein beherzter Griff und weiter geht's. Bier schwappt ins Gesicht, auf den Boden, man rutscht aus. Mindestens zehn Hände greifen sofort zu, Schulterklopfen von allen Seiten. Arm in Arm mit Fremden, vereint in euphorischem Gejohle. Wenn es eine Band schafft, mit ihrer Musik ein solches Kopfkino zu erzeugen, ohne dass man sie jemals live gesehen hat, dann macht sie verdammt viel richtig. Watching Tides ist diese Band und "We've been so close, yet so alone" ihr beachtliches Debütalbum.

Das Post-Hardcore-Trio aus Berlin kann die Prägung durch Szenegrößen wie Touché Amoré, La Dispute oder auch Balance And Composure nicht verhehlen, sie reiten gekonnt die Wave 2.0. Melancholie und Verzweiflung, die Wechsel aus bedächtigen Akkorden hin zu flirrenden Gitarren und polternden Drums – alles da. Die Goldgräber von visions.de hatten Watching Tides bereits 2018 in ihrer Kategorie "Vormerken!" gefeatured, drei Jahre später liegt nun der erste Longplayer vor. Gut Ding wollte also Weile haben, manchmal braucht es einfach das richtige Umfeld und Label. Das haben die Berliner mit This Charming Man gefunden, die ja bekanntlich schon bei den Genre-Kollegen Fjørt und The Tidal Sleep den richtigen Riecher hatten.

Bei den ersten Zeilen vom Titeltrack "We've been so close, yet so far" kommt sowas wie ein Achtziger-Vibe auf, dann packen das einsetzende Schlagzeug und die Gitarre aber direkt zu und ziehen einen mit, auf diesen wilden Emo-Post-Hardcore-Ritt. Der Gesang ist mal zurückhaltend und leise, mal impulsiv und laut. Die Gitarre und vor allem das Drumming sorgen dafür, dass es nie zu schwelgerisch oder gar weichgespült wird, immer wieder rüttelt einen die Snare ordentlich durch, wie zum Beispiel im großartigen "Tell me I’m fine". "Stranger Friend" thematisiert eine toxische Freundschaft, das Video liefert den passenden Kurzfilm zu dieser unguten Mischung aus totaler Zugewandtheit und echter Abneigung.

Sowieso dreht es sich um vieles, was zurückliegt und in der Rückschau einfach nicht leichter werden will: Etwa Liebesbeziehungen, das Nicht-Zusammenfinden und das Wieder-Auseinandergleiten. Der Titel "I will make it up to you" klingt zunächst so optimistisch, "I just don’t know how" beschreibt im nächsten Satz jedoch schon wieder dieses das elendige Dilemma. Beim abschließenden "Your silence says it all" liegt man sich dann wieder mit diesen Fremden in den Armen, ein krönender Abschluss. Jetzt nur noch zum Merch-Stand, das verschwitze Shirt tauschen, ein schneller Schnaps an der Bar und dann freudig-wankend Richtung heimisches Bett. Oder doch noch ein allerletztes Glas in der Spelunke am Eck? Watching Tides, kommt bitte schnell in meine Stadt. Es gibt hier auch kleine Clubs. Mit Bühnen auf Schienbeinhöhe.

(Andreas Rodach)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • We've been so close, yet so alone
  • Tell me I'm fine
  • The calm in this room
  • Your silence says it all

Tracklist

  1. We've been so close, yet so alone
  2. Nothing
  3. Tell me I'm fine
  4. Stranger friend
  5. Too heavy
  6. The calm in this room
  7. It will hurt whatever
  8. I will make it up to you
  9. Everything I felt for you
  10. Your silence says it all
Gesamtspielzeit: 30:50 min

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Armin

2021-06-09 21:23:17- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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