Superbloom - Pollen

Thirty Something
VÖ: 01.06.2021
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Non ex machina

Neulich haben die findigen Tüftler der "Lost Tapes of the 27 Club"-Kampagne mit der Hilfe einer künstlichen Intelligenz einen "neuen" Nirvana-Song geschrieben, nachdem sie mit Googles Magenta die Daten sämtlicher Cobain-Songs durchforstet hatten, um deren Erfolgsformel zu knacken. Ist "Drowned in the sun", der eigentlich ein ganz netter Standard-Grunger geworden ist, nun die Essenz des Nirvana'schen Songwritings? Oder die Blaupause für zukünftige Musik, die es vom eigentlichen Urheber nie mehr geben wird? Wie auch immer: Ob Superbloom aus New York die gleichen Statistiken vorliegen und sie auch erstmal einen Bot darüber gejagt haben, ist nicht bekannt. Warum aber Vokalist Dave Hoon im Refrain von "Whatever" nicht gleich "Grandma take me home" fordert, sondern bloß den Songtitel wiederholt? Man kann nur mutmaßen. Mangelnde Kreativität wird nicht der Grund sein.

In Superblooms Grunge-Version verstecken sich Pop-Punk, Shoegaze und andere Neunziger-Relikte nämlich genauso wie der allgegenwärtige gute Kurt. Während dieser bekannterweise meistens nicht ganz so gut gelaunt war, mischt das Quartett seinen Soundwänden statt Weltschmerz aus Eimern aber eine gehörige Portion Sonnenschein unter. "Mary on a chain" kann man sich auch von High-School-Pop-Punk-Kombos ähnlichen Jahrgangs vorstellen, die ihre drei Powerchords nicht mit den Verzerrern des Todes bearbeitet und ihre Flanellhemden ab und zu gewaschen haben. Darin finden Superbloom ganz "Lithium"-mäßig zu Gott, der Song drumherum ist aber ein anderer, obwohl die Hook genauso steil ins Ohr geht. Sperriger und melancholischer ist die Band in "Nothing else" am Werk und kann auch dem verbeulten Akustik-Charme eines "Something in the way" auf "Muzzle" oder – noch offensichtlicher – "Twig" entsprechen.

Ein bisschen im Uncanny Valley wähnt man sich halt schon, wenn "Spill" oder "Glass candy wrap" ertönen. Kurt Cobain scheint entweder 27 Jahre – Zu viel der Ironie? – bei Produzent Will Yip im Keller gehaust zu haben und kam für die Aufnahmen zu "Pollen" wieder zum Vorschein. Oder aber er wurde beim Gläserrücken erfolgreich heraufbeschworen – die stimmliche Ähnlichkeit ist streckenweise schlicht verblüffend. Bloß Möchtegern-Cobains sind Superbloom aber keineswegs. Den Titeltrack unterscheidet zum Beispiel praktisch nichts von Billy Corgans ersten Noise-Skulpturen auf "Gish", und "Worms" hat mehr von Silverchair als von Nirvana. Man hat es hier also eher mit Fanboys eines ganz bestimmten Sounds (und Styles) zu tun, die genau aufgepasst haben und noch dazu talentierte Songwriter sind. Denn das ist sowieso die Krux: "Pollen" reiht Hit an Hit an Hit. Ist es da nicht völlig egal, dass der Hörgenuss regelmäßig Déjà-entendu-Erlebnisse abwirft? Die Eckdaten der Musik mögen dieselben sein – "Drowned in the sun" aber wurde von einem Computer geschrieben, "Pollen" von echten Menschen. Grunge bleibt also nicht nur weiterhin schmerzhaft echt. Sondern vor allem auch: quicklebendig.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Mary on a chain
  • Spill
  • Whatever
  • Twig

Tracklist

  1. 1994
  2. Mary on a chain
  3. Hey old man
  4. Leash
  5. Muzzle
  6. Nothing else
  7. Spill
  8. Worms
  9. Glass candy wrap
  10. Pollen
  11. Whatever
  12. Twig
Gesamtspielzeit: 42:41 min

Im Forum kommentieren

HerrH.

2021-06-13 22:18:10

Puuh, bis vor kurzem konnte ich das noch über ein Unternehmen von Herrn Jeff Bezos streamen, aber jetzt leider unauffindbar!

Totenkopfäffchen Swetlana

2021-06-12 23:56:25

HerrH. wo kann man denn in die No Requests EP reinhören?

Stereofy

2021-06-12 07:59:25

Fühlt sich oft wie ein neues Nirvana Album an, ich hab Lust drauf, läuft und läuft so laut, dass ich die Nachbarn mitnehme

HerrH.

2021-06-10 09:00:47

Ich fand die "No requests"- EP von 2018 (stand jetzt) noch 'n Tacken geiler, aber das hier ist schon richtig gut!!!
Klingt wie ...damals, aaaaber frisch und ohne Staub!

Totenkopfäffchen Swetlana

2021-06-09 23:23:34

Urst geil! Direkt das Album via bandcamp gekauft.

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